Wie nähert man sich behutsam einer Thematik, deren alltägliches Erscheinungsbild sich zwar von Minute zu Minute grundlegend verändert, aber in ihrem Ursprung stets die Eigenschaften von zweieiigen Zwillingen vorweisen kann? Oberflächlich betrachtet: fast identisch, aber letztlich komplett verschieden. Alle Weichen sind somit in Fahrtrichtung »heikle Mission« gestellt. Denn ich könnte dabei mit Situationen konfrontiert werden, denen das Prädikat der geistigen Überforderung ans Revers geheftet scheint.
So gewappnet, wage ich mich vor, auf das Spielfeld, auf dem etwas ausgetragen wird, über dessen Regelwerk ich mir bewusst bin, oder, trotz allem, lediglich das Grundsätzliche erahne, teilweise auch verstehe, was überhaupt veranstaltet wird. Oder all das missverstehe, was Abläufe zum Erlebnis machen könnte? Muss ich jedes winzige Foul sehen, oder doch besser einfach übersehen? Auf andere Art formuliert: Achten oder ignorieren, erkennen oder, in der Naivität gefangen, schlicht verkennen, nicht fragen und lieber vorgeben, zu wissen, oder besser einfach die Klappe halten?
Vielleicht gelingt der Einstieg unter Zuhilfenahme der Volksweisheit, dass sich Gegensätze anziehen? Allerdings, mit dem Einschalten des mir noch verbliebenen gesunden Menschenverstands, nehme ich besser Abstand von dieser Möglichkeit, da dieser Spruch sich, bei einem Blick auf die am häufigsten angegebenen Gründe im Zuge einer nicht mehr abzuwendenden Scheidung, selbst ad absurdum führt.
Als da steht zu lesen:
• Wegen unüberbrückbarer Differenzen …
• Völlig voneinander abweichende Vorstellungen über das eheliche Zusammenleben …
• Nicht willens sein, die Absonderheiten des Partners weiterhin zu ertragen …
Der Abstoßeffekt scheint also doch erheblich mehr Intensität als Anziehungskraft in sich zu bergen. Ganz nebenbei bemerkt: Mir fiele es erheblich schwerer, mich an einem innigen Kuss mit meiner Frau zu erfreuen, wenn sie von heute auf morgen auf die Idee käme, beim Metzger im Dorf 500 g Pansen (Kutteln, Flauzen) zu bestellen, um dieses Zeug anschließend (wie auch immer zubereitet) ihrem Magen der Verdauung zuzuführen. Ab diesem Zeitpunkt befände ich mich in ständiger Erwartung, dass sie mir mit verführerischer Stimme ins Ohr flüstert: „Ich liebe dich genau so sehr wie saure Kutteln.” Das Ende der durch Gegensätze geprägten Verliebtheit wäre zum Greifen nah.
Besser, ich entferne mich zügig vom reichhaltig verminten Terrain der zwischenmenschlichen Beziehung und versuche einen Neuanfang auf dem eher als unproblematisch eingestuften Gebiet der Bewegung und der in ihrem Gegensatz stehenden Ruhe. Aber, wie meist, wenn man sich innerlich auf einen geruhsamen Spaziergang eingestellt hat, wird es dann doch komplizierter als erhofft. Sollte ich nicht vorab im Gedankenspiel verweilen und erst dann der Realität enteilen? Geht es für mich vorwärts oder rückwärts, versinken oder erklimmen, treiben lassen und bei günstiger Gelegenheit ankern? Und es wäre noch zu klären, ob ich mich getraue, zu springen, oder ob ich längst gelandet bin. Jeder einzelne Kontrapunkt könnte sich als Stolperstein entpuppen.
Tun oder lassen, handeln oder abwarten, etwas beenden, bevor es überhaupt begonnen hat, lieber die Gelegenheit nehmen, als jemandem eine Gelegenheit zu geben, besser rasch finden, als aufwendig zu suchen, abwägen zwischen sprechen und schweigen, kämpfen oder kapitulieren, nach jeder sich bietenden Chance greifen, wohl wissend, nie rechtzeitig loslassen zu können? Zig Fragen und keine adäquate Antwort. Das mit der unsteten Bewegung in der erhofften Ruhe ist dann offenbar doch komplizierter als anfänglich gedacht.
Hier habe ich mich offensichtlich in einem Netz verfangen, welches in seiner kompliziert verknoteten Struktur kein Wenn und Aber zulässt. Ich sollte mich rasch entscheiden, in welche emotional geprägte Richtung es geht. Anfangen ergibt keinen Sinn ohne die Perspektive des Aufhörens, entstehen und vergehen als untrennbar zu akzeptieren, wachsen und schrumpfen auf ein gesundes Miteinander zu leiten, dem Erinnern stets den Vortritt vor dem Vergessen zu gewähren – vollkommen ungeachtet, ob einst oder jetzt, früher oder später, immer oder nie.
Nun mag sich so manch einer fragen, welche Botschaften ich mit meinem Beitrag weiterleiten möchte. Die Antwort gestaltet sich kurz und bündig: keine! Es war wohl eher der pure Zufall, als das Wort »Gegensatz« bei mir anklopfte und nicht nur um Unterschlupf, sondern darüber hinaus auch noch um eine sättigende Zugabe bat. Mehr als verständlich, wenn in Betracht gezogen wird, dass ein Gegensatz ohne Füllung eher einem nutzlosen Hungerhaken gleicht.
Sofort durchforstete ich meine Vorratskammer und versorgte ihn nicht nur mit dem Nötigsten, sondern packte ihm obendrauf noch eine kräftige Ration für seine bucklige Verwandtschaft, die überall auf der Welt auf widersprüchlichen Pfaden unterwegs ist.
Möglicherweise hat jemand bereits Bekanntschaft mit einem aus der Rotte gemacht. Meist sind sie unterwegs als Dualismus, Divergenz, Antagonismus, Diskrepanz oder auch Antinomie.
Was die Zusammenstellung der Komponenten bezüglich einer vollwertigen Kost betrifft, sind das Lachen und Weinen unerlässlich. Beim Lieben gilt es zu beachten, dass das leicht verderbliche Produkt nicht überhitzt wird, wohingegen auf das Hassen gänzlich verzichtet werden sollte. Ich rate auch zu mehr Hoffen als Verzweifeln. Gleiches ist ratsam beim Wachsen und Welken, Steigen und Fallen, und erst recht beim Leben und Sterben. Auf Letzteres sollte erst zurückgegriffen werden, wenn Beginnen und Enden bis zum letzten Atemzug ausgekostet wurden. Doch bis zu dem Punkt, wird erst noch auf- und abgebaut, gewonnen und verloren, Teile verbunden und wieder zerlegt, tagelang geplant und dann doch improvisiert. Den Mut besitzen, sich jemandem völlig zu öffnen, weil sich nur zu verschließen, leicht den sonnigen Tag als tiefschwarze Nacht erscheinen lässt.
Also, alles nicht so einfach bei einer Ernährung, bei der Wohl und Übel sich so eng aneinander schmiegen.
Geradeso wie im richtigen Leben, welches mir unzählige falsche Fährten zu legen scheint. Das Resultat spiegelt sich in einer Orientierungslosigkeit, die Ihresgleichen sucht. Nord oder Süd? Vielleicht am angenehmsten der Weg mit der Sonne von Ost nach West? Will ich weiter an meiner unstillbaren Hoffnung schrauben und dabei regelmäßig am daraus Resultierenden verzweifeln? Lieber im Überschwang genießen als in der Mutlosigkeit geduldig zu entbehren? Nicht im Groll die eigene Kraft vergeuden, stattdessen lieber der Vergebung den Vorzug gewähren? Gänzlich gelassen im Chaos beruhigende Worte finden, als die Ordnung mit beunruhigenden Thesen ins Gegenteil verkehren?
Mit dem Wiederauftauchen des hinterlistigen Substantivs »Gegenteil«, welches überhaupt die fontanisch vorgegarten Irrungen und Wirrungen in meiner Gedankenwelt auslöste, scheine ich wahrlich am Ende der Wortspielerei angekommen zu sein. Wobei noch immer im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses im Hamburger Schanzenviertel darüber gestritten wird, was sich überhaupt als Anfang und Ende bezeichnen darf, ohne darüber vorab intensivst diskutiert zu haben.
So bleibt mir die Erkenntnis: Geistesblitze kommen unerwartet und gehen anschließend unbeeindruckt ihres Weges. Fragen liefern nur selten die passenden Antworten, während gewinnbringende Erkenntnisse an der emotionalen Börse in den häufigsten Fällen sich erst nach einer verlustreichen Rallye ans Tageslicht wagen.
In diesem Sinne (weit ab eines Antagonismus) – bleibt gesund und munter.