… dann wenigstens mit dem passenden Hobby!
Exakt hier beginnt mein Ansatz für den Ratschlag, wenn es darum geht, Beruf und Hobby in Einklang zu bringen. Ein kleines Beispiel soll helfen, meine Empfehlung möglichst einfach wie anschaulich zu gestalten, damit auch der Linksaußen und der Torwart das nun Folgende verstehen.
Abgespielt hat sich das Drama vor wenigen Wochen auf dem sonderbaren Acker, der in der Gemeinde Lautenbach unter der Bezeichnung Weiher-Stadion geführt wird und der, aus mancherlei nachvollziehbarem Grund, Sonntag für Sonntag als Austragungsort für Rasenschach-Spiele der extravaganten Art genutzt wird.
An jenem Sonntag weilten zu Gast die ballgewandten Feinmechaniker aus der benachbarten Dorfgemeinschaft Niederkirchen. Für diesen Schlagabtausch, der erfahrungsgemäß nicht ohne die Anwesenheit eines erfahrenen Notarztes und eines Geistlichen (denn man weiß ja nie …) angepfiffen werden sollte, entsandte der Fußballverband einen erfahrenen Unparteiischen, der die notwendige Besonnenheit für diese heikle Aufgabe bereits seit seinem Studium als Dauergast mit sich trägt.
Wolfgang Mitzel (hierbei sei angemerkt, dass Herr Mitzels Vorname vom Autor aus privat- und urheberrechtlichen Gründen leicht abgeändert wurde), der, wenn die Trillerpfeife und die schwarze Kluft im Kleiderschrank ruhen, seinen Lebensunterhalt mit dem bestreitet, was dem Leiter des Jugendamtes in der Kreisstadt monatlich überwiesen wird, galt bereits vor dieser Hoch-Risiko-Begegnung, als der Mann für die besonders kniffligen Fälle.
Die Tatsache, lange vor dem Anpfiff, unter den im Spielbogen aufgeführten Akteuren, einige seiner ehemaligen Stammkunden aus dem Jugendamt ausgemacht zu haben, ließ keine Form von Besorgnis beim regelkundigen, weitgehend unparteiischen Friedensbotschafter aufkommen. Auch nicht die Ansammlung dubioser Gestalten, die lautstarke Anfeuerungsrufe an die sonntäglich aktiven Ballartisten adressierten und dies nur aus dem Grund, da sie sich ihrer Aufgaben als Eltern maximal einmal wöchentlich und dann ausschließlich im Weiher-Stadion zu erinnern scheinen.
Die Partie wurde pünktlich angepfiffen und entpuppte sich, recht unerwartet für alle beteiligten Parteien, als eine verhältnismäßig faire Angelegenheit. Kein Ellenbogen auf Erkundung nach dem Plexus lumbalis des Gegenspielers und kein eingesprungener Kopfstoß. Fünfundvierzig Minuten keine einzige Fraktur und somit Ereignislosigkeit pur.
Dies sollte sich allerdings innerhalb weniger Sekunden ändern. Exakt in dem Augenblick, als Herr Mitzel das überdurchschnittlich tumbe Pack in die Halbzeitpause entließ.
Auf dem Weg zur Kabine überbrachte Herr Bach, dessen Sohn Jörg bei dem Team aus Lautenbach für die rabiate Bearbeitung der gegnerischen Knochen in der untersten Kreisliga berüchtigt ist, dem noch immer mit zuversichtlicher Gelassenheit dreinschauenden Regelhüter eine Prognose mit unzweideutigem Inhalt:
»Wenn du weiter nur Scheißdreck pfeifst, dann bekommst du es mit mir zu tun«.
Wolfgang Mitzel hatte beruflich bereits häufiger mit Herrn Bach zu tun. Rückblickend, alle noch abrufbaren Ereignisse mit einbeziehend, musste der bestens ausgebildete Sozialarbeiter sich eingestehen, wirklich angenehme Zusammentreffen im nicht erwähnenswerten Bereich ansiedeln zu können. Meist endeten die Hausbesuche mit der Frage an den diplomierten Kämpfer für ein besseres Leben all jener, denen die Sonnenseite des Lebens bisher versagt blieb: »Willst du gleich eine aufs Maul oder darf es auch sofort sein?«
Bis zum Anpfiff der zweiten Halbzeit schienen sich jedoch die Gemüter jenseits der Außenlinien, sowie bei den Akteuren auf dem Acker, beruhigt zu haben. Wohl ausschlaggebend für die entspannte Großwetterlage, das zwischenzeitlich reichlich konsumierte Bier. Allseits bekannt und beliebt als die Schlaftablette des kleinen Mannes, da rezeptfrei und in rauen Mengen permanent verfügbar.
In Minute achtundsechzig des Spielgeschehens war es jedoch vorbei mit dem lauen Lüftchen bei bestem Sonnenschein. Aufgeheizte Gemüter sorgten in Windeseile für tiefschwarze Gewitterwolken. Ein klares Foul im Strafraum ließ dem Schiedsrichter keine andere Wahl, als auf einen Strafstoß für die Mannschaft aus Niederkirchen zu entscheiden. Die Trillerpfeife noch nicht gänzlich von seinen Lippen getrennt, sah sich Mitzel umringt von Lautenbacher Spielern, die sich, ohne eine entsprechende, im landwirtschaftlichen Sektor angebotene Ausbildung durchlaufen zu haben, ihn mit aller körperlichen Macht klarzumachen versuchten, dass er in Wahrheit nichts anderes als eine blinde Sau sei. Da jedoch, von dieser Bildungslücke abgesehen, laut Regelwerk Blindheit nicht vor einem Strafstoß schützt, blieb es bei der bereits gefällten Entscheidung.
Eine klare Fehlentscheidung, wie Wolfgang Mitzel nach der Not-OP im Nachhinein zugeben musste. Denn, offensichtlich der verbalen Schwächen beim eigenen Nachwuchs im argumentativen Bereich sehr bewusst, fanden einige der Väter es für unabdingbar, den jungen Knochentretern Unterstützung angedeihen zu lassen.
Sollte man der Aussage, des im Vorfeld der Begegnung, als verhältnismäßig neutral agierenden Gottesvertreters, der am Spielfeldrand absolut entspannt auf seinen Einsatz als Verkünder des letzten Testamentes wartete, auch nur einen Funken Glauben schenken, dann überwog bei den erteilten Vorschlägen, lautstark verkündet vom Spielfeldrand, bezüglich des sich anbahnenden Dramas auf dem Acker, die klar artikulierte Aufforderung, dem Schiri endlich die Lippen zu polieren.
Ausgerechnet die beinahe erwachsenen Jungs, die seit jeher selten die Ratschläge der Eltern befolgten, was mit berufsbedingter Sicherheit Wolfgang Mitzel bestätigen könnte, setzten den gut gemeinten Ratschlag von der Seitenlinie liebend gerne und vehement um.
Weiterführende Details sind, selbstverständlich nur nach Terminabsprache, von dem Kieferchirurgen der Uni-Klinik Homburg zu erfahren.
Was uns bleibt, ist die Erkenntnis, sollte es mit der Berufswahl für die Zeit von Montag bis Freitag nicht wirklich richtig hinhauen, sollte nicht der Fehler begangen werden, am Wochenende sich freiwillig in ein Abenteuer zu stürzen, das den Weg in Richtung Selbstzufriedenheit zum nahezu unüberwindlichen Hindernisparcours werden lässt. Der Kombination Sozialarbeiter und Schiedsrichter kann ich jedenfalls augenblicklich die Absolution nicht erteilen.