Die Zeit wird sie alle fressen (Ⅱ)

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Wenn das Adjektiv wohlhabend sich kuschlig an die Dummheit schmiegt.

Nur wenige Meter entfernt vom Anwesen der Familie Horvat, das ich euch in der ersten Ausgabe meiner Dokumentation des allmählichen Zerfalls vorgestellt habe, befindet sich das Anwesen der Familie Bukar, die noch vor fünfzig Jahren zu den sehr einflussreichen, vor 25 Jahren zu den einflussreichen und gleich im Anschluss zu den besser zu meidenden Familien im Dorf gehörte. Einst, als Großfamilie mit sehr viel Weideland, Nutztieren, Weinbergen und Waldbeständen gestartet, haben es nur zwei Generationen mit Bravour bewältigt, aus dem einst stolzen Anwesen eine Bruchbude werden zu lassen.

Das Drama nahm seinen Anfang, als der einstige Patriarch einen genaueren Blick auf seine Familie richtete, dabei insbesondere seinen einzigen Sohn ins Visier nahm, in ihm das Vorzeigeexemplar eines Nichtsnutzes der Extraklasse erkannte, ihn von Haus und Hof verbannte und ihn als Gastarbeiter nach Deutschland abschob. Hierbei sollte ich vielleicht anmerken, dass das Dorf sich in eine Zweiklassengesellschaft aufteilte. Da gab es die Landbesitzer, die, ganz im Gegensatz zu den Großgrundbesitzern, auch in Zeiten der kommunistischen Machtherrschaft mehr oder weniger unangetastet blieben und, auf der anderen Seite, die Tagelöhner mit einer kleinen Parzelle Land und der immer keimenden Hoffnung, am kommenden Tag zur Feldarbeit engagiert zu werden.

An diesem damaligen Status quo offenbart sich erst so richtig, was der Vater dem ‘missratenen’ Sohn zutraute. Lieber nahm er die Dienste eines Tagelöhners in Anspruch, als den Filius auf den von ihm vorgegebenen Weg zu führen. Zudem, durch hieb- und stichfeste Beweise zwar nicht belegbar, doch in jener Zeit ein beliebtes Freizeitvergnügen, könnte auch die Tatsache eine Rolle gespielt haben, mit der Abschiebung des Nichtsnutzes, dessen Ehefrau mal genauer unter die Lupe nehmen zu können. Die war nämlich im zeitlich unlimitierten Auslandseinsatz des Filius nicht vorgesehen.
… wer Böses dabei denkt.

Irgendwie schien die plötzlich offerierte Möglichkeit, mit dem Gastarbeiterdasein immer mehr an Anziehungskraft zu gewinnen. Verständlicherweise am meisten unter den Tagelöhnern, die, mit der Aussicht auf ein monatliches Gehalt, nicht lange von den Landsleuten überredet werden mussten, die bereits Erfahrungen im Ausland gesammelt hatten. Bemerkenswert dabei - zu 99 % zog es die Männer ohne Familie in die noch ungewisse Zukunft. Ein Umstand, der das tägliche Leben im Dorf vollkommen auf den Kopf stellte. Monatlich eintrudelnde Deutsche Mark, Franken oder Francs ließ die Arbeit als Tagelöhner immer unattraktiver erscheinen. Allerdings machte der plötzliche Überschuss an allein gebliebenen Frauen die wohlhabenden Landbesitzer, zwar auf niedrigem Niveau, aber doch erfinderisch. Als Gegenwert zu einem geräucherten Schinken, hausgemachte Salami und ein paar Krüge Wein kam sich die Zweiklassengesellschaft an abgeschiedenen Plätzen von verhältnismäßig bis sehr fassbar nahe.

Doch, nun zurück zu Familie Bukar, die von heute auf morgen die Erfahrung machen musste, dass der Verantwortliche für das Abrufen aus dem irdischen Dasein manchmal nicht lange damit fackelt seine Entscheidungen in die Tat umzusetzen und sich dann auch nicht durch Speck und Šljivovic davon abbringen lässt. So traf es den Patriarchen, der sich, wie vom Blitz getroffen, aus seiner zwielichtigen Umtriebigkeit verabschieden musste. Ein Abgang, auf den im fernen Deutschland sehnsüchtig gewartet wurde. Der Grabhügel hatte sich noch nicht richtig gesenkt, da präsentierte sich eine kleinwüchsige Witzfigur als das neue Familienoberhaupt. Mit im Gepäck, das er aus Deutschland angeschleppt hatte, das notwendige Kleingeld für ein Haus, wie es im fernen Schwaben als Standard gilt. Dass der einst verstoßene Josef Bukar sich auf der Baustelle zum innovativen Architekten und Bauleiter weitergebildet hatte, das bewies er jetzt mit dem neuen Zuhause seiner Familie, für deren Belange schon längst keiner mehr einen Finger rühren wollte.
Von nun an ging es bergab. Nicht nur mit der Familie, sondern noch viel mehr mit dem einst wunderschönen Familienbesitz in Greifnähe zur jetzigen Residenz.
Der krönende Abschluss: im letzten Jahr, während einer heftigen Frostperiode, platzten die Wasserleitungen in der neuen Villa Bukar. Der einstige Bauleiter hatte die Versorgungsleitungen in die Außenwände verlegt.
Ach so - das mit der Dummheit, das hatten wir ja bereits ganz am Anfang …

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