DO ALL OCEANS HAVE WALLS ?

Words
822
Reading
4 min
Listen
Play
8y

Laurie und Leonardo - sich wohl noch nie begegnet, doch in der Hoffnung vereint.

Die Schlagzeile, die mir ins Auge springt:

Im russischen Nakhodka werden mehr als 100 Wale und Walrosse in Gefangenschaft gehalten. Sie leben in kleinen Becken, um später an chinesische Aquarien verkauft zu werden. Jetzt haben sie einen prominenten Retter.

Die Geschichte dazu liest sich so:

Fünf Baby-Walrosse, elf Orkas und 90 junge Belugas. So viele Tiere sind derzeit in Nakhodka. Sie werden im Japanischen Meer in engen Gehegen gehalten. Bilder der Tiere waren vor ungefähr einem Jahr an die Öffentlichkeit gelangt und hatten für viel Aufregung und Proteste gesorgt. Viele Tierschützer sprachen von einem Wal-Gefängnis, das dort in Russland aufgebaut wurde.
Unter den Kritikern war auch Schauspieler Leonardo DiCaprio. Er hatte von dem Schicksal der Tiere ebenfalls aus den Medien erfahren. Um die Walrosse und Wale zu retten, hatte er aufgerufen, sich an der Unterschriftenaktion einer Hilfsorganisation zu beteiligen.

Meine Bedenken aus dem Bauch und aus gesammelten Erfahrungen heraus:

Wenn immer es auf der Welt brennt, Überschwemmungen abebben, die Erde sich nach einem Beben beruhigt oder einfach nur das persönliche Engagement medienwirksam in den Vordergrund geschoben werden muss, dann sind sie da, die weltweit bekannten Gesichter, die Konzerte veranstalten, Kundgebungen organisieren oder bei Protestmärschen das Megafon an sich reißen.
Über die Resultate lässt sich ausgiebig streiten. Was jedoch ohne Diskussionen feststeht, die Promis (Bob Geldof sei hier ausdrücklich ausgeschlossen) haben die Publizität, in der sie noch über Wochen ein Vollbad nehmen können.
Ich erinnere mich an die schwachsinnige Einladung der Organisatoren des Weltwirtschaftsgipfels in Davos an Bono Vox, der es als Sänger der Gruppe U2 zu einem Reichtum gebracht hat, von dem die meisten Redner bei diesem Gipfel inmitten der Schweizer Alpen nur träumen konnten. Und genau dieser selbsternannte Weltverbesserer sollte sich über eine gerechtere Verteilung des Kapitals auf dieser Welt auslassen.
Sein erster Gedanke (und wer will ihm das verübeln): Nur für den Fall, dass nicht genügend Claqueure für meine genialen Vorschläge anwesend sind, lade ich mein williges Fußvolk zu einem Kurztrip nach St. Moritz ein. Rein in den Privatjet und lockermachen zum euphorischen Klatschen.
Kosten spielen schließlich keine Rolle.
Um es mit meinem Französischlehrer zu sagen: “Bono, tauche unter, du Flasche!”

Die voreilige Nachricht danach:

Das hat Wirkung gezeigt! Die britische Zeitung Mirror berichtet, dass 900.000 Menschen mitgemacht haben. Auch der russische Präsident Wladimir Putin habe sich beteiligt und jetzt angeordnet, dass sich Umweltminister Dmitri Kobylkin um den Fall kümmert. Mit einem erfreulichen Ergebnis: Die Tiere werden freigelassen.

Mit etwas mehr Realismus aber noch immer voller Hoffnung:

Doch ganz so schnell wie viele jetzt hoffen, scheint die Freilassung nicht zu gehen. Man wolle die Tiere in ihren natürlichen Lebensraum den Ozean zurückbringen, aber nichts riskieren. Umweltminister Kobylkin erklärte: „Wir versuchen, es so vorsichtig wie möglich zu tun, damit keines der Tiere umkommt. Das ist sehr wichtig.“
Die Tiere sollen also artgerecht in die Freiheit entlassen werden. Als Hindernis für eine schnelle Umsiedelung der Wale nannte der Minister die derzeitigen Witterungsbedingungen. Eine plötzliche Änderung der Wassertemperatur – zum Beispiel durch eine Umsiedelung in andere Gewässer – könnte das Leben der Wale gefährden. Wann die Walrosse und Orkas also wieder im offenen Meer schwimmen können, ist noch nicht klar.

Rollende Köpfe gehören zum Spiel:

Auch wenn das die Freude etwas dämpft, gibt es noch eine weitere gute Nachricht. Den Berichten nach wurden vier Unternehmer, die hinter dem sogenannten Wal-Gefängnis stecken, wegen Verstoßes gegen die Fischereigesetze angeklagt.

Was Seka (meiner Frau) dazu noch spontan einfiel:

Kaum hatte ich mich beim gemeinsamen Frühstück meiner Gedanken über diese Meldungen entledigt, blieb Seka unspektakulär gelassen, zeigte null Motivation mit mir die Welt umzukrempeln, sondern machte mich nur auf eine ganz kurze Session von Laurie Anderson aufmerksam, von der sie der Meinung ist, sie passe wie Faust auf Auge zu meinem Bericht.

Frauen haben immer recht!

Laurie Anderson:

Geboren 1947 in Chicago; 1969 Abschluß eines Studiums in Bibliothekswissenschaften und Kunstgeschichte am Barnard College in New York, anschließend Studium der Bildhauerei an der Columbia University, das sie mit einem MA abschließt. Anschließend nimmt sie Lehrtätigkeiten an verschiedenen Hochschulen in New York an. Sie wird inspiriert von der explodierenden New Yorker Kunstszene der frühen 1970er Jahre und beginnt mit Sound, Synthesizern, Film und speziell mit Performances zu experimentieren. Anderson entwickelt umfangreiche Theaterarbeiten, in denen sie verschiedene Medien miteinander kombiniert – Musik, Video, Erzählung, Projektionen und Skulptur. Ihre Arbeiten wurden sowohl im Guggenheim Museum in SoHo, New York gezeigt, als auch in Europa, unter anderem im Centre Georges Pompidou in Paris. Laurie Anderson lebt in New York. Sie war verheiratet mit Lou Reed, den sie während ihrer Zeit in Berlin kennenlernte.

Werbung in eigener Sache:

Wer interessiert am Jazz ist, der findet hier was: #jazzfriday
Soll es was ganz Leckeres für den Magen sein: #w74-rezepte
Kurzgeschichten oder Ausflüge in die deutsche Sprache, dann wird man sicher fündig unter: #ganzwenigtext
Alte Ausgaben des Wochenrückblickes liegen hier: #wochenrueckblick
BRenNgLAS

DO ALL OCEANS HAVE WALLS ? | Ecency