Mein Plan – mein Weg: Struktur statt Ermahnung – das steckt in meiner ReZA-Abschlussarbeit
Wer in der BVB-Reha anleitet, kennt diesen Teilnehmer: pünktlich, arbeitsbereit, freundlich – und nach zehn Minuten ist er bei etwas ganz anderem. Anweisung wiederholen, ermahnen, wieder anweisen. Das bringt kurz etwas und kostet auf beiden Seiten Nerven. Genau damit habe ich mich in meiner Abschlussarbeit zur ReZA beschäftigt. Wie die Arbeit entstanden ist, habe ich schon beschrieben. Heute erzähle ich, was inhaltlich drinsteht, in allgemeiner Form und ohne Bezug auf eine bestimmte Person.
Die Ausgangsfrage
Die Aufgabe der ReZA-Projektarbeit: einen Fall aus der eigenen Praxis nehmen und auf zehn Seiten planen, wie man ihn zum Ziel begleitet. Ich habe einen Teilnehmer gewählt, bei dem drei Dinge zusammenkamen: schnelle Ablenkbarkeit, Impulse, die den Arbeitsfluss unterbrechen, und ein klares Ziel, nämlich der Hauptschulabschluss als Tür zur Ausbildung.
Meine Beobachtung in den ersten Wochen war einfach: Bei körperlich fordernden, klar abgegrenzten Aufgaben blieb er deutlich länger dran als bei langen, gleichförmigen. Und er blühte auf, sobald er Verantwortung übernehmen durfte. Daraus ist der wichtigste Gedanke der ganzen Arbeit entstanden:
Nicht am Verhalten herumerziehen, sondern die Rahmenbedingungen so gestalten, dass sie zu den Stärken und zur Beeinträchtigung passen.
Die Projektidee bekam den Titel „Mein Plan – mein Weg". Der Teilnehmer soll seinen Weg sehen, mitplanen und die Hilfen irgendwann als seine eigenen Werkzeuge erleben.
Das Leistungsbild: erst die Stärken
Bevor man etwas plant, braucht man ein ehrliches Bild. Ich habe es nach dem Dreiklang aus dem Modul Kompetenzfeststellung aufgebaut: Ressourcen, Handeln, Teilhabe. Für jeden Kompetenzbereich stehen Stärken und Entwicklungsbedarf nebeneinander: fachlich, methodisch, personal, sozial-kommunikativ und schulisch.
Wichtig war mir, dass die Stärken-Spalte nicht nur Pflichtübung ist. Aus ihr entsteht die Planung: Wer gern anpackt, bekommt Aufgaben mit Kraft und Bewegung. Wer gern zeichnet, darf das nutzen.
Die vier Bausteine
Kern des Projekts sind vier aufeinander abgestimmte Bausteine. Die ersten beiden setze ich im Alltag schon ein, im Projekt werden sie systematisiert.
1. Feste Struktur: Tagesplan, Zieltafel, schriftliche Arbeitsaufträge
Der Arbeitstag folgt einem festen Plan, der auch erklärt, warum etwas gemacht wird. Wer weiß, dass der Boden gelockert wird, damit die Pflanzen anwachsen, bringt die Arbeit eher zu Ende. Die Tagesziele stehen auf einer Tafel, jede Aufgabe gibt es schriftlich mit Zeitvorgabe. Das entlastet das Arbeitsgedächtnis, in der Fachsprache: kleine, überschaubare Einheiten, wenig Reize, feste Abläufe (Chunking).
Neu im Projekt: Größere Aufträge werden in Etappen von 20 bis 30 Minuten geteilt, die der Teilnehmer selbst abhakt. Jede fertige Etappe wird sofort abgenommen, wie auf einer Baustelle: gemeinsam ansehen, konkrete Rückmeldung, Foto für die Arbeitsmappe. So ist die Arbeit gesichert und gewürdigt, und die Mappe füllt sich mit Belegen des eigenen Könnens.
2. Absprachen und Wenn-Dann-Pläne
Ein fester Satz, den man vorher vereinbart: „Wenn ich merke, dass ich abdrifte, komme ich zum Ausbilder." Aus dem Moment, in dem man früher einfach etwas anderes angefangen hat, wird ein Moment, in dem man aktiv Hilfe holt. Das Prinzip kommt aus dem Modul Motivation: Eine feste Kopplung „Wenn X, dann Y" macht Vorsätze handlungswirksam, ohne dass im Augenblick neu nachgedacht werden muss, und das ist bei Impulsivität entscheidend. Die kurzen Gespräche führe ich mit aktivem Zuhören nach Carl Rogers: zuhören, ohne zu bewerten, mit eigenen Worten wiedergeben, die Lösung möglichst selbst finden lassen.
3. Energie lenken, Verantwortung übertragen
Tatendrang soll nicht unterdrückt, sondern gelenkt werden. Tätigkeiten mit viel Kraft, etwa Rückbau, Häckseln oder Wurzelstöcke roden, werden bewusst eingeplant. Dazu kommt nach und nach Verantwortung, zum Beispiel für die Werkzeugausgabe. Wer sich in der Gruppe zurückzieht, bekommt zuerst Partnerarbeit mit einer festen Person, später kleine Teams. Eine klare Rolle gibt Sicherheit. Nach McClelland spricht das Leistungs- und Zugehörigkeitsmotiv an.
4. Feinziele nach SMART und Wochenreflexion
Feinziele sind konkret, messbar und mit Termin: etwa „an vier von fünf Arbeitstagen beende ich alle Etappen meines Arbeitsauftrags, ohne etwas anderes anzufangen". Die Selbsteinschätzung läuft über eine Ampel im Wochenbericht, den es ohnehin gibt (mehr dazu im Wiki-Artikel Berichtsheft). Kein Zusatzaufwand, dafür fester Bestandteil des Ablaufs. Die Ziele leiten sich aus der Kompetenzfeststellung ab und werden im Gespräch gemeinsam vereinbart (Förderplanung).
Qualitätssicherung: wie man erfährt, ob es wirkt
Ein Projekt ohne Überprüfung bleibt eine gute Absicht. Deshalb steht in der Arbeit, welche internen Standards greifen:
Dokumentation in der trägerinternen Software als gemeinsame Informationsgrundlage
Wochenberichte, vom Ausbilder und vom Dozenten gemeinsam geprüft
regelmäßige Lernkontrollen
monatliche Teamsitzung mit Fallbesprechung
Gespräche mit dem Umfeld etwa alle zwei Monate
Die Grundlage ist die Trägerzulassung nach AZAV, die ein funktionierendes Qualitätsmanagement voraussetzt. Als Erfolgskriterien habe ich festgelegt: ein wachsender Anteil beendeter Etappen, weniger Vorfälle mit beschädigtem Material, fertige Ergebnisse bleiben erhalten, gute Vorbereitung auf die Prüfung. Werden Ziele nicht erreicht, werden sie angepasst, statt sie fallen zu lassen.
Netzwerk: allein geht es nicht
Im Haus arbeiten Ausbilder, Berufsbegleitung, Sozialdienst, Stützunterricht und bei Bedarf die Psychologin zusammen. Außerhalb kommen Kostenträger, Praktikumsbetriebe und weitere Beteiligte dazu. Ein Gedanke, den ich aus dem Modul Recht mitgenommen habe: die Netzwerkkarte nach Pantucek. Bei vielen Menschen mit Behinderung ist das professionelle Netz dicht und das private dünn. Dann lohnt es sich, gezielt nach Partnern zu suchen, die das private Umfeld stärken, zum Beispiel Sport- oder Freizeitangebote als Ventil für den Bewegungsdrang. Dazu kommen je nach Fall der Integrationsfachdienst für den Übergang, die EUTB als unabhängige Beratung und fachärztliche oder therapeutische Abklärung.
Selbstverständlich gilt: Schweigepflichtentbindungen liegen vor, und wenn für einen neuen Partner eine weitere nötig ist, wird sie gemeinsam mit dem Teilnehmer erstellt. So behält er die Hoheit über seine Daten.
Was ich daraus mitnehme
Die Bausteine sind im Werkstattalltag mit wenig Aufwand umsetzbar und lassen sich auf andere Teilnehmende übertragen: sichtbare Etappen, feste Wenn-Dann-Absprachen, Energie sinnvoll einsetzen, gemeinsam vereinbarte Feinziele. Der Blick wandert dabei von dem, was nicht klappt, auf das, was die Umgebung leisten kann.
Für meine eigene Arbeit nehme ich zwei Dinge mit: Teilnehmende noch konsequenter an der Planung beteiligen und die Zusammenarbeit im Netzwerk früh und verbindlich organisieren.
Mehr dazu im Gartenwerker-Wiki
Dieser Artikel wurde von Gartenwerker erstellt. Danke fürs Lesen!