Der Betrieb
- Form statt Inhalt
- Wesen statt Mensch
- Verantwortungslosigkeit
- Benennungsverbot
- Kontextblindheit
Das System
- Position ist Person
- Leiden ist Tugend
- Arbeit ist Selbstzweck
Der Betrieb
1. Form statt Inhalt
Mechanik
In Deutschland wird nicht geprüft, ob etwas richtig ist, sondern ob es richtig gemacht wurde. Form ist Stempel, Verfahren, Zuständigkeit, Ton, Titel. Stimmt sie, läuft alles durch, egal was drin ist. Stimmt sie nicht, hilft der beste Inhalt nichts. Das Stoppsignal, die Frage, ob das eigentlich richtig ist, sitzt nicht im Menschen, sie ist an die Form delegiert. Formular korrekt ausgefüllt heißt erledigt, Leitlinie abgearbeitet heißt behandelt, Zertifikat heißt Können.
Herkunft
1523 schreibt Luther Von weltlicher Obrigkeit und teilt die Welt in zwei Reiche, Glaube und Gewissen im einen, Ordnung und Gehorsam im anderen. Das erste Reich ist innen, unsichtbar, zwischen dem Menschen und Gott. Das zweite ist außen, und nur das zweite darf man prüfen. Damit ist die Prüfung vom Grund auf die Form verlegt. Geprüft wird nicht, was der Beweggrund ist, sondern ob es der Ordnung entspricht. Dazu kommen sola fide, allein der Glaube rechtfertigt, die Werke zählen nicht, und sola scriptura, das Wort ist die Instanz. Das klingt zuerst wie das Gegenteil. Wenn allein der Glaube zählt, müsste das Innere alles sein und die Form nichts. Es läuft aber umgekehrt. Der Glaube zählt nur vor Gott, und vor Gott darf ihn niemand prüfen, nicht einmal versuchen, nicht einmal darüber nachdenken. Damit ist das Innere aus jeder Prüfung auf Erden heraus, und was auf Erden bleibt, ist die Form. Wer den Grund einer Handlung nicht fragen darf, kann nur noch fragen, ob sie in der Ordnung steht. Die Unprüfbarkeit des Inneren ist der Mechanismus, durch den der Inhalt aus der Prüfung fällt. Wer fünfhundert Jahre nicht nach dem Grund fragen darf, nicht einmal versuchsweise, verliert die Frage. Nicht als Verbot, das er noch spürt, sondern als Fähigkeit, die nicht mehr da ist. Das ist die Wurzel des fünften Satzes, der Kontextblindheit. Zusammen ergibt das eine Kultur, in der das Wort geglaubt und die Sache nicht geprüft wird, und wer prüft, ist der Ketzer. Luther konnte das durchsetzen, weil er in einem Zeitalter, in dem fast niemand lesen konnte, die Feder hielt. Wer als Einziger schreibt, bestimmt, was wahr ist, und genau dieses Instrument hat er geheiligt.
Folge
Was auf dem Label steht, wird nicht gegen die Sache geprüft, sondern ist die Wahrheit. Es übertrumpft sogar das Sehen. Stimmt die Realität nicht mit dem Label überein, ist die Realität falsch. Das Label hat immer recht. Stimmen Label und Realität nicht überein, wird die Realität geändert, nicht das Label. Die Juden galten im Nationalsozialismus als schmutzig und verwahrlost. In der Realität waren sie es nicht, also hat man sie in Ghettos gesperrt, bis sie es waren, und dann fotografiert, so wie man sie haben wollte. Das Zertifikat ersetzt die Prüfung dessen, was es zertifiziert. Der Abschluss lehrt nicht die Sache, sondern das Recht, das Wort zu führen. Das Verfahren fragt nicht, ob es richtig war, sondern ob es vorschriftsmäßig war. Die Sprache stellt die Form der Rede vor ihre Aussage. Die Medien bringen die Fassade und fragen nicht, was dahinter ist. Selbst die Lehre aus 1945 ist eine Form-Lehre. In der Schule heißt es, Weimar habe die falschen Paragrafen gehabt, man hätte ein Gesetz gegen Hitler gebraucht. Die falschen Paragrafen waren die Notverordnung und die fehlende Sperre gegen die eigene Abschaffung. Das größte Verbrechen, und die Antwort darauf ist ein besseres Formular. Nicht, warum es möglich war und alle mitgemacht haben, ist die Lehre, sondern welcher Paragraf gefehlt hat. Dazu die zweite Form-Lehre, die den Fokus immer auf Hitlers Emotionalität legt statt auf das, was er gesagt hat, sodass jede Emotionalität verdächtig und buchstäblich Hitler ist. Die Symbole hat man verboten, und das deutsche Recht bestraft stur das Zeigen und die bloße Erwähnung, egal in welchem Kontext. Geprüft wird das Zeichen, nicht, was einer damit will. Der Kündigungsschutz lässt eine Entlassung wegen Minderleistung fast nie zu, also greift man zur List und provoziert dem, der gehen soll, einen Formfehler. Das Sozialsystem belohnt nicht die Not, sondern den richtig ausgefüllten Antrag. Wer die Formulare beherrscht, bekommt Hilfe, und wer in Not ist und die Form nicht kennt, bekommt keine. Wer keine Wohnung hat, also die Hilfe am meisten bräuchte, geht fast leer aus, weil er keine Adresse hat. Die Erinnerungskultur belohnt nicht das Verstehen, sondern das Ritual. Wer die Formel sagt und am Gedenktag betroffen ist, hat erinnert, und wer fragt, warum alle mitgemacht haben, stört.
Gegenbild
Das amerikanische Recht will den Fall verstehen. Es fragt nach der Geschichte des Menschen, nach den Umständen und danach, warum es passiert ist und was einer wollte. Die Form ist dort Mittel. Das deutsche Recht schaut auf die Form, und der Kontext ist egal. Justitia ist hier buchstäblich offiziell blind. Deshalb kann ein Richter das Recht auslegen, wie er will, ohne dafür geradezustehen, weil er sich immer hinter der Form verstecken kann. Interessen, Kontext, Emotionen und Einordnung gibt es trotzdem, in jedem Fall und bei jedem Richter, sie werden nur nicht geprüft. Ein Algorithmus aus wenigen Parametern kann keinen Menschen und keinen Fall bewerten, und genau das behauptet dieses Recht von sich.
2. Wesen statt Mensch
Mechanik
Hinter jeder Erscheinung wird das Wesen gesucht, und das Wesen ist die Kategorie, in die einer gehört. Ein Wesen ist ein Ding. Es ist nicht änderbar, es ist permanent, es ist unsichtbar, und es ist unmöglich zu verstehen. Keine Tat, kein Umstand, kein Zustand und keine Wandlung verändern es, es gilt für immer, niemand kann es zeigen, und niemand kann es prüfen. Das Innere gilt als das, was einer eigentlich ist. Aber jede Selbstaussage gilt nicht, weil sie nicht verborgen ist. Was einer über sich sagt, ist schon Erscheinung. Das Wesen kann deshalb nur ein anderer zuschreiben, und der Mensch kann es nicht widerlegen, weil alles, was er sagt oder tut, als Erscheinung gilt. Die Dichter und Denker haben es vorgemacht. Faust, Pflichtlektüre für jeden Schüler, will erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. In dem ganzen Buch geht es darum, dass es kein Innerstes gibt, das man sehen oder beschreiben könnte. Es wird nie gefunden, es bleibt bei der Suche, und dafür wird Faust am Ende erlöst. Also wird der Mensch nicht verstanden, sondern eingeordnet. Ein Urteil über einen Menschen bleibt an ihm, egal was er tut. Was ist das für einer? Sobald das beantwortet ist, gilt der Mensch als verstanden, auch wenn er sich nie erklärt hat.
Herkunft
Nach sola fide wird der Mensch allein durch den Glauben gerechtfertigt. Das Werk beweist nichts, die Gesinnung alles. Luther hat damit die Prüfung von der Tat auf das Innere verlegt. Nicht was einer getan hat, entscheidet über ihn, sondern was in ihm ist. Säkularisiert wird daraus die Denkgewohnheit, dass die Erscheinung nicht das Eigentliche ist. Hinter dem, was einer tut, steckt ein Wesen, und das Wesen ist zu erkennen und zu benennen. Wer das Wesen benannt hat, braucht die Tat nicht mehr zu prüfen. Deshalb verlangt dieses Land, wenn es straft, nie nur, dass einer etwas unterlässt. Es verlangt, dass er es einsieht, dass er innerlich zustimmt, im Unrecht gewesen zu sein. Hör auf damit verlangt eine andere Handlung, sieh es ein verlangt eine andere Gesinnung. Das ist sola fide als Strafvollzug. Nicht die Tat soll sich ändern, die Gesinnung soll sich beugen, und wer sich weigert, beweist mit der Weigerung, wie unbelehrbar er ist.
Folge
Der Arzt ist Richter. Was er feststellt, ist kein Befund über einen Körper, sondern ein Urteil über eine Person. Das Arbeitszeugnis geht über die Person und nicht über die Arbeit. Im Dorf ist einer für immer der, der damals das gemacht hat. Ein Moment, und die Kategorie steht. Ab da zählt kein Verhalten mehr gegen das, was einer ist. Auf dem Vorwurfs-Konto wird alles eingebucht und nie ausgebucht, keine Verjährung, nie Saldo null. Die Medien ordnen ein, statt zu untersuchen. Sie fragen, wer spricht, statt was gesagt wurde. Und wer abweicht, muss sich erklären, weil er nicht einordenbar ist. Die Erklärung wird nicht geprüft, sondern als weiteres Merkmal abgeheftet. Bis zum Ende gedacht ist das 1935 die Nürnberger Gesetze, die nach der Abstammung bestimmen, wer Jude ist, und 1941 der Beginn der Vernichtung.
Gegenbild
Die amerikanische Einreisebehörde fragt nach Vorstrafen, aber sie übernimmt das Etikett des fremden Gerichts nicht. Sie prüft die Tat selbst, nach eigenen Kategorien, Betrug, Gewalt, Täuschung, Schaden an Menschen oder Eigentum. Was in Deutschland eine Straftat ist, muss dort keine sein. Dazu kommt der Kontext, wie schwer, wie lange her, einmalig oder wiederholt, welche Strafe. Am Ende entscheidet ein Beamter mit Ermessen, und ihn interessiert vor allem, wer der Mensch jetzt ist, nicht, wer er damals war. Wer lügt, ist für immer gesperrt. Wer die Wahrheit sagt und trotzdem an der Kategorie hängen bleibt, kann beantragen, dass die Sperre aufgehoben wird, und wer abgelehnt wird, kann es wieder versuchen, so oft er will. Jedes Mal wird der Fall neu angeschaut, mit dem Stand von jetzt. Das System baut auf der Wahrheit über den Fall.
3. Verantwortungslosigkeit
Mechanik
In Deutschland ist Zuständigkeit von Verantwortung getrennt. Wer zuständig ist, ist nicht verantwortlich, und wer verantwortlich wäre, ist nicht zuständig. Wer nicht zuständig ist, kann nicht verantwortlich sein. Zuständigkeit ist die einzige Lizenz zum Handeln. Wer sie nicht hat, darf nicht, auch wenn er sieht und kann, und wer sie hat, ist gerade nicht da. Die Verantwortung hat immer einen Namen, und der gehört einem anderen. Zuständig sein heißt, das Verfahren zu bedienen, nicht, für das Ergebnis einzustehen. Wer nach Vorschrift gehandelt hat, hat seine Pflicht getan, egal was herauskam. Niemand ist zuständig, den Inhalt gegen die Form zu stellen, nicht der, der den Befehl ausführt, nicht der, der ihn weitergibt, nicht der, der ihn empfängt. Die Verantwortung wandert nach oben, bis sie bei niemandem mehr ankommt. Obrigkeitshörigkeit ist Verantwortungslosigkeit. Wer folgt, hat in demselben Zug abgegeben. Befehl ist Befehl, Dienst nach Vorschrift, ich hab nur meine Arbeit gemacht, das ist dreimal derselbe Satz, und jeder beendet die Prüfung, statt sie zu beginnen. Schuldig ist nicht, wer Schaden anrichtet, sondern wer gegen die Ordnung handelt, und die Ordnung selbst kann nicht schuldig sein, sie ist von oben. Bleibt ein Schaden übrig, den die Ordnung angerichtet hat, gibt es die letzte Tür. Dann hat einer die Ordnung falsch verstanden. Ein Irrtum ist keine Schuld, und die Antwort auf einen Irrtum ist keine Strafe, sondern Aufklärung, man muss es den Leuten nur gut genug erklären. Jedes Versagen ist ein Verständnisproblem, und jedes Verständnisproblem löst sich durch mehr Erklären. So bleibt am Ende niemand übrig. Das Selbstbild ist dabei streng und ordentlich, und kein Wort fällt öfter als Verantwortung. Jeder hat sich an alles gehalten, und genau deshalb ist keiner verantwortlich.
Herkunft
Luther beruft sich auf Römer 13. Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott. Wer ihr widersteht, widersteht der Ordnung Gottes. Gehorsam wird damit zur Frömmigkeit, Widerstand zur Sünde. Wer gehorcht, hat alles getan, was von ihm verlangt ist. Die Verantwortung liegt bei der Obrigkeit, und die Obrigkeit ist von Gott, also liegt sie bei niemandem. 1525 zeigte sich, wie das gemeint war. Die Bauern beriefen sich auf Luthers eigene Schrift, auf die Freiheit eines Christenmenschen, und forderten ein, was darin stand. Er schrieb den Fürsten, sie sollten stechen, schlagen, würgen, wer da kann. Der Inhalt seiner eigenen Lehre war egal, die Obrigkeit zählte, die Ordnung. Die Obrigkeit hatte recht, weil sie die Obrigkeit war. Heute ist der Gott aus dem Satz verschwunden, die Bewegung ist geblieben. Was von oben kommt, wird nicht mehr gedacht.
Folge
Auf einer Wasserattraktion mit mehreren Ebenen ist ein Kind blau angelaufen, und die Mutter traut sich mit ihm nicht mehr hinunter. Sie schreit um Hilfe. Die Erwachsenen ringsum stehen im Wasser und schauen zu, die Hand vor dem Mund, ein leicht amüsiertes Lächeln im Gesicht, weil etwas los ist, als würden sie innerlich lästern. Niemand nimmt das Kind und rutscht mit ihm nach unten, raus aus der Gefahr. Es dauert über fünfzehn Minuten, bis der Bademeister kommt, und erst mit ihm bewegt sich etwas, weil er zuständig ist. Die Frage im Becken war nicht, ob einer helfen kann, sondern ob er darf. Die Verwaltung lebt von dem Problem, das sie verwaltet, und nennt das Hilfe, denn ein Amt, das seine Fälle löst, schafft sich ab. Die Regulierung trifft die Kleinen, für die Großen ist sie ein Wettbewerbsvorteil. Was unter das Verbot von Hass und Hetze fällt, ist nicht klar definiert. Also weiß niemand, wo die Grenze liegt, und jeder bleibt lieber ein Stück davor. Das ist die Antwort auf die Folgsamkeit von damals, mehr Folgsamkeit. Die Forschung liefert, was von oben als Ergebnis gewünscht ist, und prüft es nicht. 1945 hieß es verführt, missbraucht, von nichts gewusst. Julius Streicher, der Kopf hinter der Hetzzeitschrift Der Stürmer, hat sich in Nürnberg in seiner Verteidigung auf Luther berufen. Luther habe in seiner Schrift gegen die Juden dasselbe geschrieben, und hätte die Anklage das Buch gelesen, säße Luther an seiner Stelle. Streicher hatte nur ausgeführt, was seit 1543 gedruckt vorlag. Die Ordnung war falsch, also hat sie keiner gewollt, also ist keiner verantwortlich. Gemacht hat sie auch keiner, damals wollten sie alle, und beschwert hat sich niemand. Mit derselben Bewegung verschwindet Verantwortung überall. Bis heute heißt es die Nazis, als wären die 1933 gelandet und 1945 wieder abgeflogen.
Gegenbild
Die amerikanische Verfassung ist vom Misstrauen gegen die Obrigkeit her gebaut, nicht vom Vertrauen. Das Recht begrenzt den Staat, nicht den Bürger. Die Redefreiheit ist ein Verbot an die Regierung, keine Erlaubnis an den Einzelnen. Wer entscheidet, hat einen Namen. Staatsanwälte und Sheriffs sind gewählt, in den meisten Staaten auch die Richter, und wer schlecht entschieden hat, steht beim nächsten Mal nicht mehr auf dem Zettel. Ein amerikanischer Richter, der nach eigenem Ermessen urteilt, sagt, dass er es tut. Ein deutscher Richter tut dasselbe und nennt es die Rechtslage, und damit hat niemand entschieden. Wer in Deutschland abgelehnt wird, wurde von niemandem abgelehnt. Es gab ein Verfahren, ein Formular, so ist das üblich, und weil keiner entschieden hat, haftet auch keiner. In den USA gibt es die Entscheidung, und man kann sie angreifen. Bei einem Hurrikan holen Bürger mit eigenen Booten die Nachbarn aus dem Wasser, ohne dass einer sie beauftragt hat, und das Gesetz schützt den, der hilft, wenn dabei etwas schiefgeht. In Deutschland steht das Nicht-Helfen unter Strafe, und im Becken hilft trotzdem keiner. Zwei Rettungssanitäter in Illinois, die einen Patienten bäuchlings auf die Trage schnallen, bis er erstickt, werden wegen Mordes angeklagt, und das Video ist öffentlich. Ein amerikanischer Arzt haftet für das, was er übersieht, also misst er lieber einmal zu viel. Ein deutscher Arzt bekommt Ärger für das, was er zu viel verordnet, also misst er das Nötigste. Die Vorgesetzten des Krankenpflegers Niels Högel, der 85 Patienten getötet hat, hatten die Gefahr laut Anklage erkannt und den Ruf der Klinik geschützt. 2022 wurden sie in allen Punkten freigesprochen. Von den Verfahren gegen deutsche Polizisten wegen Gewalt werden über neunzig Prozent eingestellt. Befehl ist Befehl heißt in den USA just following orders, seit Nürnberg der Name einer gescheiterten Verteidigung. Am Ende ist immer einer verantwortlich, und er weiß es. Das amerikanische Recht geht davon aus, dass der Bürger selbst denkt.
4. Benennungsverbot
Mechanik
Wer Inhalt gegen Form stellt, ist der Störer, nicht der Aufpasser. Der Hinweiser ist schlimmer als der Täter, weil der Täter die Form bedient hat und der Hinweiser sie beschädigt. Deshalb hat das System nicht nur kein Limit, es bestraft den, der eins setzen will. Wer sagt, was los ist, wer die Umstände benennt, den Kontext, den Fehler, greift die Ordnung an, in der der Fehler stehen darf. Die Sprache hat ein Wort für ihn, und es ist eine Beleidigung. Nestbeschmutzer ist nicht der, der das Nest verdreckt hat, sondern der, der es sagt. Nach unten wird denunziert, nach oben gedeckt. Der Architekt kommt davon, der Ausführer wird bestraft, und am härtesten der, der beides ausspricht.
Herkunft
1525 stellten die Bauern Inhalt gegen Form, die Lehre gegen die Ordnung. Luther schrieb Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern. Wer den Inhalt einfordert, ist die Rotte, und die Fürsten, die sie erschlagen, tun ein Gotteswerk. Nicht die Fürsten, die das Versprechen brachen, waren das Problem, sondern die, die es benannten. Und Luther lieferte nicht nur die Schrift, sondern das Muster dazu. Er fälschte Müntzers Worte, damit der Benenner als Anstifter dasteht, und das Brandmal hielt vierhundert Jahre.
Folge
Ein Opfer gibt es nicht. Wer angegriffen wurde, ist der Täter. Hätte er sich an die Form gehalten, wäre es nicht passiert, und wurde er durch die Form angegriffen, hat er es verdient, weil die Form von Gott ist. Es gibt zwei Strafsysteme. Das eine ist das Recht. Es bestraft, was verboten ist, und es hat Regeln, einen Anwalt, einen Beweis, ein Urteil, ein Strafmaß. Das andere ist die Hetzjagd. Sie bestraft, was erlaubt ist, aber nicht sein darf, und sie hat keine Regeln, keinen Anwalt, kein Urteil und kein Ende. Wer benennt oder sich einsetzt, ist der Querulant, der Drama macht. In der Praxis schreibt deshalb seit Jahren niemand einen Beschwerdebrief. Wer Gründe nennt, redet sich raus, und wer sich rausredet, ist schuldig. Der Runterzieher tritt nie als Neider auf, sondern als Gerechter. Wer herausragt, wird mit moralischer Begründung heruntergeholt, und wer am Boden liegt, wird getreten. Wer nicht einsieht, sondern benennt, beweist damit, dass er das Problem ist.
Gegenbild
In den USA ist der Whistleblower eine geschützte Figur mit eigenem Gesetz. Wer den Fehler meldet, bekommt Schutz und beim Betrug am Staat einen Anteil an der Summe, nicht das Verfahren. Und ein Beschwerdebrief hat Folgen, Prüfung, Haftung, im Zweifel die Karriere. Wer benennt, ist dort der, der das System repariert.
5. Kontextblindheit
Mechanik
Nichts wird in seiner Lage gesehen. Ein Wort wird ohne den Satz genommen, in dem es steht, eine Handlung ohne den Anlass, ein Zustand ohne die Lage, die ihn erzeugt hat, ein Mensch ohne sein Leben. Das System ist umstandsblind. Es sieht, was da ist, streicht das Warum und liest den Rest für sich, als würde man jemandem in der Sauna das Schwitzen vorwerfen. Am deutlichsten wird es bei der Kategorie. Sobald einer eine Schublade hat, Aktenlage, Diagnose, Ruf, zählt nicht mehr, was bei ihm los ist, sondern nur noch die Schublade. Die Kategorie frisst den Einzelfall. Aber die Blindheit ist älter als die Schublade. Sie gilt bei allem, auch dort, wo noch keine Kategorie da ist, bei der Regel, die ohne Ansehen der Situation angewandt wird, beim Symbol, das egal in welchem Zusammenhang bestraft wird, beim Satz, der ohne das Gespräch gelesen wird, in dem er fiel. Kontextblindheit heißt, dass Umstände nicht als Erklärung existieren, und wer sie nennt, fällt unter den vierten Satz. Sortieren fühlt sich an wie Erkennen. Die Schublade ist das Urteil.
Herkunft
1543 schreibt Luther Von den Juden und ihren Lügen. Darin verlangt er, Synagogen anzuzünden, Häuser zu zerstören, Gebetbücher wegzunehmen, dazu Lehrverbot und Zwangsarbeit. Es geht nicht um einen Menschen, nicht um eine Tat, sondern um einen Topf und eine Behandlung. Andreas Osiander, sein Zeitgenosse, dieselbe Sprache, dieselbe Kirche, hatte 1529 die Ritualmordvorwürfe gegen Juden als Lügen entlarvt, also den Einzelfall geprüft. Es war zur selben Zeit möglich, anders zu denken. Luther hat sich für den Topf entschieden. Der Topf ist der zweite Satz auf viele angewandt, das Wesen statt der Tat, nur nicht mehr für einen, sondern für alle mit demselben Etikett.
Folge
Das Wort ohne den Satz. Im Januar 2008 sagt die Moderatorin Juliane Ziegler in einer Call-in-Nachtsendung zu einem müden Anrufer, der von seiner Arbeit erzählt, im Nebensatz und wie eine Floskel, ohne jede sichtbare Regung dabei, Arbeit macht frei. Am nächsten Morgen ist sie ihren Job los, bei ProSieben und 9Live zugleich. Jeder hat gesehen, dass sie nichts gemeint hat, und es hat keine Rolle gespielt. Das Recht kennt Vorsatz, Fahrlässigkeit, Anhörung. Die Empörung kennt nur die Formel. Der Kontext ist der Feind der Empörung, deshalb wird er nicht geprüft. Der Alarm hängt am Wort, nicht an der Sache. Die Handlung ohne den Anlass. Wer sich wehrt, ist aggressiv, und wer laut wird, hat ein Problem. Das, worauf einer reagiert hat, wird nicht mitgelesen, die Reaktion ist der Befund. Der Zustand ohne die Lage. Wer erschöpft ist, lässt sich gehen. Was zu dem Zustand geführt hat, ist keine Frage. Die Regel ohne die Situation. Dass sie im Einzelfall Unsinn ergibt, ist kein Argument gegen die Regel, sondern gegen den Einzelfall. Die Frage nach dem Warum wird durch ein Ritual ersetzt. Wie konnte das passieren, gefragt, damit es nicht beantwortet werden muss. Und wer den Kontext doch liefert, wird nicht geprüft, sondern ist der Böse, als hätte er es selbst getan.
Gegenbild
In den USA ist das Leitbild, jeden zu behandeln, als könnte er der Chef sein. Der Umstand wird ihm zugutegehalten, nicht gegen ihn gelesen.
Das System
6. Position ist Person
Mechanik
Eine Position ist hier keine Funktion, die einer ausübt, sondern das, was er ist. Der Titel steht vor dem Namen, und er bleibt, wenn die Funktion längst weg ist. Deshalb ist Kritik an einer Entscheidung Kritik an der Person. Wer den Beschluss des Amtsleiters angreift, greift den Amtsleiter an. Und deshalb kann keiner gehen. Die Position abzugeben heißt nicht, eine Aufgabe abzugeben, sondern aufzuhören, jemand zu sein. Was einer kann, spielt daneben keine Rolle. Die Position trägt, das Können muss nicht.
Herkunft
Luther übersetzt das lateinische vocatio, die Berufung, mit „Beruf". Der weltliche Stand ist der Ort, an den Gott einen gestellt hat. Damit ist die Arbeit nicht mehr etwas, das man tut, sondern der Platz, den man hat, von oben zugewiesen, mit Pflicht, ohne Wahl. Aus dem Stand wird die Person. Der Beamte ist Beamter, nicht einer, der eine Aufgabe für den Staat erledigt. Bis heute steht der Beruf vor dem Namen.
Folge
Der Titel steht vor dem Namen, Herr Doktor, Herr Direktor, Frau Professor. Die Anrede nennt den Platz, nicht den Menschen, und sie bleibt nach der Pensionierung. Status geht vor Leistung. Es zählt, wer die Position innehat, nicht, wer die Arbeit gemacht hat, der Dienstgrad entscheidet, das Ergebnis nicht. Der Kittel ist die Kompetenz. Was der Arzt sagt, gilt, weil ein Arzt es sagt. Der Kanzler bleibt sechzehn Jahre. Und wer die Position verliert, verliert nicht eine Aufgabe, er ist danach niemand mehr.
Gegenbild
In den USA ist eine Position ein Job. Man hat ihn, man verliert ihn, man nimmt den nächsten. Der Titel steht hinter dem Namen, wenn überhaupt, und fällt mit dem Job weg. Wer gefeuert wird, ist danach derselbe Mensch, nur ohne den Job.
7. Leiden ist Tugend
Mechanik
Wer es sich gut gehen lässt, hat etwas zu erklären, und wer verzichtet, hat es bewiesen. Der gedämpfte Ton, der gezähmte Körper, das versteckte Geld gelten als Reife, die Lust, der Komfort, der gezeigte Erfolg als Makel. Unter Verdacht steht das Wohlergehen selbst, nicht, wie einer dazu gekommen ist, sondern dass er es hat. Deshalb wird Erfolg versteckt statt gezeigt, und der Verzicht wird vorgeführt, nicht als Mittel zu etwas, sondern als Beweis, dass einer in Ordnung ist.
Herkunft
Luther predigt Mäßigung und Demut, Misstrauen gegen die Lust und gegen den Wucher. Wer im Wohlstand lebt, hat ihn vermutlich nicht redlich, und wer entbehrt, steht dem rechten Glauben näher. Der Verzicht wird zum Zeichen, nicht, weil er etwas bewirkt, sondern weil er etwas beweist. Feindbild war die Kirche mit Ablass und Prunk, Vorbild der karge Gläubige. Das Vorbild gilt bis heute.
Folge
Erfolg wird nicht gezeigt, sondern entschuldigt. Wer es zu etwas gebracht hat, betont, dass er normal geblieben ist. Die eigene Enge wird zur Tugend erklärt. Wer nicht kann, sagt, er wolle nicht, und wer nichts hat, hat es sich versagt. Die Oberfläche steht vor der Substanz. Der trainierte Körper ist eitel, der verfallene ist ehrlich, und wer gut aussieht, hat es nötig. Der Komfort ist Verrat. Die Klimaanlage ist Dekadenz, das Schwitzen ist Charakter, und wer sich das Leben leicht macht, ist unmoralisch. Gegönnt wird nur, was alle gleich macht, das Saufen. Das gedämpfte Gefühl ist Reife, das volle ein Mangel an Beherrschung. Und der Verzicht ist eine Illusion. Die meisten, die verzichten, könnten gar nicht anders. Der Verzicht ist kein Entschluss, sondern eine Lage, die als Entschluss ausgegeben wird.
Gegenbild
In den USA ist Wohlergehen der Beweis, nicht der Verdacht. Wer es gut hat, hat etwas richtig gemacht, und er zeigt es. Der Verzicht beweist dort nichts.
8. Arbeit ist Selbstzweck
Mechanik
Gearbeitet wird nicht für ein Ergebnis, sondern weil man an seinen Platz gestellt ist. Das Arbeiten selbst ist der Beweis, was dabei herauskommt, zählt nicht. Wenn alle so arbeiten, stehen alle gleich, und wer sichtbar mehr hat, hat sich damit verraten. Er hat für das Ergebnis gearbeitet, nicht um der Arbeit willen. Das Mehr ist kein Erfolg, sondern ein Geständnis. Deshalb wird Erfolg versteckt oder wegerklärt. Deshalb ist der, der ihn zeigt, nicht beneidet, sondern schuldig, und der, der ihn herunterzieht, fühlt sich nicht neidisch, sondern gerecht.
Herkunft
Beruf ist Berufung. Man arbeitet, weil Gott einen dahin gestellt hat. Der Ertrag ist nicht der Zweck, und er darf den Verzicht nicht in Frage stellen. Wer viel erwirtschaftet, trägt es weiter als Pflicht, nicht als Gewinn. Max Weber hat die Schleife 1905 beschrieben. Man arbeitet wie besessen und darf den Ertrag nicht anrühren, und das Kapital, das so entsteht, war nie das Ziel. Die Schleife läuft ohne den Glauben weiter.
Folge
Das Gleichheits-Ideal verlangt, dass Unterschiede zwischen Menschen nicht gesehen werden, nicht, weil es keine gäbe, sondern weil das Sehen schon der Verstoß ist. Der Runterzieher tritt als Gerechter auf. Wer den Erfolgreichen kleinmacht, hält sich nicht für neidisch, sondern für den, der die Ordnung wiederherstellt. Es gilt ein Bewunderungs-Verbot. Bewundert wird der Verzicht, nie die Leistung, und wer bewundert, was einer erreicht hat, macht sich mitschuldig. Der einzige zulässige Satz über Erfolg heißt normal geblieben. Hauptsache mitmachen. Es zählt die Anwesenheit, nicht die Mühe, und wer sich anstrengt, macht die anderen schlecht. Die Hand steht vor dem Kopf. Die Arbeit mit den Händen ist die ehrliche, die Arbeit mit dem Kopf steht unter Verdacht. Und der Beamte ist nach der Pensionierung nichts mehr, weil neben der Arbeit nichts gebaut wurde. Die Arbeit war der Zweck, also bleibt ohne sie keiner übrig.
Gegenbild
In den USA heißt der Satz über Erfolg I made it. Dort zählt das Ergebnis, also darf der Unterschied sichtbar sein. Wer mehr hat, hat mehr geschafft, und das sagt man ihm. Und der Satz über Arbeit heißt work smart, not hard. Die Arbeit ist Mittel, nicht Beweis. Wer dasselbe mit weniger Aufwand schafft, hat es besser gemacht, nicht schlechter.