Es sind seither 229 Jahre vergangen.

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Man kann also nicht behaupten, er hätte uns nicht früh genug gewarnt.

Über das diffizile Verhältnis von Mensch und der KI

Genauer gesagt: Helge Mustermann und Alex Ructus verbannen den Menschenverstand auf die Ersatzbank.

Alle Archive sind durchforstet, auch der im spitzen Winkel abzweigende geistige Quergang ist abgeschritten – doch fündig wurde ich nicht. Denn ich kehre gerade zurück von einer intensiven Suche nach von mir verfassten Sätzen, abgegebenen Wortmeldungen oder verschroben formulierten Fußzeilen mit bereits leichtem Schimmelbefall, aus denen sich herausfiltern ließe, je Lobeshymnen auf die KI veröffentlicht und bedenkenlos abgelegt oder auf andere Weise hinterlassen zu haben. So nehme ich zur Kenntnis, seit Beginn der Aufführung dieses Trauerspiels, in dem Bereich des Theaters Platz genommen zu haben, aus dem die geringste Hoffnung auf ausgiebigen Beifall zu erwarten ist.


Der Grund, dass das euphorische Klatschen von akuten Lähmungserscheinungen in beiden Unterarmen beeinflusst wird, hat wohl viel mit dem Faktor zu tun, dem vom Menschen bevorzugten Gangart, den Weg zu Macht und Einflussnahme zu beschreiten, zutiefst misstraue.
Um dieses Misstrauen besser veranschaulichen zu können, bediene ich mich einer kleinen List und wandle das „Projekt KI“ in einen Menschen aus Fleisch und Blut um. Und wie wir alle wissen, scheint es ein alter Brauch zu sein, dem gerade Neugeborenen einen Namen zu verpassen. Da aber diese Spezies auf zwei Beinen häufig in Kategorien wie männlich und weiblich eingeteilt wird, vereinfache ich mir die Sache und entscheide mich für einen Vornamen, der in jede Schublade passt. Ich entscheide mich daher für Alex. Bei der Zuordnung des Nachnamens nähere ich mich allerdings dem unbestellten Acker. Ich bin mir nicht sicher, was gerade in die Zeit passt, die mit der Aussaat beste Resultate erwarten lässt. Ein Blick auf das Angebot stellt mich vor die Wahl. Folgende Samen bieten sich für einen aussagekräftigen Namen an: Kotz, Würg, Aufstoß, Brechreiz oder Vielfraß.


Doch bin ich hier an einem Punkt angelangt, an dem es mir ratsam erscheint, eine Frage ans Publikum zu verteilen: Wer von uns käme auf die Idee, sein Neugeborenes auf dem Standesamt mit Alex Aufstoß verewigen zu lassen? Ein enorm stolzer Erzeuger und autorisierter Namensgeber, wird hoffentlich mit dem Wissen ausgestattet sein, zu welcher Belastung ein Nachname werden kann, der sich für makabre Wortspielereien von allen Seiten her offen zeigt. Daher ist für den Aufstoß die letzte Klappe bereits gefallen, bevor ein Wortakrobat auch nur ansatzweise an ihm Anstoß nehmen könnte. Es wird als Folge dessen weder gewürgt, noch gekotzt, noch gefressen.
Ich lege mich auf Alex Ructus fest. Ob von vorn, von hinten, oben oder unten betrachtet – Ructus birgt absolut nicht die Gefahr in sich, als könnte er einem früher oder später übelst aufstoßen. Wir halten somit fest: Ab sofort ist die KI der Schnee von gestern. Alex Ructus hat das Ruder übernommen. Beste Voraussetzung für mich, den umbenannten Tausendsassa genauer (kritisch) unter die Lupe zu nehmen.


Was mir bereits bei unserem ersten Aufeinandertreffen ganz gewaltig auf den Keks geht, ist die von Alex konsequent propagierte Besserwisserei, gepaart mit der Dauerfreundlichkeit. Ich kann mich einfach nicht vom Gefühl trennen, ununterbrochen überheblich angegrinst zu werden. Da solche Verhaltensweisen bei mir starke Verkrampfungen in der Magengegend auslösen, versuche ich, dem zu entgehen, indem ich meinem Gegenüber mit nervtötenden Nachfragen den Tag verderbe. Auch Ructus bleibt davon nicht verschont. Und siehe da – der überschlaue Dauergrinser zeigt plötzlich seine ruppige Seite. Ich interpretiere diesen Habitus so: Wenn dir nicht passt, was ich serviere, und du mir lieber ans Bein pinkelst, dann schleich dich, du Depp.

Derlei Verhaltensschwankungen werfen zwangsläufig Fragen zur Ernährung des Probanden auf. Wie und womit stillt Alex Ructus überhaupt sein ernährungstechnisches Verlangen? Dieser Frage auf den Grund gegangen, offenbaren sich rasch Ansatzpunkte, was die Ursache dieser multiplen Disharmonie im Agieren zwischen treuem Diener, eloquentem Ratgeber und beleidigter Leberwurst sein könnte. Alex Ructus ernährt sich ausschließlich von dem, was Erdenbewohner heute, gestern, vorgestern, oder vor Jahrzehnten verspeist, verdaut und wieder ausgeschieden haben. Wer wundert sich, mit diesem Hintergrundwissen, überhaupt noch über Verstopfungen, Reizdarm und regelmäßigen Reflux?
Der medizinischen Betrachtungsweise folgt dann auch automatisch der juristische Blick auf den Fall Alex Ructus. Und hier tun sich dann die wahren Abgründe auf. Der Tänzer auf allen Hochzeiten, steht weltweit auf den Fahndungslisten, beschuldigt des Diebstahls in nicht mehr in Zahlen darzustellenden Fällen. Was sagt mir das? Der hinterlistige Bandit klaut von dir, von mir, Oma Klara, von Till Eulenspiegel, von Kant, Baselitz, Kepler und von Otto Waalkes. Auch die Schatulle von Einstein wurde von ihm geleert. Dass rhetorische Unsäglichkeiten eines Joseph Goebbels als Beute verschont blieben, mag glauben, wer will – ich jedenfalls nicht. Alex Ructus und ich waren uns emotional noch nie sehr nahestehend, aber jetzt, rücken wir in Lichtgeschwindigkeit voneinander ab.


Was sich bei meiner Recherche obendrein offenbart, ist der unbestreitbare Fakt, dass Alex sich den überwiegenden größten Teil des Tages mit der Onanie vergnügt. Onanie, wie wir aus den Schilderungen der Patris im Religionsunterricht wissen, ist die gottesverachtende Technik, die bei Männern zu einem vermehrten Wachstum von Haaren auf dem Handrücken führt und Frauen einen unübersehbaren Schnurrbart einbringt. Ganz nebenbei wird selbstverständlich auch das Rückenmark durch diese lasterhafte Freizeitbeschäftigung stark beschädigt. Mit diesen Vorgaben ausgestattet, darf jeder von uns an dem Bild basteln, wie Alex Ructus wohl aussehen mag.

Außerdem haben wir es, wie bei der Wahl des Vornamens bereits berücksichtigt, unzweifelhaft mit einer hermaphroditischen Person zu tun. Einerseits ist da die stets empfangsbereite Gebärmutter, die das Empfangene nach kurzer Tragezeit in einem aufgepeppten Zustand in den Orbit entlässt. Andererseits der Hohepriester der perfekten Selbstbefriedigung, der das Ejakulat voller Stolz an die öffentliche Samenbank weitergibt, von wo es mit Inbrunst befruchtet und weiterverbreitet wird.


Gänzlich unberücksichtigt sollte ich auch nicht jene Stimmen lassen, die behaupten, dass sich Alex offensichtlich doch nicht komplett der fruchtbaren Eigeninzinierung verschrieben hat, sondern dann doch dazu übergegangen ist, seiner Laufkundschaft den Weg zur Wunscherfüllung lediglich zu ebnen, wenn auch sein Verlangen berücksichtigt wird. Ich muss mich zwingen, zu diesem Vorgang keine Bilder vor meinem inneren Auge auftauchen zu lassen.
Dann wende ich mich doch lieber einem Thema zu, welches sich längst aus der Gerüchteküche verabschiedet hat und daher keiner vorgehaltenen Hand mehr bedarf. Es mehren sich nämlich die Hinweise darauf, dass Alex sich auch liebend gern bei seiner anverwandten Nachbarschaft bedient, um anschließend das Abgegriffene stolz an sein Revers zu heften. Doch damit nicht genug. Aus purer Langeweile bastelt er sich digitale Drohnen, mit denen er dann aus Jux und Tollerei mittelschwere Beben in so manchem Rechenzentrum auslöst. Dabei soll es allerdings auch schon vorgekommen sein, dass ihm solch ein Teil auf dem eigenen Schoß explodiert ist. So etwas soll auf dem Weg zu einer standhaften Erektion nicht sonderlich hilfreich sein. – Sagt man zumindest.

Bevor das Chaos in meinem Kopf nun doch die Oberhand gewinnt, suche ich die Nähe zu einem Mann, der Drohnen unter Garantie nicht ausstehen konnte, Beben mit seinen Worten verursachte und sich ganz nebenbei auch darüber Gedanken zu machen schien, wie schwer sich der Mensch im Umgang mit der Technik tut.

Johann Wolfgang von Goethe – Der Zauberlehrling

Es ist zwar schon ein paar Tage her, als Johann Wolfgang von Goethe diese Ballade zu Papier brachte, doch hat sie bis in die heutige Zeit weder an Anziehungskraft noch an der in Worten wundervoll verpackten Botschaft über das schwierige Verhältnis von Mensch und Technik eingebüßt. Friedrich Schiller gehörte wohl zu einem der Ersten, denen Goethe das Manuskript vorlegte. Der war so tief beeindruckt, dass er das Werk umgehend in seinen, im Jahr 1798 erschienenen Musen-Almanach, einfließen ließ – somit exakt ein Jahr nach der Entstehung.
Aber nicht nur Schiller erkannte die Genialität der Ballade und die vielfältigen Möglichkeiten einer Deutung des Inhaltes, sondern auch (viel, viel später) ein wuseliger Pennäler an einem saarländischen Gymnasium, der völlig konsterniert, mit der Erkenntnis, dass auch im neuen Schuljahr Dr. Egon Eckert die Deutschkursler malträtieren wird, kurzerhand sich beim alten Meister bediente und dieses abgewandelte Zitat vor sich hinmurmelte: »Man wird sie nicht mehr los, die Geister, die man einst rief.«

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
Merkt’ ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu’ ich Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
Daß zum Zwecke
Wasser fließe,
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße!

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!

Walle! walle
Manche Strecke,
Daß zum Zwecke
Wasser fließe,
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße!

Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! –
Ach, ich merk’es! Wehe! wehe!

Hab’ ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.

Nein, nicht länger
Kann ich’s lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh’ ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!

Willst’s am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten,
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten.

Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nun auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe!
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte

Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör’ mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd’ ich nun nicht los.

„In die Ecke, Besen, Besen! Seid’s gewesen! Denn als Geister Ruft euch nur zu seinem Zwecke Erst hervor der alte Meister.“

Ganz ohne musikalische Beilage geht es auch heute nicht.

Eine kurze Anmerkung des Schreiberlings:
Ich bitte eventuelle orthografische oder grammatikalische Fehlleistungen zu entschuldigen. Alex Ructus wurde mit der heißen Nadel gestrickt, was bei mir, nach dem unerwarteten Auffinden von einem verworrenen Wollknäuel, durchaus üblich ist. Zudem ist die Traubenlese, das Pflücken der Äpfel und das Ablegen nahezu überreifer Birnen in mit Heu gepolsterte Behältnisse, auf der Überholspur. Das Korrekturlesen, welches zwar Laufmaschen wieder einfangen sollte, findet sich dann rasch auf dem Abstellgleis.

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