Bild von CNN (Inside Africa)
Der nachfolgende Text darf getrost als ein Produkt bezeichnet werden, welches seine Entstehung gänzlich der Tatsache verdankt, mich absolut planlos auf die Suche nach einem leeren Blatt digitalem Papier gemacht zu haben, um mit dem zu beginnen, was umgangssprachlich als die Beibehaltung eines Rituals bezeichnet werden könnte. - Nämlich das Senden einer kleinen Botschaft an gute Freunde, die es mit Menschen wie mir auch nicht immer leicht haben. Welche Anlässe böten sich da besser an als landauf, landab gepriesene Vorkommnisse, wie Weihnachten, Ostern oder Fronleichnam. Werden diese Termine (aus welchem Grund auch immer) ungenutzt der Vergangenheit übergeben, kann selbstverständlich auch der Jahrestag von Großonkel Emils Beinamputation kurz vor Stalingrad zur literarischen Entfaltung genutzt werden.
Ich erinnerte mich diesmal an eine schon länger zurückliegende Volkszählung in Palästina, die als ein wesentlicher Teil in das Grundsatzprogramm eines Vereins, der zu jener Zeit noch überhaupt nicht existierte, Einzug halten sollte.
Dies sollte als Ouvertüre genügen.
Tradition oder der beginnende Wahnsinn?
Vor, an und um die Tage einer geo-, ebenso gesellschaftspolitischen sowie jährlich (in weiten Teilen der Welt) munter zelebrierten, trotzdem nicht gänzlich unumstrittenen, unterschiedlichst interpretierten Niederkunft in einem Dorf in Palästina, läuten bei mir die Glocken, besinne ich mich alt eingefahrener Traditionen und starte zum wiederholten Mal den Versuch an einer sinnlosen und letztlich im Nichts verhallenden Botschaft.
Übrigens, dass mir gleich im Anschluss an diese Hausgeburt unaufgefordert ein weiteres Jahr aufgedeckelt wird, macht die Angelegenheit weder erträglicher noch aufreizend und damit prickelnder. Dies sollte nicht gänzlich unerwähnt bleiben, um eventuell aufkeimenden, anderslautender Gerüchte frühestmöglich die Flucht in die breite, mit sinnfreien Informationen überfütterten Öffentlichkeit zu versperren.
Doch, bevor überhaupt die ersten Gedanken den Weg auf die Tasten einschlagen, um dort unter Garantie an den beinahe unterhaltsam anwirkenden, biegsamen Barrieren gegen überfallartige Viren aus jeder Region dieses Planeten abgescannt zu werden, stellt sich mir die Frage, ob es sich bei diesem geistreich überschaubarem Versuch zweifelsfrei um eine wahrhaftige Tradition handelt, der ich im Augenblick Folge zu leisten versuchte?
Brauch, Brauchtum, Gebräuche oder Gepflogenheit. - Kann ich mich mit meiner nostalgisch geprägten Verbundenheit zur Tradition überhaupt an solchen Synonymen anlehnen, belanglose Geheimnisse anvertrauen oder meine Jacke daran aufhängen, während ich mich geräuschvoll von dem befreie, was ich mir in den Stunden zuvor in meiner liebevoll eingerichteten Scheinwelt einverleibt habe? Kann, respektive darf ich der Tradition grundsätzlich die Verantwortung meiner Gedankeneruptionen überlassen?
Mein Problem fundiert wohl eher in der Tatsache, Gepflogenheiten und Bräuchen recht wenig abgewinnen zu können. Ich neige dazu ständig alles zu hinterfragen, was für meinen Nachbarn absolut unverständlich und daher einer göttlich gegebenen Extragabe nahezukommen scheint. Warum, nur mal so als Beispiel, stellt sich mir unter der Dusche regelmäßig die Frage, ob das Pinkeln im Stehen nur den Gesetzen des christlichen Glaubens oder ein Verstoß gegen die AEMR (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte) darstellt? Kann der Angestellte im Klärwerk analysieren, ob ich in der Duschkabine oder am Rinnstein vor dem Haus von Herrn Schneider meinem innerlichen Drang nachgegeben habe? Ja, solche Dinge belasten meine angepeilten Denkvorhaben unablässig.
Kann und sollte man mit Traditionen überhaupt brechen? Natürlich nicht, da Brauchtümer nicht falzbar, noch weniger waschbar und keinesfalls zerbrechlich scheinen. So zu erkennen an dem Verhalten dieses bereits erwähnten Großonkels mütterlicherseits, der es bis zu seinem Ableben für unumkehrbar befand, an Adolfs Geburtstag eine klare Hühnerbrühe samt Einalge und viel Maggi Würze an die Großfamilie zu verteilen, um gleich anschließend zu blecherner Marschmusik im Takt zu schlürfen. Die Taktvorgabe stammte vom Meister der Tradition höchstpersönlich, da nur er über das Holzbein mit dem notwendigen Resonanzfaktor verfügte.
Warum wohl kann ich ausgerechnet Maggi Würze nicht ausstehen?
Sind Traditionen doch nicht so stabil, wie sie manchmal scheinen?
Möglicherweise fände ich, wenn ich mich nur etwas intensiver mit dem Thema beschäftigen würde, auch die Abzweigung von der Autobahn meiner Oberflächlichkeit?
Aber nicht heute! - Vielleicht zu Aschermittwoch oder Gründonnerstag (mit Spinat, Stampfkartoffeln und Spiegelei).