Eine kurze Einleitung:
Nach dem ersten Halbfinalspiel am gestrigen Abend, hielt ich es am heutigen Morgen für angebracht, meine Geflügelschar auf Spanisch zu begrüßen. Die Resonanz fiel eher ernüchternd aus. Der Grund dafür könnte zwei Ursachen vereinen. Naheliegend wäre zwar Möglichkeit Nr. 1, dass Ernesto ‘Che’ Guevara, mein stolzer Hahn, ein glühender Anhänger der ‘Les Bleus’ ist, da die gallischen Jungs auch sein Konterfei auf der Brust tragen. Oder aber (was ich für noch wahrscheinlicher halte), die gackernde Bande sich entsetzt zeigte über meine katastrophalen Kenntnisse bezüglich der iberischen Landessprache. Originalton ‚Che‘: „Unter aller Sau.“
Ein Grund mehr für mich, beim Verfassen dieses Beitrages, mich streng an des Schusters Leisten zu orientieren und es bei der Zunge zu belassen, die weiß, was sich da zwischen Gaumen und Lippen zusammenbraut.
Viel Vergnügen!
Da unsere Sprache zweifelsohne für jeden von uns den größten Spielplatz überhaupt bereithält (auf welcher Teil der Hemisphäre genau, spielt dabei keine entscheidende Rolle), und dieser Ort der Entdeckungen auch noch kostenlos nutzbar ist, erkenne ich beste Voraussetzungen, mich hier eine Weile so richtig auszutoben.
Das Labyrinth der vielfältigen Deklinationen und das vielfältig nutzbare Holzgerüst zum waghalsigen Satzbau, die Schaukel, mit der sogar (wenn nur genug Schwung mit den abgedroschenen Phrasen aufgebaut wurde) ein Überschlag möglich ist – all dies lasse ich heute bewusst links liegen und wage ich voller Übermut auf die große Drehscheibe der Redewendungen. Das kleine Hinweisschild, welches mir das Spielgerät näher vorzustellen versucht, weist mich darauf hin, es handele sich hier um das bestbestückteste Logistikzentrum für Idiome aller Art (mit eingebauter Rotationstechnik). Ich finde: reichlich viele Worte für das überdimensionierte Ringelspiel der Floskeln.
Aber, was treibt mich eigentlich so zielstrebig in das Gewusel der Formulierungen, für die wir uns, auf der Suche nach einem einprägsamen Sammelbegriff, wieder einmal in der griechischen Schatzkammer bedient, und uns dabei des Idioms ermächtigt haben?
(Anm. d. Verf.: In der mir eigenen Einfältigkeit, wäre von meiner Seite auch bei dem Begriff »Redewendung« mit keinem Einwand zu rechnen, doch beuge ich mich dem sprachlichen Snobismus und gebe den alten Griechen eine Chance – obwohl das Idiom mir verdammt nahe bei der Idiotie beheimatet zu sein scheint.)
Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es jener Magnetismus ist, der seine nicht enden wollende Anziehungskraft aus der Tatsache schöpft, etwas bildlich oder metaphorisch ausdrücken zu können, was Wort für Wort betrachtet, eigentlich nichts mit dem zu tun hat, was ich kundzugeben gedenke, aber trotzdem sofort richtig eingeordnet werden kann. Als anschauliches Beispiel, bediene ich mich des Titels und lasse meinen Gesprächspartner wissen: „Ich mag zwar nicht alle Tassen im Schrank haben – aber du, mit den Tomaten vor den Augen, befindest dich doch konstant auf dem Holzweg.“
Übersetzung: Lieber leicht verrückt, als konstant weltfremd. Ganz ohne Zweifel, kommt die figurativ zusammengeschusterte Variante erheblich schmeichelhafter zur Pointierung.
Ich beabsichtige wahrlich nicht, hier den Teufel an die Wand zu malen, doch sollte stets die Vorsicht als Mutter in der Porzellankiste agieren, wenn in der Gesellschaft von Menschen schwadroniert wird, die nicht aus deinem ethnischen Dunstkreis stammen, du aber trotzdem (mit der vollen Kelle) Idiome wie Öl ins Feuer gießt. Um sich nicht öffentlich zum Affen zu machen oder vollends unter die Räder der anrollenden Missverständnisse zu geraten, dann doch lieber sprachlich auf dem Teppich bleiben und das Kind nicht in metaphorischer Art beim Namen nennen. Jean-Pierre Tatu aus Straßburg und Arthur Blyle aus Birmingham stehen unter Garantie wie die Ochsen vor einem Berg, wenn sie sich einen Reim auf die Information machen sollen, dass im Augenblick gerade ein Hund in der Pfanne verrückt wird, im Nebenzimmer der Bär steppt und am Ende der Veranstaltung die Katze im Sack erworben werden kann. Zusammenfassend: Nicht jeder kommt aus dem Saarland und weiß mit der Nachfrage, was wohl zum Mittagstisch serviert wird, etwas Sinnvolles anzufangen: „Hundsfutz in Butter gebraten und als Dessert Haumichblau.“
Denn nichts erklärt mehr, als einfach ’mal den Spieß umzudrehen und sich verwundert zu fragen, was einem Marijan Sumpor aus der dalmatinischen Metropole Split damit sagen möchte, wenn er stur und steif behauptet, du hättest eine lange Zunge „imati dugačak jezik“. Bevor es dich hastig vor den nächsten Spiegel zieht, kann ich dir verraten, dass du deinem Gegenüber mit deinen Tratsch- und Klatschgeschichten gehörig auf den Senkel gehst. Erhältst von ihm allerdings den Ratschlag, nicht weiter das Mohnkorn auf den Faden zu ziehen „tjerati mak na konac“, dann stelltest du wohl zuvor unter Beweis, die Fähigkeit aufleben zu lassen, päpstlicher als der Papst mehr oder weniger komplexe Sachverhalte anzugehen. Bevor du nun die nächste Kuh fliegen lässt und dich mit dem Rücken zur Wand wiederfindest, weil der Bogen langsam überspannt scheint, solltest du zu der Scheibe Brot greifen, die dir gerade in den Honig fiel „pao mu je kruh u med“ da diese das Glück signalisiert, welches dir zur Seite stehen sollte, wenn ein Dalmatiner aus der Fassung gerät.
Der Weg von der Adria bis in die West Midlands, die Heimat von Arthur Blyle, ist bestimmt kein Katzensprung. Und einmal dort gestrandet, entpuppt sie sich erst recht nicht als Gegend, wo es sich lohnen würde, um mal so richtig auf den Putz zu hauen. Doch scheint unser Mann von der Insel an Birmingham den Narren gefressen zu haben. Denn, wie er behauptet, sind es (wenn ich ihn richtig verstehe) schon Eselsjahre „donkey’s years“ her, dass er über seinen eigenen Schatten sprang, den Sprung ins kalte Wasser wagte und das europäische Festland besuchte. (Nun bin ich zumindest darüber ins Bild gesetzt, dass in Großbritannien die Lebenserwartung eines Esels mit der kleinen Ewigkeit in Einklang gebracht wird.)
Mr. Blyle reicht mir auch noch die Erklärung nach, weshalb der Sprung über den Kanal bei ihm nicht Feuer und Flamme entfachen kann. Es koste ihn unter Garantie einen Arm und ein Bein „cost’s an arm and a leg“, um die anfallenden Kosten stemmen zu können. Diese Erklärung bringt dann auch bei mir Licht ins Dunkle und ich stehe nicht weiter auf dem Schlauch. Wer tigert freiwillig nach Frankreich, wenn man sich am Montmartre nicht mehr auf beide Beine verlassen kann? Da bekommt der Spruch »Besser arm dran, als Bein ab« sofort ein stabiles Fundament. Außerdem bin ich darüber informiert, dass Reisen von der Insel aufs Festland relativ teuer bezahlt werden. Doch hoffe ich inständig für Arthur Blyle, bevor er seinen letzten Eimer in den Wind schießt „kick the bucket“ und ins Gras beißt, ihm möge vergönnt sein, in einem der elsässischen Tempel der Kulinarik, dem Les Bateliers in Colmar, einen Platz zu ergattern. Lediglich das Speisen mit Messer und Gabel dürfte zum Problem werden.
Leicht käme die Vermutung auf, einen Sprung in der Schüssel zu haben, wenn man gedanklich bereits im Elsass gelandet ist, nicht bei Jean-Pierre Tatu in Straßburg anzuklopfen und ihn um seine Meinung über den verzwickten Umgang mit einem Idiom zu plaudern, insbesondere wenn eine sprachliche Grenze geradezu einlädt, sich damit schnell zum Affen zu machen. Was könnte in der Hauptstadt des Departements mehr ins Auge stechen, als das La Fignette, wo köstlich gespeist, jedoch nur in seltenen Fällen die Sau herausgelassen wird? Ich bringe, gleich zum Aperitif, der Kuh das Fliegen bei und erzähle Monsieur Tatu vom Schicksal des körperlich geschundenen Engländers. „Dans ce cas, les carottes sont cuites“, lautet der knappe Kommentar. Die Ungläubigkeit scheint mir wie ins Gesicht gemeißelt. Ich habe bislang noch nicht in der Vorspeise gestochert und die Karotten für den Hauptgang sollen bereits gekocht sein? „Nein! Sind bei uns Franzosen die Möhren gekocht, hat der Deutsche seinen Gang über den Jordan hinter sich gebracht. Und wenn ich beginne, dir etwas vom Salat zu erzählen, raconte des salades, dann bin ich gerade dabei, dir einen dicken Bären aufzubinden. Während du dich abmühst, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, beschränke ich mich darauf, aus allem einen Käse zu fabrizieren – en faire tout un fromage.”
Nun rieselt es wie Schuppen von meinen Augen: Kein Wunder, dass man von Brest bis Cannes nur ans Essen denkt. Aus nahezu jedem Idiom wird eine spezielle Suppe gekocht. Mir rinnt der Schweiß ohne Unterlass, wenn ich den Spruch vernehme, dass ohne Fleiß kein Preis zu erwarten ist. Jenseits des Rheins hört es sich dann so an: ne pas faire d’omelette sans casser des oeufs. Resultat: Kein Tropfen Schweiß tritt aus den Poren und man hat lediglich das Gefühl, etwas dazugelernt zu haben. Die Flutes-Liebhaber kippen auch nicht einfach so aus den Socken, nein, sie lassen sich lieber in die Äpfel fallen, tomber dans les pommes.
Das Dessert im La Fignette ist Geschichte und wir signalisieren, die Rechnung zu begleichen. Für Jean-Pierre Tatu der passende Anlass, doch noch einmal die Vorurteile über seine britischen Nachbarn aufs Tablett zu bringen: „Wir könnten das mit dem Bezahlen auch lassen und uns still und heimlich aus dem Staub machen. Wir nennen das filer à l’anglaise. Ob das Arthur Blyle weiß?
Weder werfe ich nun die Flinte ins Korn, noch streiche ich die Segel – keineswegs. Ich halte auch weiter die Ohren steif, tanze bisweilen aus der Reihe, schüttle etwas Lesbares aus dem Ärmel, treffe dabei auch so manches Mal den Nagel auf den Kopf – versuche dabei aber stets, die Kirche im Dorf zu belassen.
PS: Mein Dank geht an Udo Lindenberg, der es mit seinen Pinselstrichen geschafft hat, wofür ich zig Wörter auf das Papier stanzen musste.