Was ist geschehen? Was hat es ausgelöst, dass ich urplötzlich an Fragen bezüglich des »Lebens nach mir« bastle?
Ein Sachverhalt, der mich mit dem äußerst komplizierten Tatbestand der Nachdenklichkeit konfrontiert. Ohne bei diesem komplexen Themenbereich das Inhaltsverzeichnis überhaupt in Augenschein genommen, oder gar den Beipackzettel mit all den bekannten Nebenwirkungen seziert zu haben, scheint ein Faktum (vergleichbar mit dem berühmten Pfeiler der Unumstößlichkeit) bereits im Ansatz als nicht diskutierbar: Der Befund des Mediziners kann de facto als absolut fruchtlos bezüglich des Fortbestandes unseres Planeten Erde eingeordnet werden. Denn (nur um Klarheit im Zuge dessen ans eingetrübte Tageslicht zu fördern), ob mein Tod wahrlich auf die diagnostizierte Fraktur zurückzuführen oder schlichtweg ein Individualtod oder gar ein »Mors in coitu« nicht generell ausgeschlossen werden sollte, scheint unerheblich, da die »Periode der Fragezeichen« zum Zeitpunkt meines Ablebens erst so richtig Fahrt aufnehmen wird.
Was die Werthaltigkeit dieser Prognose betrifft, bin ich todesicher! (Anm. d. Verf.: Zugegeben, ein halbfertiger Satz, an dem ich mich jedoch nicht weiter „vergehen“ möchte.)
Bevor ich das schwierige Feld der Nachdenklichkeit überhaupt zu beackern beginne, sollte der Name der Ideengeberin für diesen Gedankenerguss nicht ohne Erwähnung bleiben. Basierend auf der von #kvinna ausgearbeiteten Thematik über das „Wenn und Aber“, „hätte ich doch nur …“ und „vielleicht wäre alles ganz anders gelaufen“, lehnte ich mich am Schreibtisch entspannt zurück, nahm mir eine, im Vorfeld nicht abzuschätzende Zeit für ein Gedankenspiel, und ließ die schnöde Alltäglichkeit an meiner kalten Schulter abgleiten.
Es wäre gar töricht zu behaupten, bei einer Selbstreflexion im Anschluss an eine meiner sinnlosen oder durchdachten Eskapaden, nicht auch Gedanken, beginnend mit den Worten „Hätte ich doch nur …“, ins Rennen geschickt zu haben. Daher wenig überraschend die mir selbst gegebene Antwort: „Eigentlich schon.“ Dieser Replik hing oft auch noch die Anleitung für den mit Sicherheit kommenden Fall auf thematisch vergleichbarem Terrain bei. Es darf sich getrost als weltfremd bezeichnen, der nun die Erwartung hegt, ich hätte mich im Anschluss an meine neuen Vorgaben gehalten.
Fazit: Neuer Einsatz – aber die alte Tollpatschigkeit!
Wenn das keine Argumente sind …
Ein exzellentes Beispiel, mir oftmals selbst im Weg zu stehen oder über eigenhändig aufgestellte Hürden zu stolpern, liefert das allmorgendliche Ritual des Kaffeekochens. Die Hauptdarsteller dieser Groteske: eine handelsübliche Maschine für das Zubereiten von Filterkaffee und ein meist gut gelaunter Frühaufsteher. Der Tatort: ein vom Papierchaos geprägter Raum mit einem überdimensionalen Schreibtisch und einer Leuchte aus längst vergangenen Tagen. Da der kleine Beistelltisch nicht nur für die Ablage der derzeit auf dem literarischen Speiseplan stehenden Bücher gedacht ist, soll er nicht unberücksichtigt bleiben. Er bietet auch Platz für den Hauptdarsteller mit dem Stromkabel am Hintern, der wöchentlich einer Essig-Reinigung unterzogen wird, um den ungehemmten Durchlauf für duftenden Kaffee zu gewährleisten.
Während das Bestücken der Kaffeemaschine und der anschließende Fertigungsprozess noch in der Rubrik »ohne besondere Vorkommnisse« abgelegt werden können, müsste sich der bereits erwähnte Frühaufsteher spätestens beim Umfüllen des Heißgetränkes in die bereitstehende Thermoskanne ernsthaft fragen (um beim Thema Kaffee zu verweilen), ob er wahrhaftig noch alle Tassen im Schrank hat.
Da sich die Lichtquelle auf dem Schreibtisch nun im Rücken des Amateur-Baristos befindet, entwickelt sich Tag für Tag der Transfer von der Glas- in die Thermoskanne zu einem Vabanquespiel im Halbdunkel des Raumes. Die dabei regelmäßig erzeugten Pfützen auf der Tischplatte könnten vermieden werden, indem der Kannenjongleur einen winzigen Schritt zur Seite macht und damit dem Licht freie Flut auf die Kaffeemaschine gewährt. Oder, Möglichkeit Nr. 2 in Betracht ziehen: Ein geeigneter Platz für das Gerät auf dem Schreibtisch wird freigeräumt.
Letzteres scheidet bereits aus, bevor überhaupt eine nutzbare Steckdose gefunden wird. Die Erklärung liefert der Frühaufsteher selbst und beweist mit seinen Worten, wie einfach es sein kann, unbestreitbare Logik und offensichtliche Hirnrissigkeit zu paaren: „Eine Kaffeemaschine hat auf meinem Schreibtisch nichts verloren.“ (Anm. d. Verf.: Was ein solches Haushaltsgerät, abgesehen vom Glanz, Wert und eventuell Wasser zu verlieren hat, müsste der Verfechter klarer Richtlinien dann doch noch näher erläutern.)
Warum die Aktion mit dem kleinen Schritt zur Seite nicht umgesetzt wird, erklärt sich mit einem Blick in die verworrene Gedankenwelt des ausgebufften Pragmatikers. Nur im Verborgenen des Hinterkopfs, somit ohne jegliche Aussicht, über die Lippen entweichen zu können, entstehen Gedankengespräche zur Einschätzung der eigenen Beschränktheit: „Du bist wahrlich ein selten großer Depp. Macht aber überhaupt nichts. Hauptsache, es bleibt unter uns.“
Es zogen noch nicht allzu viele Tage ins Land, da kam mir in gedruckter Form die Einschätzung eines Fachmannes bezüglich der menschlichen Psyche unter, deren Inhalt (ins Allgemeinverständliche übersetzt) Folgendes verrät: Antwortet eine Person aus dem intimen Umfeld plötzlich auf Vorgänge, vollzogen auf der politischen Bühne, welche es sogar bis in die »Tagesschau« schaffen, mit der Floskel „Das interessiert mich nicht.“, obwohl sie in all den gemeinsam verbrachten Jahren zuvor, nahezu jeder Regierung nach spätestens 100 Tagen im Amt die Lizenz zum Regieren entzogen hätte, dann sollte Alarmstufe 1 eingeläutet werden. Der oder diejenige bastelt nämlich an der Verabschiedung aus dem aktiven Leben.
Die geistige Verarbeitung der fachlichen Beurteilung war nicht annähernd abgeschlossen, da entschlossen sich auch schon zwei Fragezeichen vor meinem inneren Auge zu einem ausgelassenen Quickstep mit nahezu perfekter Schrittfolge. Fragezeichen 1 agierte im Takt meiner Vermutung: Der Urenkel von Sigmund Freud habe wohl ein paar wichtige Vorlesungen an der Uni versäumt. Während Fragezeichen 2 den Schwung seiner Bewegungen aus meiner These zog, hätte der approbierte Meister der Hirnklemptnerei mal besser im Vorfeld seiner Ausarbeitung meine Sicht auf die Thematik eingeholt. In dem Fall wären Praxis und Theorie aufeinandergetroffen. – Was unter Garantie zu einem kleinen Beben in den Fachzeitschriften der Psychoanalyse geführt hätte.
Noch vor Jahren, als mein Suchfernrohr am Fenster über dem Schreibtisch noch starr auf das Parlamentsgebäude, hoch oben in der Zagreber Altstadt, gerichtet war, und die Fahndungsplakate nach Franjo Tuđman, Gojko Šušak, Ivo Sanader oder Tomislav Karamarko die Wände im Büro dominierten, wäre ein „Das interessiert mich nicht.“ aus meinem Mund unvorstellbar gewesen. Doch nicht nur die Zeiten ändern sich, nein, auch die Hitzeregulierung der unter meinem Allerwertesten lagernden heißen Kohlen, habe ich inzwischen erheblich besser im Griff. Der erste registrierte Fehltritt auf dem politischen Parkett treibt mich längst nicht mehr in die Socken. Viel amüsanter erscheint mir die Vorgehensweise, in aller Ruhe abzuwarten, bis der ertappte Mandatsträger mit Realitätsverlust in seiner kleinen Barke Platz nimmt und unermüdlich Versuche startet, aus dem eigens produzierten Güllesee rückwärts zu rudern. Denn der Spaß am Job beginnt erst so richtig, wenn der meist Orientierungslose das vermeintlich sichere Ufer erreicht.
Daher geht mein Ratschlag an alle Betroffenen, die sich mit einem »Das-interessiert-mich-nicht-Typus« konfrontiert sehen: Nur nicht voreilig abschreiben, da der Bekundung zu jeder Zeit das fast unscheinbare Adverb noch beigefügt werden kann. So etwas nennt man dann wohl: »Todgeglaubte im prallen Leben anzutreffen.«
Da ich somit bei meiner Recherche zum eigenen Verhalten im aktuellen Leben, beim Thema „Wenn und Aber“, „Hätte ich doch nur …“ und „Vielleicht wäre alles ganz anders gelaufen“ zu dem Ergebnis gekommen bin, eigene Macken (Unzulänglichkeiten) vereinzelt erkennen zu können, aber mir zu entscheidenden Korrekturen die Mittel fehlen, besser auf „das Leben danach“ zu konzentrieren. Zwar mit einer kompletten Ahnungslosigkeit ausgestattet, welche Rolle mir dort zugewiesen wird, doch hindert dieser Umstand mich nicht daran, einen Wunsch zu äußern:
Mit einer breiten Zustimmung meinerseits ist zu rechnen, wenn ich es als freilaufende(r) Katze/Kater mit Familienanschluss versuchen könnte. (Über Nebensächlichkeiten wie Sterilisierung oder Kastration wird nach der vorher geregelten Eingewöhnungszeit gesondert verhandelt.)
Nun mag man sich im Hier und Jetzt vereinzelt die Frage stellen, von welchem Affen der eloquente Zweibeiner mit Hang zur Selbstüberschätzung gebissen wurde, um freiwillig in die Rolle des Stubentigers mit Freiheitsdrang zu wechseln. Die Antwort sucht im logischen Résumé ihresgleichen. „Ich möchte endlich auch Kompromisse schließen, die vom Zweibeiner als solche wahrgenommen werden, doch letztlich den Vierbeiner als Gewinner ausweisen. Mich nur peripher mit der Nahrungsbeschaffung und deren mungerechter Zubereitung beschäftigen zu müssen. Streicheleinheiten von Kopf bis Schwanz zu jeder mir passenden Gelegenheit einzufordern, ohne mir Geschichten über Migräne und sonstige körperliche Unpässlichkeiten anzuhören. Egozentrik in jeglicher Form zu zelebrieren und für den praktizierten Egoismus auch noch Zuneigung zu ernten.“
Es fiele mir nicht schwer, noch mehr Argumente bezüglich meines Wunsches hinsichtlich der Reinkarnation aufzulisten. Doch drängt sich seit ein paar wenigen Minuten ein Gedanke in den Vordergrund, der ganz offensichtlich nicht plant, nach einem kurzen Zwischenstopp mich wieder zu verlassen. Wie würde ich die Aussicht einschätzen, als Staubkorn wiedergeboren zu werden?
Kostenlose Fernreisen auf den Flügeln des Mistral. Die Blätter des jungen Spinats als Schaukel nutzen. Nie von der Einsamkeit in eine Depression geführt zu werden. Oder voller Erwartungen auf den unerlässlichen Hausputz zu warten, da danach Gruppensex im Staubsaugerbeutel angesagt ist.
Argumente, die nicht ohne Weiteres zu ignorieren sind. Zumal das Staubkorn sich seiner Umgebung besser als jeder Mensch und jede Katze anzupassen weiß. Das Reflektieren oder Nachdenken über Vergangenes und in Aussicht Stehendes, mag zwar nicht recht zum Staubkorn passen – aber genau dies macht die Sache so extrem spannend.
Zum Abschluss noch ein paar Takte aus dem Album, welches zurzeit auf meinem Plattenspieler garantiert keinem Staubkorn Unterschlupf gewährt.