Die Sandsteinmauer (inkl. Folgen)

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1. Teil einer lebensbeeinflussenden Aufbauarbeit

Einleitung:
Es sind ein paar Tage vergangen, seit ich über einer, nicht ganz so bierernst zu nehmenden Arbeit über Homonyme in der deutschen Sprache brütete, dabei gedankenverloren am morgendlichen Kaffee nippte und mich, wie aus dem Nichts heraus, einer Ablenkung (Ursache unbekannt) in die Arme warf, die mir den Weg ebnete, über mich, Aktuelles und Vergangenes nachzudenken. Mit dabei in diesem umfangreichen Paket, die von stayoutoftherz@stayoutoftherz an meine Adresse gerichtete Empfehlung, doch einmal den Versuch zu unternehmen, mit ein paar Sätzen einem breiteren Publikum darzulegen, wie mein Tagesablauf im Allgemeinen strukturiert ist. Zwar getraute sich bislang, betreffend dieses Themas, noch kein einziger Satz auf das Papier, was allerdings nicht als Desinteresse gedeutet werden sollte. Vielmehr rumorte es, im produktiven Sinn, gewaltig im Hinterstübchen, wobei eine Idee die Oberhand gewann, mit der ich mich rasch anfreunden konnte. Sie basiert darauf, bevor ich mich dem aktuellen Geschehen zuwende, vielleicht erst einmal darzulegen, welcher Zick-Zack-Kurs für mich bis heute zielführend war. Um das Zickzack meiner Vergangenheit zeitlich exakter zu benennen, musste ein stabiler Unterbau in Form einer Überschrift her. Die Entscheidung fiel auf: Alles begann an jenem Tag, als ich mir plötzlich ganz sicher war, dass …

Dies war offensichtlich ein Startschuss, wenn ich (nach nur acht Tagen) die ersten achtzig bekritzelten Seiten auf meinem Schreibtisch betrachte, zu einer wahrlich ausgedehnten Reise in die Vergangenheit. Der Umfang dieser Erzählung lässt aber auch nicht den geringsten Zweifel zu, etwas Tag für Tag weiter aufzustocken, was für Hive absolut untauglich ist. Aus diesem Grund, entschied ich mich, eine kleine Episode dermaßen zurechtzustutzen, um sie auch für die Liebhaber von Fast Food bekömmlich zu machen. Den aus dem Text gestrichenen “Vorlauf” reduziere ich auf ein paar wenige Sätze.

Der Wunsch, endlich das Gitane-Rennrad, das ich im örtlichen Fahrradladen gesehen hatte, als mein Eigentum zu bezeichnen, näherte sich in seiner Umsetzung in etwa dem Versuch, ein nicht zu bändigendes Tier im Zaum zu halten. Um das Rad jedoch zu finanzieren, konnte ich einen Vorschlag meiner Eltern nicht ablehnen. Der hörte sich ungefähr so an: „Wenn du das Rad unbedingt willst, dann betätige dich in der ersten Ferienwoche als Handlanger am Bau, wenn bei uns vor dem Haus, um den Vorgarten herum, die Sandsteinmauer errichtet wird.“ Ein Vorschlag, dem ich keine wirkliche Alternative entgegen setzen konnte.


Viel Vergnügen!

Die erste Ferienwoche brach an, und, wie offenbar mit dem Bauherrn verabredet, näherten sich zwei gestandene Mannskerle aus dem älteren Semester mit Utensilien unserem Haus, mit denen ich noch nie zuvor in Berührung gekommen war (sieht man einmal von den beiden Plastikeimern ab). Nahezu gleichzeitig rangierte ein Lkw rückwärts in die Garagenzufahrt, und kippte eine irre Menge groben Sand auf die akkurat, einem Jahr zuvor verlegten Verbundsteine. Gleich neben der Ladung wurden dann auch noch säckeweise Zement gestapelt. Als ich schon glaubte, das wäre es mit den Veränderungen gewesen, parkte plötzlich ein Lieferwagen auf dem Gehweg, von dessen Ladefläche man eine Betonmischmaschine direkt neben das Abgekippte und Gestapelte hievte. Der Fahrer des Lieferwagens zauberte noch ein Verlängerungskabel bei, mit dem er das orangefarbene Teil, über die Steckdose in der Garage, mit Energie versorgte.

„Wenn du jetzt noch den Gartenschlauch beiziehst und den Wasserhahn aufdrehst, kann der Spaß beginnen.“ Dieser Vorschlag, an mich gerichtet, kam von dem etwas kräftiger gebauten Mann mit Plastikeimer, Wasserwaage und (wie ich noch erfahren sollte) Maurer- bzw. Flachkelle. Bevor ich mich jedoch auf die Suche nach einem Schlauch machen konnte, streckte sich mir eine Hand entgegen, mit der man auch einen Speiseteller samt Spinat, Rühreiern und Püree hätte abdecken können. Ich ging das Wagnis eines Händedrucks ein und erfuhr sogleich, dass er, sein Kollege und ich ab sofort ein Team sind und daher jegliche Förmlichkeiten der Vergangenheit angehören. „Ich bin der Walter, das hier ist mein Kamerad Theo und du musst der Wolfram sein. So hat uns dein Vater zumindest gesagt. Sollte ich dich mitunter Arschloch nennen, musst du nicht sofort beleidigt sein. Das meine ich nicht so und ist auch gleich wieder vergessen.“

Lediglich das verhältnismäßig kurze Bestehen des neu formierten Teams hielt mich in dem Augenblick davon ab, mich rückzuversichern, ob es auch ohne Folgen bliebe, wenn ich ihn Vollidiot nenne. Die Antwort auf diese Frage, hatte (wie eigentlich immer in solchen Fällen) die nahende Zukunft im Reisegepäck. Abseits der nun geregelten kameradschaftlichen Umgangsformen, interessierte mich brennend, wie sich Walter und Theo den Arbeitsablauf so vorgestellt haben. Um es gleich vorwegzunehmen: Bereits am ersten Tag meines Einsatzes als Arbeiter mit Anspruch auf Entlohnung wurde mir überdeutlich vor Augen geführt, dass Arbeitsverträge nicht durch einen Handschlag oder gar ein Klopfen auf das Schulterblatt verifiziert, sondern stets in schriftlicher Form, und in zweifacher Ausgabe unterzeichnet werden sollten. Ich hingegen, wohl meiner Einfältigkeit geschuldet, gab mich mit ein paar wenigen Sätzen meines Vaters zufrieden, aus denen ich folgerte, lediglich für das Herbeikarren der Steine zuständig zu sein. Mein neuer Teamkollege Theo belehrte mich jedoch eines Besseren.

„Du fütterst den Betonmischer, fährst die Masse bei und lieferst die Steine, während Walter und ich die Kelle in Schwung halten.“ Anfänglich gab ich mich noch der Hoffnung hin, hier gerade etwas missverstanden zu haben, da das Ungleichgewicht in der Verteilung der Aufgaben, wohl auch vom naivsten aller Werktätigen erkannt worden wäre. Als mir jedoch eine Schaufel mit dem Hinweis, mich strikt an das Mischungsverhältnis 4× Sand und 1× Zement zu halten, in die Hand gedrückt wurde, war mein Schicksal als ausgebeuteter Hilfsarbeiter besiegelt. Die vorerst letzte Anweisung lief dann darauf hinaus, den Beton nur ja nicht zu flüssig beizufahren.

Um mir zu veranschaulichen, wie die Vorstellung der beiden Kellenschwinger in die Realität umgesetzt wird, übernahm Walter die erste Tour an der rotierenden Orange, kippte anschließend den Beton in die Schubkarre und verkündete: „Das reinste Kinderspiel. Aber so muss die Masse aussehen. Und ab sofort gibst du Gas. In drei Tagen muss die Mauer stehen.“ Ob diese Vorgabe von drei Tagen aus dem Mund des Bauherrn stammt oder bereits die nächste Baustelle wartet – ich hatte keinerlei Ahnung. Resümierte lediglich, für die paar wenigen Tage den Handlanger zu geben und dafür 300 Mark einzustreichen, ist dann doch kein so übler Deal, wie es wenige Minuten zuvor noch aussah. Dabei blendete ich in meinem jugendlichen Leichtsinn völlig aus, dass mit der Vollendung des Mauerbaus auf mich noch der ungefilterte Idiotismus wartete.

Im Laufe des ersten Arbeitstages demonstrierte mein Körper nicht nur, dass Handarbeit eine recht schweißtreibende Angelegenheit zu sein scheint, sondern auch, wie komplette Gliedmaßen sich mit jeder Betonfahrt immer mehr in die Länge zu ziehen scheinen und Muskeln eine nicht unwichtige Rolle beim Ausbalancieren einer Schubkarre spielen – und zu allem Elend am nächsten Tag dir mit jeder Bewegung offenbaren, wie schmerzhaft auch Handlangerdienste sein können. Positiv zu bewerten, entpuppten sich auf jeden Fall die unregelmäßigen, aber gegen Feierabend hin in immer geringerer Taktfolge eingeflochtenen Arbeitspausen. Dass sich die Anzahl der Arbeitsunterbrechungen am Nachmittag deutlich erhöhte, war wohl auch darauf zurückzuführen, dass meine beiden Teamkollegen viel häufiger zuvor konsumierte Flüssigkeit in Form von Urin ausscheiden mussten. Diese Prozedur wurde nicht etwa am ersten Teilstück der Stützmauer oder an der Hauswand vollzogen, sondern im Keller unseres Hauses, wo (aus welchen Beweggründen auch immer) zwischen Waschküche und Bügelraum ein abgegrenzter Bereich gefliest und mit einer Toilette plus Dusche bestückt und zur freien Nutzung zugänglich war.

Obwohl Walter und Theo die Stufen in den Keller runter und wieder hoch bewältigen mussten, sorgte nicht nur die entleerte Harnblase für Erleichterung, sondern auch der Umstand, dass dabei jedes Mal aus einem bereitgestellten Bierkasten Nachschub entnommen werden konnte. Weshalb ich bei der Verteilung des motivationsteigernden Getränks stets leer ausging, hatte ich meiner Mutter zu verdanken, die mich am Morgen, mit der ersten Lieferung nicht flüssiger Nahrung, über eine Übereinkunft zweier Erziehungsberechtigter informierte: „Du lässt die Finger weg vom Alkohol.“ Da half dann auch Walters Einwand nicht, der meine Mutter darüber informierte, dass Bier gar kein richtiger Alkohol sei – sondern ein nahrhaftes Getränk mit vielen wichtigen Inhaltsstoffen. Die Lieferantin reichlich belegter Brötchen schien er allerdings mit dieser Argumentation nicht wirklich überzeugen zu können. Sie blieb bei den getroffenen Vereinbarungen und startete sogar noch den Versuch, Walters wissenschaftliche Erkenntnisse zu untergraben, indem sie behauptete, dass Sprudel auch ziemlich gesund sei. Kein Wunder somit, dass am späten Nachmittag meine Motivation immer weiter nachließ, während die beiden Mauerspechte immer bessere Laune bekamen.

Abgesehen von den selbst gemachten schmerzhaften Erfahrungen am eigenen Körper, brachten mir die insgesamt dreitägige Zusammenarbeit mit Walter und Theo auch Dinge näher, an die ich, in meinem Dasein bis zu jenen Tagen, noch nie einen Gedanken verschwendete. So bin ich jetzt darüber informiert, dass Schwarzarbeit viel Schriftverkehr und Formularkram mit dem Finanzamt überflüssig macht, und ganz nebenbei dem stets händeringend gesuchten Fachmann mehr Freiraum bei der Auswahl seiner Kundschaft gewährt. Theo brachte es wie folgt auf den Punkt: „Tag für Tag schuften wie ein Ochse, um dann am Ende des Monats festzustellen, dass dein Boss die Hälfte deines Lohns an die Banditen in den Ämtern und bei den Kassen überwiesen hat, aber er gleichzeitig den Reibach macht – das brauche ich nicht mehr. Da holt man das Zepter besser in die eigene Hand und steckt den Arbeitslohn geradewegs in die linke Hosentasche.“ Warum gerade in die linke Tasche, verriet er mir nicht. Ich vermute jedoch, dass die rechte für den Flaschenöffner reserviert ist.

Da der späte Nachmittag sich unaufhaltsam nähert, ist (ebenso wie auf der Baustelle) für mich eine Pinkel- und Futterpause, inkl. isotonischem Muntermacher, nahezu unumgänglich. Eine, wie gerufen kommende Gelegenheit, für heute den Stecker am Betonmischer zu ziehen, um, bestens gelaunt, in Kürze weitere wichtige, aus der Wachstumsphase einer Sandsteinmauer gezogene Erkenntnisse zum Besten zu geben.

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