Vorwort:
»Bei dem ist Hopfen und Malz verloren.« – Diese, oftmals vom Leser eingebrachte Einschätzung, betreffend das, was ich als Thema mitsamt aufgefülltem Inhalt, in einen Beitrag packe, erscheint auch mir diskussionswürdig. Ich baue zwar weder Hopfen noch Malz an, und habe somit auch nichts von beiden zu verlieren, doch darf ich dennoch der Tatsache nicht die kalte Schulter zeigen, oft genug den Griffel in die Hand zu nehmen, ohne exakt zu wissen, was da am heutigen Tag herausfließen wird und im Anschluss ins weltweit einsehbare Schaufenster der Begierden gelangt.
So auch am heutigen, frühen Morgen, an dem mich meine Schreibstube mit einer Raumtemperatur in Empfang nimmt, die ich eher einem Nachmittag zuordnen würde, an dem der Sprung in den Teich nicht zu verachten wäre. Nachdem sämtliche eingebauten Türen und Fenster, in der Hoffnung, es möge sich ein abkühlendes Lüftchen durch den Raum bewegen, aufgerissen sind, steht unweigerlich die Entscheidung an, was als Nächstes auf dem Programmzettel vermerkt ist – selbstverständlich außer dem Kaffeekochen.
Lesen oder schreiben?
Ersteres böte sich zwar an, ähnlich verlockend, wie frisch gebackene Croissants, da ich das momentan von mir auserwählte Buch, am gestrigen Abend mit einem hohen Maß an Vorfreude auf alles, was mich auf den noch nicht gelesenen Seiten erwartet, zuklappte. Oder doch lieber einen Stapel Papier herbeiziehen, um niederzuschreiben, wie übermäßige Wärme zur Unzeit meine Gedankengänge beeinflussen kann?
Ganz nebenbei bemerkt: Der Inhalt in dem vorübergehend zugeklappten Buch dreht sich um das von einem Pathologen entwendete Gehirn von Albert Einstein, welches sich jetzt im Auto des Autors befindet, und quer durch die Vereinigten Staaten kutschiert wird. Mein bisheriger Eindruck: äußerst unterhaltsam.
Dennoch zieht es mich zielstrebig hin zu Papier und Schreibgerät.
… mal sehen, was dabei herauskommt.
Wenn die Anzeige des für die Außentemperatur zuständigen Thermometers sich nächtens hartnäckig weigert, unter die 20°-Markierung abzutauchen, dann schaltet nicht nur der Karpfen im Gartenteich die Schnappatmung ein, nein, auch der unstrukturierte Zweibeiner, mit der Vollmacht für die Frischwasserzufuhr, stellt sich die Frage, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, auf dem wöchentlichen Bauernmarkt in der Kreisstadt nach einer günstig zu erwerbenden weiblichen Fachkraft Ausschau zu halten, die ihn (in einem noch festzuschreibenden zeitlichen Rhythmus und unter Zuhilfenahme eines Palmwedels) mit abkühlender Luft versorgt.
Eine kurze Anmerkung des Verfassers: Ich bitte all jene, (angesichts dieses zweifelsohne verachtungswürdigen Gedankenganges) die bereits den mahnenden Zeigefinger in der Hosentasche positioniert haben, mir diesen, im Unterbewusstsein produzierten geistigen Fehltritt nachzusehen, da es in hitzebedingten Ausnahmesituationen manchmal vorkommt, dass sich die eine oder andere Sicherung im Hirn von selbst abschaltet. Dann kann es sogar vorkommen, dass ein solcher Wunschgedanke unüberarbeitet an die Ehefrau weitergeleitet wird. Was darauf folgt, ist dann meist weitaus schlimmer (schmerzhafter) als dieser ausgestreckte Zeigefinger, der vor lauter Empörung, und noch vor dem eigentlichen Einsatz, erste Löcher in den Stoff der Hose zu stanzen droht.
Angesichts der erheblich eingetrübten Aussichten auf eine menschliche Ventilatorin, greife ich ungeniert auf eine ausgeklügelte Variante des Jammerns aus meinem reichhaltigen Repertoire zurück, da diese mir, bei ihrem letzten Einsatz, um ein Haar, eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Streicheleinheiten der ganz zärtlichen und gleichzeitig auch fürsorglichen Art hätte einbringen können. Es war (ich kann mich noch ganz genau erinnern) im Anschluss an jenen Morgen, als ich, auf der Suche nach frischen Beinwellblättern, am steilen Hang zur Brombeerhecke ausrutschte und mir nur Sekunden später die Frage stellen musste, was mir gerade da so verdächtig warm am rechten Bein herunterläuft. Ein erster Kontrollblick lieferte mir zwar den untrüglichen Beweis dafür, dass eine spontan bei mir eingezogene Inkontinenz ausgeschlossen werden kann, da Urin nicht unbedingt für seine tiefrote Farbgebung bekannt ist. Aber wo lag dann der Hase begraben? Bei der augenblicklich eingeleiteten Suche nach der undichten Stelle an meinem Körper, signalisierte das Ertasten eines hölzernen Messergriffes, besorgniserregend nahe meiner rechten Gesäßhälfte (man könnte sie auch als Arschbacke bezeichnen – aber, nach dem bereits erfolgten verbalen Fehltritt, ist mir der Mut abhanden gekommen), offensichtlich doch auf dem richtigen Weg bei meinen Erkundungen gelandet zu sein. Während Amigo, unser Hund, vorsichtig erste interessante Geruchserlebnisse an meiner Hose einsaugte, verschaffte sich auch schon das nächste Fragezeichen Zugang in meine ohnehin überforderte Gedankenwelt. Darf eine tief ins Fleisch eingedrungene Messerklinge mirnichtsdirnichts zurück an die Frischluft gezogen werden? Oder sollte sich drum dann doch besser ein fachkundiger Tüftler mit medizinischer Approbation kümmern?
Der Zeitpunkt schien gekommen, da es sich rächte, meinerseits noch nie (weder literarisch noch cineastisch) ein Liebhaber von Schilderungen gewesen zu sein, bei denen das Messer im Hals oder Rücken eines Menschen den unbestreitbaren Höhepunkt des Geschehens darstellt. Ich zeige mich in der Regel vollauf zufrieden (was die „buchstäbliche“ Gewalt betrifft), wenn sich George und seine Gattin Martha, in dem Roman »Wer hat Angst vor Virginia Woolf« von Edward Albee, erst so richtig „die Kanne geben“, um sich im Anschluss verbal bis auf die Knochen zu bekriegen. Da braucht es kein feststehendes Messer, wenn jedes verletzende Wort tief ins Fleisch eindringt. Oder, als weiteres Beispiel, wie der junge Werther seinem Freund Wilhelm in wunderbar formulierten Briefen mitteilt, dass das Techtelmechtel zwischen ihm und der geliebten Lotte nicht so recht in Gang kommen will und er sich letztlich dazu entschließt, dem ganzen nervenaufreibenden Firlefanz ein Ende zu setzen, indem er sich selbst den Gar ausmacht. Tot ist tot – da braucht es doch wahrhaftig keines Schlachtfestes. Gleichwohl würde es mich eines dennoch brennend interessieren: Wenn ich mich zur Umsiedlung des Messers entscheiden sollte, wird im Anschluss nur die Messerschneide oder auch die Wunde abgeleckt? Mein Hund würde, so wie ich ihn kenne, beide Aufgaben liebend gerne im Auftrag seines Herrchens übernehmen.
Damit das Ganze nicht zu einem blutrünstigen Horrorstreifen ausartet, kehre ich lieber schnell zurück, zu dieser möglicherweise besonders ertragreichen Form des Jammerns, die ich anfänglich bereits ins Spiel brachte. Doch vorab noch rasch ein paar Informationen, die zwar im weitesten Sinne auch etwas mit dem Jammern zu tun haben – aber eben nicht direkt mit dieser speziellen Form, zu der ich die Gebrauchsanleitung darzureichen versuche. Ich entschied mich, noch an der Absturzstelle stehend, nach kurzer Überlegung für die Variante »Messer raus«, da ich befürchtete, mit einer Klinge tief im Allerwertesten und einem hölzernen Knauf außerhalb, könnte es schwierig werden, die ideale Position im Auto zu finden, da ich wenig Hoffnung hegte, diese Wunde mit einem Streifen Tesa verschließen zu können. Die 6-Kilometer-Fahrt zum örtlichen Fleischbeschauer im weißen Kittel erschien mir unumgänglich. Kaum befand sich das Messer wieder gänzlich an der frischen Luft, nahm das Gejammere auch schon seinen Anfang. Wer jedoch nun auf meine Wehleidigkeit tippt, den muss ich enttäuschen. Diese Jammergeräusche entwichen Amigo und klangen in etwa so, als hätte ich ihm gerade den Fressnapf mit dem Lieblingsfutter unter der Schnauze weggezogen. Ob diese Reaktion jetzt der Sorge um das Herrchen oder der Tatsache geschuldet war, dass ich ihm eine genauere Begutachtung des Blutquells strikt verweigerte, soll das Geheimnis des Vierbeiners bleiben, da mich ganz andere Sorgen plagten.
Ouverture:
Diese startet mit dem Hinweis an all jene, die irgendwann einmal beabsichtigen, sich aus Jux und Tollerei in eine Messerklinge zu stürzen: Die von mir praktizierte »Messer-raus-Aktion« führte mich zu der Erkenntnis, dass ein Gegenstand, tief in deiner Haut (und der dort definitiv nichts zu suchen hat), ähnlich einem porösen Korken auf einer Weinflasche, eine sichtbare Wirkung zeigt. Denn in dem Augenblick, in dem du den ohnehin bereits undichten Verschluss aus dem Flaschenhals ziehst, beginnt der Inhalt erst so richtig zu fließen. Höchste Zeit für mich, vom Modus der Sprachlosigkeit mit eingebautem Verblüfftsein, in eine Form der Hektik zu wechseln. Da eine hastige Betriebsamkeit das Denken nicht grundsätzlich in den Hintergrund zu drängen vermag, versuchte ich mich krampfhaft daran zu erinnern, wo ich den Verbandskasten zum letzten Mal wahrgenommen hatte. Bis zum Erreichen der Terrasse sollte es mir eingefallen sein, da anderweitig eine rote Schleifspur den Boden quer durch das ganze Haus zieren wird. Trotz all des Gedankenstresses machte sich Erleichterung breit, da ich sicher sein konnte, nicht unmittelbar auf meine Frau zu treffen. Die hielt sich gegenwärtig, zum Austausch wichtiger Neuigkeiten, bei einer Freundin auf. Wäre dem nicht so, müsste ich den Notarzt vorab nicht nur über eine Stichverletzung, sondern auch über einen Nervenzusammenbruch mit anschließendem Koma und ersten Versuchen der Reanimation unterrichten. So war aber der Erste-Hilfe-Kasten schnell gefunden, ein steriles Tuch aus der Verpackung gezerrt und der blutende Krater notdürftig versorgt. Die Fahrt zur Schlachtbank konnte in Angriff genommen werden.
Des plaintes de luxe, accompagnées d'une guérison miraculeuse: Anm. d. Verf.: Bitte alle vollkommen entspannt in Opas altem Ohrensessel verweilen. Die Übersetzung folgt prompt: Luxuriöse Beschwerden, begleitet von einer wundersamen Heilung. Der Grund meiner Übergriffigkeit in das Französische rührt daher, dass ich die Handlung in das Korsett einer Opéra-Comique (komischen Oper) einzubauen versuche. Wenn ich, dies berücksichtigend, die Ouverture als Einstieg in das Chaos wähle und das bislang noch „Unvollendete“ mit einem »Finale sans surprise« abzuschließen gedenke, erachte ich es für äußerst unpassend, für den Akt des hauptsächlichen Geschehens in die Sprache von Richard Wagner zu wechseln. Ich residiere zwar auch auf einem Hügel – doch geht es bei mir erheblich undramatischer zu. Überdies erdolchen Franzosen, Italiener und Spanier ihre Gegenspieler im Allgemeinen mit einer überzeugenderen musikalischen Nonchalance.
Doch schnell zurück zur eigentlichen Handlung.
Kaum war der letzte Faden verknotet und die Wunde mit einem schlicht in Weiß gehaltenen Sicht- und Staubschutz belegt, konnte entspannt die Rückfahrt angetreten werden. Die galt es jetzt zu nutzen, eine möglichst gute Strategie für den Fall zu erarbeiten, dass die Blüte meines Herzens sich bereits von der Freundin verabschiedet hat und mich sehnlichst im kuscheligen Heim erwartet. Denn sollte sich dieses Szenario als real erweisen, stünden mir unter Garantie schwierig zu handhabende Momente bevor. Erheblich lieber wäre es mir daher, der Nachrichtenaustausch hätte einer Verlängerung bedurft und mir bliebe die Zeit, die Blutspur auf der Terrasse und der Küche – wolgemerkt im Rahmen meiner Möglichkeiten – unsichtbar zu machen. Doch bevor die erste strategische Masche überhaupt gestrickt war, konnten die Nadeln auch wieder vernachlässigt werden, denn ich wurde bereits vor der Tür erwartet. Und das auch noch im Doppelpack. Zum einen stand da Amigo, der mit seinem rotierenden Schwanz jedes Windrad in den Schatten gestellt hätte, und direkt daneben eine Frau, deren Gesichtszüge einer ständigen Veränderung unterworfen schienen. Mal interpretierte ich so etwas wie Besorgnis hinein, dann wiederum Erleichterung, aber, und daran bestand absolut kein Zweifel, insbesondere um die Augenpartie herum, aufgestaute Vorwürfe im Wartemodus.
Diese Sorte von Blick kannte ich nämlich seit frühester Jugend von meinem Vater, der allerdings diese, meiner Überzeugung nach, überhebliche Unart im Stile eines Perfektionisten auf Lager hatte. Eine kleine Kostprobe dessen ließ er mir zukommen, als die Gummireifen meines Tretrollers sich von der Haftung auf dem Asphalt verabschiedeten und mitsamt seinem Antreter in der instabilen Seitenlage einige Meter über frisch aufgestreuten Rollsplit rutschten. Während meine Mutter mir mit höchster Sorgfalt die letzten verbliebenen Körner des Straßenbelags aus der beträchtlichen Schürfwunde wusch und anschließend mit der Jodtinktur nicht geizte, stand der Meister seines Fachs aufrecht vor mir und erkundigte sich danach, ob der Tretroller bei der Gelegenheit eventuell auch in Mitleidenschaft gezogen worden war. Quasi als Sahnehäubchen auf die Torte des Mitgefühls durfte ich mir dann auch noch anhören, wie man sich mit einem solchen Gefährt richtig auf der Straße bewegt. Sofort hatte ich einen Schnappschuss aus den Kindheitstagen dieses Mannes vor Augen, auf dem er vor dem Haus meiner Großeltern mit kurzen Hosen, einem Hemd, das mehr einer Küchenschürze ähnelte, und einem Holzschubkarren in den Händen abgelichtet worden war. Ich hätte seinerzeit meine schönste Glasmurmel darauf verwettet, dass dieser aufgeplusterte Wichtigtuer im Leben noch nie einen Fuß auf einem Tretroller platziert hatte. Mich würde trotzdem brennend interessieren, wann er sich die Zeit nahm, diesen vorwurfsvollen Blick dermaßen auf Hochglanz zu polieren. Wahrscheinlich immer dann, wenn er, eingebettet in den Hochmut, seinen Schülern und Studenten wortlos signalisierte, dass sie von der lateinischen und französischen Sprache so viel Ahnung hatten wie ein Hahn vom Freistilschwimmen.
Schnee von gestern. Wenden wir uns lieber dem weiblichen Mitglied in meinem Empfangskomitee zu. Bei einer zweiten Betrachtung der Sorgenfalten auf der Stirn und des Glanzes ihrer Augen, galt es für mich, meine Einschätzung umgehend zu korrigieren. Das war eindeutig der Blick einer Auszubildenden im ersten Lehrjahr bezüglich der nonverbalen Abstrafung. Doch, anstatt eines innigen Kusses der Erleichterung, entwich ihr ein Satz, den ich eher als Selbstanklage, denn als sonst etwas, deutete: „Wenn ich auch nur einmal außer Haus bin, passiert gleich so etwas.“ Woher wusste diese Frau, dass und was überhaupt vorgefallen war? Die Blutspur auf dem Holzboden? Die hätte doch auch von einem Kaninchen mit selbstzerstörerischem Gemüt auf Abschiedstour stammen können. Oder hat Amigo geplaudert? Die Antwort bekomme ich prompt geliefert: „Du musst mir nichts erzählen. Ich habe in der Ambulanz angerufen.“ Da von der bestens informierten Seite offenbar auch weiterhin kein Kuss zu erwarten war, nahm ich ein ganz frisches Exemplar aus meiner Schatulle und überreichte ihn an zwei zarte Lippen. Dies brachte mir Zeit genug ein, um mich für das bemitleidenswerte Jammern, als weitere Vorgehensweise, zu entscheiden.
Une finale sans surprise:
Um den verbalen Austausch aus der Gefahrenzone zu manövrieren, starte ich nicht allein und unvermittelt mit einer exzellenten Komposition des „bemitleidenswerten Jammerns“, sondern erhebe das Ganze in eine vollkommen neue Sphäre. Nämlich durch eine fast schon groteske Veränderung meines Bewegungsablaufs, indem ich mein rechtes Bein publikumswirksam nachziehe. Ähnlich meinem Urgroßonkel Rudolf, als der plötzlich und unerwartet doch noch vom Russlandfeldzug den Weg nach Hause fand und ab diesem Zeitpunkt jedem stolz sein deutsches Qualitätsholzbein präsentierte. Wobei ich mich bis heute nicht von der Vermutung zu lösen vermag, dass er sich das Ding einst selbst schnitzte, da er es wohl nie weiter als von Saarbrücken bis Worms auf seinem Weg nach Stalingrad geschafft hatte. Beeindruckt scheint es mich dennoch zu haben, ansonsten hätte ich mich wohl nicht für eine Kopie dieser Art der Fortbewegung entschieden. – Und sie zeigt Wirkung.
„Du hast bestimmt Schmerzen. Wäre es nicht besser, wenn du dich hinlegst und dich schonst?“
Keine Rede mehr von bösen Vorahnungen und Katastrophen, die sich in ihrem Beisein so niemals ereignet hätten. Die Fürsorge hat unüberhörbar den Taktstock übernommen. Nichts kommt mir gelegener, als mich auf der Woge dieser Melodie zur Couch geleiten zu lassen. Kaum in der, hinsichtlich des vernähten Fleisches, unbedenklichen Seitenlage niedergelassen, unterbreite ich meiner Pflegekraft ein Angebot: „Willst du dir die Wunde mal anschauen?“
Die augenblicklich einsetzende Schockstarre der Angesprochenen, lässt mich erahnen, dass ich den Blick in die nahe Zukunft mit der stets greifbaren Pflegekraft, rasch ad acta legen sollte. Der fast schon schrille Ton in der Antwort auf mein großzügiges Angebot lässt das knapp geschnittene Outfit mit dem aufgestickten roten Kreuz am Körper meiner Frau unweigerlich in den Sack für die Altkleidersammlung wandern.
„Hast du jetzt komplett den Verstand verloren? Willst du, dass ich ohnmächtig neben dir liege?“
„Ohnmacht muss es jetzt nicht unbedingt sein. Aber neben mich legen, würde mir richtig gut gefallen.“
„Und was soll das bringen?“
„Ich habe gehört, dass intensive Streicheleinheiten den Heilungsprozess beschleunigen können.“
„Ja, ja, man hört so einiges, wenn man es verpasst hat, rechtzeitig die Ohren abzuschalten. Außerdem, was soll es bewirken, wenn ich über den Verband streichele?“
„Nein, nicht die Wunde. Du musst dich auf das nahegelegene Umfeld konzentrieren. Das lenkt mich automatisch von den Schmerzen ab.“
„Kann es eventuell sein, dass beim Sturz dein Gehirn in Mitleidenschaft gezogen wurde? Denn anders kann ich deine Wunschträume nicht interpretieren.“
„Komm, jetzt sei nicht so. Es ist doch nur gut für eine rasche Genesung.“
„Noch ein Wort, und der Onkel Doktor darf die Nähmaschine wieder auspacken.“
Ich sah den Zeitpunkt gekommen, jegliches Betteln und Jammern einzustellen und stattdessen mich bei Amigo zu erkundigen, ob er mich wenigstens noch liebhat.
Eine Bilanz (gezogen unter dem Einfluss der nicht endenwollenden Hitze):
Ausgiebiges Jammern stellt recht selten Linderung in Aussicht.
Ich verbünde mich mit Esther Abrami und Ibrahim Maalouf, indem ich den Wortlos-Modus wechsele. Die Hitze steckt mir doch mehr zu, als anfänglich gedacht.