Handicaps in der BVB-Reha – ADS und einige weitere Beispiele
In meinem letzten Beitrag habe ich geschrieben, dass ein Teil der Eingewöhnungsprobleme in der ersten Woche erkennbar mit den jeweiligen Handicaps unserer TN zusammenhängt. Zeit, das einzulösen: Welche Handicaps kommen bei uns eigentlich vor, und was bedeutet das ganz praktisch für den Ausbildungsalltag?
Ein Handicap ist kein Etikett, sondern ein Ausgangspunkt
Die BVB-Reha richtet sich gezielt an Menschen mit einer Behinderung oder drohenden Behinderung, die deshalb besondere Unterstützung brauchen, um in eine Ausbildung zu finden. Wichtig ist mir dabei, wie schon beim letzten Mal an dieser Stelle: Ein Handicap ist kein Etikett, das an einer Person kleben bleibt, sondern ein Ausgangspunkt, von dem aus wir gemeinsam planen. Und nicht jedes Handicap sieht man von außen.
ADS – der stille Typ
ADHS mit Hyperaktivität kennt fast jeder: zappelig, impulsiv, laut. Viel weniger bekannt ist ADS – die Form ohne Hyperaktivität. Wer ADS hat, stört im Unterricht nicht, fällt nicht negativ auf, wirkt eher verträumt, langsam oder unmotiviert. Genau deshalb wird ADS oft übersehen und bleibt gerade bei Frauen häufig bis ins Erwachsenenalter unerkannt.
Im Ausbildungsalltag zeigt sich ADS oft als das, was Fachleute „Zeitblindheit" nennen: ein schlechtes Gefühl dafür, wie viel Zeit vergangen ist oder wie lange etwas dauert. Pünktlichkeit ist dann keine Frage der Bequemlichkeit, sondern eine echte Hürde – genau wie das Vergessen von Werkzeug oder Materialien trotz bester Absicht. Wichtig zu wissen: ADHS und ADS sind neurobiologisch begründet, keine Erziehungsfrage und keine Charakterschwäche – mit einer Erblichkeit von bis zu 80 % gehören sie zu den am besten erforschten Entwicklungsstörungen überhaupt.
Lernbehinderungen und LRS – wenn Lesen, Schreiben und Rechnen zur Hürde werden
Ein weiteres häufiges Bild ist die Lese-Rechtschreib-Störung oder eine allgemeine Lernbehinderung. Beides hat weder mit Intelligenz noch mit Faulheit zu tun. Wer Buchstaben verwechselt, beim Rechnen auch als Erwachsener noch an den Fingern zählt oder schriftliche Arbeitsanweisungen missversteht, hat oft eine lange Geschichte von Misserfolgen hinter sich – und entsprechend wenig Selbstvertrauen, trotz häufig gut ausgeprägter handwerklicher Fähigkeiten.
Autismus-Spektrum – wenn feste Abläufe Sicherheit geben
Autismus zeigt sich sehr unterschiedlich. Bei uns am häufigsten begegnet mir eine Form mit durchschnittlicher oder hoher Intelligenz, bei der ungeschriebene soziale Regeln nicht intuitiv verstanden werden: Ironie wird wörtlich genommen, spontane Planänderungen lösen deutlich stärkere Reaktionen aus als bei anderen. Feste Tagesabläufe, klare direkte Ansagen statt Andeutungen und angekündigte statt spontane Übergänge sind hier keine nette Erleichterung, sondern eine echte Voraussetzung dafür, dass jemand mitarbeiten kann.
Und was man von außen oft nicht sieht
Nicht jedes Handicap ist sichtbar. Chronische Erkrankungen wie Epilepsie, Diabetes oder chronische Schmerzen gehören genauso dazu wie Angststörungen oder Depressionen – und wirken sich ebenso auf Belastbarkeit, Arbeitstempo oder Fehlzeiten aus wie eine sichtbare Bewegungseinschränkung. Wer an einem Tag langsamer arbeitet oder öfter eine Pause braucht, hat dafür oft einen Grund, den man ihm nicht ansieht.
Warum das ganze Team gebraucht wird
Genau hier wird deutlich, warum das Team so wichtig ist, von dem ich letzte Woche geschrieben habe: Was ich als Ausbilder an handwerklichem Geschick vermitteln kann, ersetzt keine psychologische Begleitung – und umgekehrt. Sozialpädagogik, Psychologie und Berufsberatung bringen jeweils ihren eigenen Blick auf dieselbe Person mit, und erst im Zusammenspiel entsteht ein Bild, mit dem sich wirklich planen lässt.
Was das für unseren Alltag heißt
Bei aller Unterschiedlichkeit gibt es Gemeinsamkeiten im Umgang, die fast allen Handicaps helfen: klare, kurze Anweisungen statt langer Erklärungen, verlässliche Strukturen statt Überraschungen, Rückmeldung ohne Bloßstellung, und ein Blick auf Stärken statt nur auf Defizite. Vieles davon kommt am Ende nicht nur einzelnen TN zugute, sondern der ganzen Gruppe.
Wie immer: allgemein, nicht über Einzelpersonen
Auch hier gilt dieselbe Regel wie bei allem, was ich über meine Arbeit schreibe: Ich beschreibe Krankheitsbilder allgemein, nicht einzelne Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Keine Namen, keine erkennbaren Details, keine Zuordnung eines Handicaps zu einer bestimmten Person – das bleibt hier draußen.
Fazit
Handicap ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Ausgangslagen – von ADS über Lernbehinderungen und Autismus bis zu unsichtbaren chronischen Erkrankungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie erst einmal nichts über die Fähigkeiten einer Person aussagen, sondern nur darüber, welche Rahmenbedingungen sie braucht, um diese Fähigkeiten zu zeigen. Genau das versuchen wir mit Struktur, klarer Kommunikation und einem multiprofessionellen Team jeden Tag ein Stück besser hinzubekommen.
Wer tiefer einsteigen möchte: Im Gartenwerker-Wiki habe ich die hier angesprochenen und einige weitere Handicaps – von ADHS/ADS über Autismus und Angststörungen bis zu Persönlichkeitsmustern – jeweils in einem eigenen, sachlichen Artikel zusammengefasst.
Dieser Artikel wurde von Gartenwerker erstellt. Danke fürs Lesen!