Dies ist mein Beitrag zu dem Thema, das @vanje mit diesem Beitrag anstieß.
Vorwort:
Ich nehme den vielleicht vollkommen unsinnigen Versuch in Angriff, den Einstieg und das Überleben auf Hive, aus einem Blickwinkel zu kommentieren, der überflächlich betrachtet möglicherweise unverständlich erscheint, aber trotzdem etwas mit einem Miteinander zu tun hat, bei dem eine angemessene, faire Umgangsweise Grundlage all dessen zu sein scheint, was jemandem am Ende zum Verweilen einlädt.
Nicht ohne Grund starte ich mit einer Interpretation des von Stephen Sondheim geschriebenen Liedes, welches all das beinhaltet, wie es sich anfühlt, keinen Plan mehr für die Zukunft zu haben. Händeringend bittet man um, wie im Zirkus, den Auftritt des Clowns. Doch was, wenn auch der Clown keine Zeit mehr hat?
Wenn es mir gelingt, meine ausnahmslos gut gepflegten Macken objektiv zu beurteilen (was allerdings in der Praxis selten hinhaut), dann bleibt mir nur, folgendes Résumé zu ziehen: Man kann sich sein Dasein auch hervorragend selbst verkomplizieren.
Ich gedenke, es an einem Beispiel zu erläutern, da diese spezifische, mir anhaftende Eigenheit in diesem Beitrag eine nicht unwesentliche Rolle spielen wird. Alles dreht sich dabei um das Überqueren übermäßig hoher Hürden auf meinem Weg bis zum gedeckten Tisch in einem Restaurant, in dem ich ausnahmslos als Gast eine Rolle spielen darf.
Was in der Realität für mich bedeutet, keinen Einfluss auf die Besetzung der Équipe de Cuisine nehmen zu können oder gar bei der Zuständigkeit im Service von der Restaurantleitung eine große Rochade einzufordern. Das Motto lautet unumstößlich: „Nimm es hin, wie es ist.” Wenn es nicht mundet oder der Kellner dir ständig beim Nachschenken die Hose mit scharfer Bügelfalte zukleckert, erst dann ist deine Zeit zum Sturm auf die Bastille gekommen. (Sollte die Bastille nicht mehr auffindbar sein, dann tut es auch der Chef de Rang.) Mit diesen Vorgaben im Gepäck, erklärt es sich nahezu von selbst, weshalb die Hürden auf meinem Weg zum Genusstempel höhenmäßig bei Weitem das überschreiten, was man aus der Leichtathletik so gewohnt ist.
Dieser Fakt erklärt nun einiges – aber bei Weitem nicht alles. Hinzu gesellt sich nämlich noch, an meinen Ansprüchen (Erwartungen) im Vorfeld so lange herumgeschraubt zu haben, dass sie inzwischen bei einer Höhe angelangt sind, an der Armand Duplantis mitsamt seinem Stab scheitern würde. Dies berücksichtigend, stellt sich automatisch die Frage: Wie blöd muss einer nur sein, wenn seine überzogenen Hoffnungen sich in aller Regel als Stolperfallen erweisen? Darauf kann ich nur antworten: Wenn schon eine Macke, dann wenigstens eine aus der obersten Kategorie. (Das ist dann die mit den funkelnden Sternchen.)
Allerdings sollte eine nicht unbedeutende Randbemerkung bei der Aufzählung meiner Kapricen nicht unberücksichtigt bleiben. Im Laufe meines beruflichen Werdegangs nahm ich mehrfach eine mir angebotene Offerte dankend an, das Alltagsgeschäft in der „gehobenen“ Gastronomie live und in Farbe mitzuerleben. Wobei das Miterleben sich nicht auf das Zuschauen und Verkosten beschränkte, sondern voller körperlicher und geistiger Einsatz von meiner Seite erwartet wurde. Solche „Ausflüge“ konnten sich auch über einen ganzen Monat erstrecken und wurden mit einem Taschengeld entlohnt. Der Grund für derartige »Abstecher« erklärt sich gewissermaßen von ganz allein.
Nicht selten wurde ich nämlich mit der Frage konfrontiert, was mich überhaupt dazu befähigt, bleibende Eindrücke von Restaurantbesuchen journalistisch aufzuarbeiten, um diese dann einer hoffentlich breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Die ehrliche Antwort: Abgesehen von einer subjektiv geprägten Wortgewalt – eigentlich nichts! Ich war schlicht und einfach der Blinde, der sich berufen fühlte, die Farben neu zu definieren. Um zukünftig ohne Langstock und Dreipunkt-Armbinde agieren zu können, folgte ein Semester Hotelfachschule und jene Schnupperkurse mitsamt der Erfahrung, wie richtiger Stress, weit abseits des Schreibtisches, einen Arbeitstag bestimmen kann.
Jedenfalls siegt momentan Neugier über Skepsis, da ich fest entschlossen bin, dem Tipp eines Freundes zu folgen, und dem »Chalet Hive« einen Besuch abzustatten, um beurteilen zu können, ob dieser Ort dem gerecht wird, was die Betreiber sich selbst auf die Fahne geschrieben haben: Herberge des exquisiten Geschmacks.
Vielleicht erlebe ich ja eine positive Überraschung, und meine Messlatte der Erwartungen wird mit Bravour überwunden. Ein erster Blick in das nahezu komplett digitalisierte Restaurant bringt mir sofort die Gewissheit darüber, dass ich ohne Reservierung (Anmeldung) lediglich an einem Amuse-gueule schnuppern darf. Der wahre Genuss erfolgt erst nach der festen Buchung. Kein Problem, da ich heutzutage sogar bei Hassan in der Goethestraße vorher anrufen muss, wenn ich mein gefülltes Fladenbrot nicht im Stehen essen möchte.
Bevor allerdings in der Küche sich die erste Trüffelknolle dem Hobel nähert, begutachtet der Gast, möglichst ohne Hast (d. h.: ohne Kellner mit Wespen in der Hose in seiner Nähe), das Angebot. Und augenblicklich trifft mich der Schlag. Die Vielzahl des Speisenangebots erinnert mich an den Chinesen neben dem Hauptbahnhof, bei dem das letzte Dessert auf der Karte (gemischtes Obst aus der Dose nebst einer kalten Pampe mit Vanillegeschmack) mit der Nummer 392 gekennzeichnet ist. Um wenigstens einigermaßen einen Überblick zu erlangen, konzentriert sich mein Interesse vorerst auf jene Gerichte, die sich unter dem Sammelbegriff »DACH« versammelt zu haben scheinen. Keine Exkursionen nach Übersee oder auf die iberische Halbinsel. Heute belasse ich es bei Sauerkraut, Rösti und Wiener Schnitzel.
Kaum ist diese Reißleine gezogen, werde ich mit dem Umstand konfrontiert, zwar aus einer enorm hohen Anzahl an Tagesgerichten stöbern zu können, aber auf der Suche nach einem vier- oder sechsgängigen Menü kläglich zu scheitern. Ich finde zwar verschiedene Menüvorschläge, doch scheinen sie in ihrer Zusammenstellung stets der gleichen Zubereitungsart zu folgen. Das mag vielleicht den Gourmet erfreuen, der das facettenreich verarbeitete Hirn über alles liebt, alle Zutaten sich durch ein schlichtes Schwarz und Weiß hervortun oder, gerade das Gegenteil, in surrealistisch anmutender, bunter Farbenpracht den Weg auf den Teller finden.
Doch dann entdecke ich auch noch die Menüseite für die ganz Peniblen, für die hinter jeder Erbse die in ihr verborgenen Kalorien vermerkt sind. Damit jene Erbsenzähler nicht in eine Depression (unter den Tisch) rutschen, erhalten sie auch noch exakte Daten darüber, wie viele Schritte nach dem Verzehr getätigt werden müssen, um sich im Anschluss fragen zu können, was Essen eigentlich mit Genuss zu tun hat.
Als bemerkenswert erachte ich auch die scheinbar gängige Praxis, jedes Gericht mit dem Datum seiner erstmaligen Kreation und dem Namen des verantwortlichen Koches (Zubereiters) zu versehen. Dies erleichtert es, zu erkennen, welche dieser Tagesgerichte sich einer besonderen Beliebtheit (Standhaftigkeit) erfreuen. Unklar bleibt dennoch, ob diese Popularität auf die Kochkunst oder doch „nur“ auf die Bekanntheit des Erschaffers zurückzuführen ist. Hoffentlich gelingt es mir noch, diesbezüglich eine befriedigende Antwort zu finden.
Gleiches gilt auch für die in jeder Fußzeile auf der Speisekarte vermerkte Offerte an den Gast, sich mit eigenen Kreationen oder (noch interessanter) mit finanziellen Beigaben in den Status eines Anteilseigners am »Chalet Hive« in eine Position am Küchenherd aufzuschwingen, aus der dann Wünsche nach selten verwendeten Gewürzen erfüllt werden könnten. (Ich verweile im Konjunktiv, da mir für den Indikativ noch das erhellende Momentum fehlt.) Aber, vielleicht erreicht auch hier noch der Lichtstrahl die Dunkelkammer? Jedenfalls bleibt mir verborgen, wer und seit welcher Aktionärsversammlung im Vorstand oder im Aufsichtsrat sitzt und wer für das produktive Geschäft die Verantwortung trägt. Sollte, bezogen auf den letztgenannten Punkt, die Antwort „jeder Einzelne in der Produktion“ lauten, dann wühle ich ab sofort doch besser in den Vereinsstatuten einer Genossenschaft (mit unbeschränkter Haftung).
Ich muss, mit leichten Anzeichen einer Konsternierung, mir eingestehen, mehr Hirnschmalz in das Studium der Speisekarte einbringen zu müssen, als ich es in der Goethestraße bei Hassan gewohnt bin.
Ich bleibe jedenfalls in dieser Angelegenheit geistig aktiv, obwohl mir noch nicht einmal eine einzige Erbse (7,8 kcal und abbaubar durch ein intensives Kratzen am Hinterkopf – ohne auch nur einen Schritt getan zu haben) serviert wurde.