Der ausschlaggebende Anlass für diesen Beitrag liegt zwar nahezu zwei Wochen zurück, scheint sich allerdings dermaßen heimisch in meinem Hinterkopf zu fühlen, dass er gar als Dauergast eingestuft werden könnte. Da dies jedoch diametral zu meinen Wünschen und Richtlinien steht, was ungebetene Eindringlinge in meine Gedankenwelt betrifft, erscheint es mir höchst dringlich, diesen penetrant hartnäckigen Besucher an die frische Luft zu geleiten.
Den Fahrstuhl hinauf in meine Denkfabrik stellten an jenem Sonntag die ARD und das ZDF zur Verfügung und öffneten dessen Türen für zwei Mitglieder ein und derselben Partei. Alice Weidel und Tino Chrupalla. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass ich weder die eine noch die andere Übertragung zum Zeitpunkt ihrer Ausstrahlung verfolgt habe. Vielmehr stehen zu dieser Uhrzeit wichtigere Dinge für mich auf der Tagesordnung (Fütterung der tierischen Mitbewohner) und außerdem ging der Programmhinweis, wer sich an jenem Sonntag medienwirksam zu präsentieren hofft, vollkommen an mir vorbei.
Meine Aufmerksamkeit wurde erst Stunden später durch einen Artikel auf einem kroatischen Portal geweckt, in dem sich dessen Autor ernsthafte Sorgen betreffend der Zukunft eines Mitgliedstaates der EU zu machen schien. Ein triftiger Grund für mich, nach diesen Aufzeichnungen zu fahnden, auf die der Beitrag Bezug nahm. (Gar nicht so einfach, wenn dem Kroaten auf dem hügeligen Land der Zugang zur jeweiligen Mediathek verweigert wird.) Frei nach dem Motto: »Wo ein Wille, da auch ein Link« hatte ich all das Verpasste in mich aufgesogen, was bedauerlicherweise bis zum jetzigen Moment nicht weichen will.
Nicht der gebotenen Höflichkeit geschuldet, sondern schlicht und ergreifend der Absurdität des gesamten Interviews geschuldet, gewähre ich der Dame, im Zuge meiner Aufarbeitung, den Vortritt. Der Journalist Wulf Schmiese traf Alice Weidel in Wien zu einer beinahe schon grotesken Form des »Hase-und-Igel-Wettbewerbs«. (Denn als ein Interview würde ich diese Performance wahrlich nicht bezeichnen wollen.) Anzunehmen ist, dass der Mann vom ZDF sich im Vorfeld einen kleinen Katalog an Fragen zurechtgelegt hat. Voller Zuversicht, auf diese dann auch Antworten zu erhalten. Die Vordenkerin und Fachfrau bezüglich „überzeugender” Alternativen für Deutschland, hatte vorab allerdings auch an einer Strategie gebastelt, die wohl meiner Interpretation recht nahekommt: Mich interessiert überhaupt nicht, was der von mir wissen will. Ich nehme die günstige Gelegenheit wahr und verkünde unbeirrt meine heilbringenden Botschaften.
Ganz eindeutige Punktsiegerin dieser Herausforderung: Alice Weidel.
Anstatt Frau Weidel zehn Minuten zu gewähren, um das von ihr zurechtgelegte und zigfach Vorgekaute preiszugeben, über welch verschlungene Pfade sie und ihre Glaubensgemeinschaft das verloren scheinende Volk zurück auf den Weg zur Erleuchtung zu führen gedenken, und anschließend ganz gelassen auf jene Baustellen einzugehen, die in den Botschaften keine Berücksichtigung fanden, hoffte der Journalist noch immer, mit seiner Gegenüber ins Gespräch zu kommen. So viel Naivität hätte ich bei Herrn Schmiese nicht vermutet.
Die studierte Volks- und Betriebswirtin schwadroniert nicht nur über den Austritt aus dem Schengenraum, über die Schließung der Grenzen, Abschiebungen von beschäftigungslosen Menschen ohne deutschen Pass und die unvermeidliche Remigration, sondern auch noch über den Ausstieg aus dem Euro und die Rückkehr zur D‑Mark. Das, fein säuberlich zum handlichen Vorhabenpaket geschnürt, sollte jedem Deutschtümmler zu denken geben. Versprechen, mit den genannten Maßnahmen das Wirtschaftswachstum in Deutschland anzukurbeln, sind ähnlich unverantwortlich und gleichzeitig realitätsfern, wie die Behauptung, ab 1932 habe die NSDAP für den Wirtschaftsaufschwung im Reich gesorgt. Unsinn bleibt auch dann Unsinn, wenn er konsequent unzählige Male wiederholt wird.
Bevor ich jedoch das journalistische Desaster mit einem Knopfdruck beendete, interessierte mich dann doch, welche Alternativen für das deutsche Volk der Mitstreiter von Frau Weidel, Tino Chrupalla, bei der ARD aus der Wundertüte hervorgekramt hatte. Der durfte dann auch auspacken. Nur saß ihm nicht Ulf Schmiese, sondern Markus Preiß gegenüber. Ein Journalist, der dafür bekannt ist, vom Nachlaufspiel mit Hecheleinlage im Interview überhaupt nichts zu halten. Dies bekam dann auch der vermeintliche Zauberer aus der Oberlausitz zu spüren. Ihm wurde gewährt, zu verkünden, dass der Mensch mit dem Klimawandel so gut wie nichts zu tun hat. Das Wetter sich logischerweise eben sporadisch ändert, und man nur richtig darauf reagieren muss. Ergo, ist eine Diskussion über das Aus des Verbrennungsmotors so unnötig wie ein heranwachsender Kropf.
Es folgten noch weitere Offenbarungen, die allerdings in ihrer Deckungsgleichheit mit den Thesen seiner Parteikolllegin nicht zu übertreffen waren, und somit (meiner Einschätzung nach) eine Wiederholung sinnlos erscheinen lassen. Was mich allerdings bei diesen Verkündungen stutzig werden lässt, sind ihre Verpackungen, die so neutral und beinahe unbedenklich daherkommen, dass so mancher Zuschauer in Versuchung gerät, zu vergessen, welche Alternativen für Deutschland ebenso im Paket stecken, die (wo immer sich die Gelegenheit bietet) auch ohne Verpackung geliefert werden.
Ein paar Beispiele gefällig?
„Alles für unsere Heimat, alles für Sachsen-Anhalt, alles für Deutschland!“
Björn Höcke bei einer Rede im Jahr 2021.
Anmerkung meinerseits: „Alles für Deutschland“ war während der NS-Zeit der Wahlspruch der Sturmabteilung (SA).
„Von der NPD unterscheiden wir uns vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützer-Umfeld, nicht so sehr durch Inhalte.“
Dubravko Mandić, Rechtsanwalt und ehemals Stadtrat für die AfD in Freiburg, mittlerweile u.a. Verteidiger des Rechtsextremisten Martin Sellner.
„Die Pläne für einen Massenaustausch der Bevölkerung sind längst geschrieben.”
Beatrix von Storch, MdB
„Diese Kümmelhändler, diese Kameltreiber sollen sich dorthin scheren, wo sie hingehören. Weit, weit, weit hinter den Bospurus.”
André Poggenburg (ehemaliger Landeschef der AfD Sachsen-Anhalt)
„Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und zwar nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk, liebe Freunde.“
Markus Frohnmaier, MdB
„Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft! (…) Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft. Und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“
Björn Höcke
„Quoten nützen übrigens nur unqualifizierten, dummen, faulen, hässlichen und widerwärtigen Frauen.“
Heiner Merz, ehemaliger AfD-Landtagsabgeordneter von Baden-Württemberg
„Remigration ist kein Unwort. Remigration ist eine Selbstverständlichkeit und das Gebot der Stunde.“
Ulrich Siegmund, AfD-Sachsen-Anhalt und hochgehandelter Erlöser von allem Übel, was diese »Flachzangen« (O-Ton Alice Weidel) in Berlin mit Deutschland angerichtet haben.
Zum Abschluss bleibt mir die Hoffnung, mich mit dieser Aufarbeitung der Gedanken, von diesem Ballast befreit zu haben, denn es stehen bereits drei weitere Kandidaten in Wartestellung:
Was hat eine handelsübliche Zange aus dem Baumarkt bloß verbrochen, um zu einem Schimpfwort degradiert zu werden?
Steht dem »Noch-EU-Land« ein Getriebeschaden in Aussicht, oder marschiert man allsbald nur noch im Rückwärtsgang stramm nach vorn?
Da Alice Weidel vor diesem Pseudo-Interview im ZDF erfrischende, erhellende und ergiebige Gespräche mit Vertretern der FPÖ in Wien führte, darf alsbald gehofft werden, dass auch das Ding mit dem »Wieder-Anschluss« im Rückwärtsfieber nicht ausgeschlossen bleibt.
Aber das alles sind ja lediglich Gedanken eines leicht Verwunderten mit mulmigem Gefühl in der Magengegend, auf dem hügeligen Land, südlich der Karawanken.