Auch im hügeligen Land stellt der Tag lediglich 24 Stunden zur freien Verfügung bereit.
Eine hoffentlich unterhaltsame Schilderung dessen, was ich einem typischen Tag abzuverlangen versuche. Ihre Entstehung verdankt sie einer an mich gerichteten Anregung von @stayoutoftherz.
Die Vorgeschichte:
Es sind schon ein paar Jahre vergangen, seit das Glück sich auf meine Schulter setzte, und mir ins Ohr flüsterte: „Diese Chance lässt du dir hoffentlich nicht entgehen.“
Jener hoffnungsgeladene Ratschlag an mich, bezog sich auf ein mir vorgelegtes Angebot, 2,5 Hektar Land für den Fall günstigst zu übernehmen, wenn ich das Versprechen abgebe, es nicht zu zerstückeln und anschließend als Bauland zu veräußern. Bevor auch noch das erste Rädchen meines Verstandes richtig Schwung genommen hatte, erfolgte meine Zusage. Dass das Grundstück mitten in den Wäldern im Nordwesten Kroatiens eingebettet ist und der Fußweg in die »Zivilisation« der Stadt ein schweißtreibender sein wird, störte mich keine Sekunde lang. Nach einer nahezu schier endlosen beruflichen Wanderschaft durch halb Europa, sehnten nicht nur ich, sondern auch meine Frau, den Ort herbei, von dem man mit Fug und Recht behaupten kann, zu Hause angekommen zu sein.
Da die Landessprache und die Ortskundigkeit als Problemfall ausgeschlossen werden konnten, da ich auch auf dem Balkan nicht von dem Grundsatz abwich, dem ich seit Beginn meines Berufslebens die Treue schwor, mit der Überschreitung der Landesgrenze schnellstmöglich auch die dazugehörige Sprache in mich zu pumpen, konnte das Abenteuer beginnen.
Konfrontation mit der Realität:
Visiten beim Notar, auf dem Grundbuch- oder dem Einwohnermeldeamt entpuppen sich in dem Augenblick als nebensächlich zu behandelnde Kinkerlitzchen, wenn dir am frühen Morgen eine Sense mit der Aufforderung entgegengehalten wird: „Dann wollen wir mal loslegen.“ Die nicht zu ignorierende Realität sah nämlich so aus, dass mir bis dahin jegliche nennenswerte Erfahrung bezüglich der Landwirtschaft fehlte. Was ich jedoch bis dahin prima beherrschte, war, anderen Menschen mit nervigen Fragen auf den Keks zu gehen und meine Nase in Sachen zu stecken, deren freigesetzter Gestank zum politischen Brechreiz führen konnte. Überdies, verbrachten Papier, Schreiber und ich viele schöne und manchmal sogar erkenntnisreiche Stunden miteinander.
Ich wurde, in den Jahren zuvor, zwar ein paar Mal mit recht unfairen Methoden von hinten umgemäht oder, um ein mögliches, überhebliches Abheben zu vermeiden, ordentlich zurechtgestutzt. Doch, im Unterschied zur neuen Realität, bedurfte es dabei nie einer Sense oder Astschere. Das sollte sich nun schlagartig ändern. Dabei entpuppte sich ein Umstand ähnlich einem Geschenk Gottes: Der Mann, der dieses Stückchen Land bislang bearbeitet hatte, verweilte noch über ein Jahr mit Rat und Tat an meiner Seite. Wie essenziell wichtig eine solche Stütze im Alltag ist, erklärt eine vollkommen simple Erkenntnis. Die Sense ist und bleibt ein gänzlich unnützer Gegenstand, wenn man sie nicht schärfen (dengeln) und nicht mit ihr umzugehen weiß. So, oder ähnlich, verhält es sich mit allen Hilfsmitteln, die einem die Arbeit in der Landwirtschaft erleichtern sollten. Eine Baumschere ist eine Fehlinvestition, wenn du wie der Ochse vor einem Berg stehst, weil du keinen Schimmer davon hast, welcher Zweig (Ast) entfernt oder nur gekürzt werden muss.
Mein Alltag:
Vorab ein gut gemeinter Ratschlag an alle engagierten Gewerkschaftler: Wenn ihr euch nicht komplett vom Glauben an soziale Errungenschaften lossagen wollt, dann erachtet bitte all das, was jetzt folgt, als die Offenbarung eines komplett Irren.
Mein Arbeitstag, und das gilt für sämtliche Tage einer Woche, beginnt um 4 Uhr am Morgen. Das frühe Aufstehen erklärt sich aus dem Fakt, dass ich mich dann absolut ungestört der Transformation von Gedanken in geschriebene Sätze widmen kann. All das, was sich im Laufe eines Tages an Gedankenschnipsel angesammelt hat, sollte auch zu einem bestimmten Zeitpunkt geordnet werden. Als untrügerisches Zeichen dafür, mit der Wortakrobatik am frühen Morgen langsam ein vorläufiges Ende zu finden, gilt der Ruf unseres Hahns, der (ohne Rücksicht auf Vorlieben notorischer Langschläfer) noch vor dem ersten Lichtschein am Horizont lautstark bekundet, wer der Chef in seinem Harem ist.
Ist die Schreibtischlampe einmal ausgeschaltet, scheint zumindest für längere Zeit jede grammatikalische Ungereimtheit vergessen und mein „anderes Leben“ tritt in den Vordergrund. Auf der großen Terrasse erwarten mich bereits Hund und Katzen, die an ihrer Erwartung keinen Zweifel zulassen: Bevor der gefiederte Schreihals mit seinen Weibern gefüttert wird, sind wir erst einmal an der Reihe. Ein Widerspruch ist diesbezüglich zwecklos. Sind diese Fütterungen erledigt, der Hühnerstall von den nächtlichen Ausscheidungen gesäubert und mit frischem Stroh und Heu ausgelegt, kommen auch selbstsüchtige Verlangen zur Geltung. Da ich in der Schreibwerkstatt traditionell mehr als genug Kaffee in mich schütte, ist für den Rest des Tages Tee angesagt.
Nun offenbaren sich erste Vorteile im Leben auf dem Land. Ob von sensiblen Händen handverlesen, in der Sonne Asiens getrocknet oder im niederländischen Treibhaus gezüchtet – käuflich zu erwerbender Tee aus den Regalen der Bioläden sucht man bei uns vergeblich. Ob Hagebutten, Kamille, Salbei, Rosmarin, Minze oder Brennnesseln – die Auswahl ist üppig und gedeiht vor der Haustür prächtig. Während sich am Frühstückstisch über Marmelade, Frischkäse, Eier, Müsli und Brot hergemacht wird, greife ich zur Sense und mache mich auf, das Futter für die restlichen Vierbeiner zu mähen. Dass es überhaupt je eine Kuh, ein Schaf oder eine Ziege in den Stall geschafft hat, hängt direkt mit der Sterblichkeitsquote in der nahen Nachbarschaft zusammen. Jemand muss sich schließlich um die lebendige Hinterlassenschaft kümmern. Die Tiere sind dabei über den Umzug stets höchst erfreut, da ihnen der Weg zum Schlachthof bis zum natürlichen Ableben erspart bleibt.
Gemäht wird mit der Sense (ob für Grünfutter oder Heu) immer in aller Herrgottsfrühe, da dann noch die Feuchtigkeit der Nacht auf dem Schnittgut liegt, und dem Blatt der Sense als „Schmiermittel“ dient. Ist das Gras allerdings bereits abgetrocknet, kommt meist der Freischneider mit Benzinmotor zum Einsatz. Einen Traktor sucht man vergeblich, da ein Großteil, des direkt an das Haus grenzenden Grundstücks, als steilere Hanglage bezeichnet wird. Mit einem Traktor umzukippen, ist nicht sonderlich schwierig, und wird auch Jahr für Jahr im direkten Umfeld ausgiebig praktiziert. Ich verspürte bislang noch keinerlei Verlangen nach solchen Stunts. Was zusätzlich ein frühes Mähen erfordert: Wenn du am Abend dein Heu einbringen möchtest, solltest du der Sonne genügend Zeit zur Verfügung stellen, das Gemähte zu trocknen. (Wer es nicht wissen sollte – wertvolles Heu ist grün. Gelbes, trockenes Gras taugt nicht zum Einbringen und ist im besten Fall als Einstreu zu gebrauchen.)
Ein frisches, trockenes T-Shirt am Leib und ein Käsebrot hinter den Kiemen, geht es anschließend in den Weinberg, um zu sehen, ob zu lang gewordene Triebe gekürzt, Ausreißer entfernt oder Fruchtzweige gebunden werden sollten. Außerdem will ich mir Gewissheit verschaffen, dass keine Pilzkrankheit sich ein gemütliches Zuhause einzurichten versucht. Dies ist insbesondere wichtig, wenn man (wie ich) ausschließlich auf die prophylaktische Wirkung von biologisch unbedenklichen Mitteln setzt.
Der komplette Weinberg wird im Übrigen immer mit der Sense gemäht, da ich so das Mähgut direkt um die Reben ziehen kann, wo es über das Jahr hinweg verrotten darf. Wie ich erkannt habe, eine weitaus bessere Herangehensweise, als das jährliche Ausbringen von (aber auch nur vermeintlich gut verrottetem) Kuhmist des Nachbarn, weil du dich ein Jahr später dann nicht darüber verwundert zu zeigen musst, woher plötzlich Gräser zwischen den Reben auftauchen, die noch nie auf deinem Gelände heimisch waren.
Der Umstand, dass ich mich um die Gärten nahezu überhaupt nicht zu kümmern brauche, da diese vollends unter weiblicher Fürsorge stehen, gibt mir die Zeit, mich um den Aufbau eines überdachten Zufluchtsortes für das Federvieh zu kümmern, wo sie bei Regen oder Überflügen des Habichts schnell Schutz finden. Solche Tätigkeiten, zu denen auch das Setzen neuer Zäune, Ausbesserungen in den Ställen und Reparaturen im und ums Wohnhaus herum zählen, gehören zum Alltagsgeschäft. Zur wichtigsten Regel beim Wohnen in der Einsamkeit, gehört das Eingeständnis darüber, dass, wenn du etwas nicht selbst erledigen kannst, niemand neben dir steht und sagt: „Lass mal, das erledige ich für dich.“
Ähnlich diesem schrittweise entstehenden Laufstall, geht es auch mit der Schilderung meines Tagesablaufs weiter. Der 2. Teil wird umgehend nachgereicht.