Wie sieht der handelsübliche Ausländer im Hier und Jetzt – also in dem Leben, durch das ich gerade stolpere – konkret aus? Welche prägnanten Merkmale kennzeichnen ihn als solchen? Hat man ihn beim Wechsel vom Inländer zum Ausländer mit einem Gütesiegel, einem Barcode oder einem Etikett (vergleichbar mit einem hochwertigen T-Shirt aus Bangladesch) versehen? Bestehen sie überhaupt, wie ich, aus Fleisch und Blut? So abwegig ist die Frage gar nicht. Im Hamburger Panoptikum sollen einige Ausländer herumstehen, die vom Scheitel bis zur Sohle aus Wachs gebastelt sind. Dies mag in heißen Jahreszeiten Probleme mit dem Körperbau hervorrufen, aber, wenn ich mich auf dem samstäglichen Wochenmarkt so umschaue, muss man für derartige Verformungen nicht zwangsläufig aus Wachs gegossen sein. Dererlei Probleme kennen nur vom Hörensagen all jene, die man in Bronze oder Blei gegossen hat. Eventuell, um mich nicht in ausweglosen Verstrickungen zu verheddern, sollte ich mich besser auf einen ganz anderen Typus konzentrieren? Mein Nachbar (ja, der mit der gestriegelten Hecke) geht nämlich fest von einem komplett anderen Werkstoff aus. O-Ton: „Ausländer sind aus einem ganz anderen Holz geschnitzt.“ Die Ehefrau des Heckencoiffeurs fügt noch hinzu: „Sie sind auf jeden Fall nicht so wie wir.“ Das sind dann doch zumindest einmal ein paar greifbare Anhaltspunkte.
Wann mutiert oder wird der (beim jetzigen Erkenntnisstand, wahrscheinlich hölzerne) Wandervogel zum Ausländer? Direkt mit dem Grenzübertritt oder wenn die vermeintlichen Inländer dies aus ihm machen? Ich tippe eher auf die letztgenannte Variante, da der Einheimische bekanntermaßen beim Etikettieren vom Unbekannten permanent enorme Fachkenntnisse unter Beweis zu stellen versucht. Doch ergeben sich auch Situationen, in denen gedankliche Wirrungen jegliche Klassifizierung zu einem waghalsigen Manöver werden lassen. Ich versuche dies an einem kleinen Beispiel aus meinem direkten Umfeld zu erklären.
Ante Horvat lebt in Tomislavgrad, einer Gemeinde im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina. Dies zumindest bezeugen sämtliche ihm ausgehändigten Dokumente. Fragt man allerdings bei Ante bezüglich seiner Staatsbürgerschaft nach, erhält man die Information, er sei ein hundertprozentiger Kroate. Begibt man sich jedoch mit dieser Information in die Straßen der kroatischen Hauptstadt und hält Rückfrage, wie es um die Nationalität des Mannes aus Tomislavgrad bestellt ist, erhält man in der Regel zwei Antworten, die zwar vom Klang her unterschiedliche Inhalte aufweisen, aber in der Quintessenz als identisch definiert werden können. Sie lauten entweder „Bosanac“ oder „Hrcegovac“. Somit ist der 100 %-Kroate unzweifelhaft identifiziert als ein Bürger von Bosnien und Herzegowina.
Die Angelegenheit nimmt jedoch eine dramatische Wendung, stellt man diese Frage einem unbelehrbaren kroatischen Patrioten: „Ante ist einer von uns!“ Wer soll sich daraus noch ein klares Bild machen können? Kein Wunder, wenn dann jemand auf die Idee kommt, um in dieser Angelegenheit Aufklärung zu leisten, sich doch, auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage, einfach einmal kurz und schmerzhaft die Köpfe einzuschlagen.
Um der Definition von »Ist er nun In- oder Ausländer?« endgültig die Narrenkrone aufzusetzen, lassen wir nochmals Ante Horvat höchstpersönlich zu Wort kommen, dem zufälligerweise gerade vom Postboten in Tomislavgrad ein Schreiben der kroatischen Justiz zugestellt wurde, in dem ihm mitgeteilt wird, man habe Anklage wegen verschiedenster Straftaten innerhalb des Staatsgebietes der Republik Kroatien gegen ihn erhoben. Die erneute Frage nach der Staatszugehörigkeit liefert eine überraschende Antwort: „Ganz eindeutig Hrcegovac (Herzegowiner).“ (Die Bezeichnung »Bosnier (Bosanac)« käme übrigens niemals über seine Lippen. So weit geht das Zusammengehörigkeitsgefühl dann doch nicht. Hauptsache kein Auslieferungsabkommen mit Kroatien!
Festzuhalten bleibt: Patriotismus fördert auch vereinzelt kluge Meinungsänderungen zutage. Ob als Inländer oder Ausländer geoutet, hat auch so manches Mal mit den zu erwartenden Konsequenzen zu tun.
Infolge dieser Verkomplizierung in meiner Herangehensweise zum Thema »Erkennungsmerkmale an einem facettenreichen Ausländer« entschließe ich mich zu einem drastischen Schwenk, vernachlässige die Fokussierung auf das äußerliche Erscheinungsbild und konzentriere mich auf das „Hörensagen“. Was vereinfacht ausgedrückt bedeutet: Was gibt mein Verdachtsfall in Bezug auf Ausländer verbal so von sich und wie kommt dessen Sprache in meinen Gehörgängen an?
Da ich aus meinem Bekannten- und Verwandtenkreis bereits des Öfteren Hinweise darauf erhielt, dass sich in der Vergangenheit mehrfach Ausländer mit eingängigen Melodien und auf aufkeimenden Schwachsinn hindeutenden Texten in die Herzen der Inländer zu trällern versuchten und damit vortäuschten, in der direkten Nachbarschaft beheimatet zu sein, starte ich meinen ersten Versuch bei Aykut Anhan. Dessen allseits bekannten Wegbereiter fungierten unter Pseudonymen wie Bata Ilić, Billy Mo, Gus Backus, Howard Carpendale, Vicky Leandros oder Roberto Blanco – wurden allerdings allesamt als Ausländer enttarnt. Daraus zog Aykut Anhan wohl seine Lehren und nannte sich von einem auf den anderen Tag schlicht und einfach »Haftbefehl«. Mehr Deutsch geht einfach nicht! Doch begeht der Justizexperte einen folgenschweren Fehler. Während sein Bruder im musikalischen Geiste, der zuvor erwähnte Gus Backus, Zeilen wie „meine Braut, die Edeltraut, isst so gerne Sauerkraut“ zum Besten gab und es damit schwierig werden ließ, ihn umgehend als »Einschleicher« zu outen, lässt Aykut uns das Folgende wissen:
Chabos wissen, wer der Babo ist
Hafti Abi ist der, der im Lambo und Ferrari sitzt
Saudi-Arabi-Money-rich
Wissen, wer der Babo ist
Attention, mach bloß keine Harekets
Bevor ich komm’ und dir deine Nase brech'
Wissen, wer der Babo ist
Immer noch derselbe Chabo,
Bitch, den du am Bahnhof triffst
Wie er grade Nasen snifft.
Herr Anhan scheint noch immer beim Absolvieren des Deutschtests nicht sattelfest zu sein. Doch bevor ich dem Hafti Abi das Ausländer-Typen-Siegel auf die Stirn kleben kann, wirft mich die Realität in meiner Forschungsarbeit um Lichtjahre zurück. Dieser linguistische Feinmechaniker wurde in Offenbach geboren, besuchte wohl (man soll es kaum glauben) dort auch eine öffentliche Schule und hütet in seiner Gesäßtasche einen Pass, der verdammt deutsch aussieht. Jetzt kann ich mich sogar auch nicht mehr auf meine Ohren verlassen.
Eine Erkenntnis, zu der ich auch bereits vor ein paar Wochen hätte kommen können, als ich mit einem Nepalesen darüber auf Kroatisch sinnierte, wo man in Zagreb überhaupt noch sein Auto abstellen kann, ohne Gefahr zu laufen, abgeschleppt zu werden oder das eigene Bankkonto extrem überzustrapazieren. Genau betrachtet, trafen sich an jenem Ort zwei eingebürgerte Ausländer, die sämtliche, in das Situationsbild zu interpretierenden Vorurteile lapidar zur Seite wischten, indem sie eine gemeinsame Sprache fanden. Einen Seitenhieb konnte ich mir dennoch nicht verkneifen, indem ich den Mann, kurz bevor jeder wieder seines Weges ging, fragte, ob er sich die Zeit nehmen würde, mir bei der nächsten Besteigung der Dinara (höchster Berg Kroatiens) freundlicherweise mein Marschgepäck hochzuschleppen. Wenn ich den Gesichtsausdruck richtig interpretierte, fand er meinen „faulen Witz“ sogar noch lustig. Die definitive Zusage, sich in seiner neuen Heimat einen guten Ruf als vielseitig verwendbarer Sherpa zu machen, verweigerte er mir dennoch.
Wo wir gerade mal beim Kraxeln sind, drängt es sich doch geradezu auf, ein paar wenige Gedanken in den Prozess zu investieren, den man möglicherweise in Österreich anwendet, um den Inländer vom Ausländer zweifelsfrei unterscheiden zu können. Ich könnte mir vorstellen, dass dem unter Verdacht geratenen Kletterer am Fuß der Karawanken vom alpenländischen Amt für unbefleckte Traditionen ein Fragebogen vorgelegt wird, der, einmal ausgefüllt, rasch offenbart, ob es sich um »Einen von uns« handelt. Wer sich, zum Beispiel bei Frage 1, nach der Bedeutung der Floskel „I bin kroachen wia a Kaisersemmel“ gedanklich in einer Bäckerei wiederfindet, darf sich augenblicklich seiner Bergschuhe entledigen und weiter, fernab der Alpenrepublik, in seinen Jesuslatschen die Welt bewandern. Direkt im Trachtenverein aufgenommen, wird allerdings jener Neuankömmling, der bei Frage 2 unmissverständlich das Wiener Schnitzel bestellt, wenn es heißt „Si was hinter die Kulissn schiabn“. Ganz perfide wird es mit dem Angebot bei Frage 3, in deren Formulierung der Posten eines Landeshauptmanns in Aussicht gestellt wird, und dann folgt prompt die Antwort des Getesteten: „Des interessiert mi so vü, wia a Schas im Woid.“ Das ist dann eindeutig ein Kandidat für das Amt des künftigen Bundespräsidenten.
So sieht das Prozedere zumindest in meiner Fantasie aus.
Ganz allmählich macht sich in meinem Kopf die Erkenntnis breit, besser nicht länger über das Erscheinungsbild, die Sprachkenntnisse oder Essgewohnheiten des facettenreichen Ausländers nachzudenken. Ich konzentriere mich lieber auf meine Suche nach einer robusten Heckenschere. Der neidische Blick auf die topgestylte Ligusterhecke des Nachbarn lässt alles Fremde verblassen und stellt mich vor eine ganz neue künstlerische Herausforderung. Weder vor noch hinter, auch nicht rechts oder links, neben meinem Haus wächst etwas Vergleichbares mit einer Hecke. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden. Bis dahin will ich mich am wild wuchernden Brombeerstrauch und dem seit Wochen nicht gemähten Gras im Vorgarten an die Qualitäten meines Nachbarn herantasten. Jeder fängt wohl winzig an. Wahrscheinlich auch der Ausländer, der bei seiner Geburt noch gar nicht ahnt, dass ich (wenn die Hecke gewachsen ist) vielleicht noch einmal nach ihm fahnde.
Zum Abschluss, unabhängig vom eigentlichen Thema, ein paar Worte, in einem schlichten musikalischen Gewand verpackt, die es in meine persönliche Ewigkeitsliste geschafft haben.