Jedes Jahr legen Milliarden von Tieren tausende Kilometer zurück - Vögel überqueren Kontinente, Wale durchqueren Ozeane, Gnuwildebeest durchziehen die afrikanische Savanne. Tierische Wanderungen gehören zu den eindrucksvollsten Phänomenen der Natur.
Die Grundmotivation ist evolutionär: Ressourcen. Nahrung, günstige Temperaturen und sichere Brutplätze sind nicht das ganze Jahr am selben Ort verfügbar. Tiere, die saisonal zwischen Gebieten wechseln, haben mehr Nachkommen als sesshaft lebende - der evolutionäre Druck begünstigte Wanderverhalten.
Zugvögel wie der Küstenseeschwalben legen die längste bekannte Wanderroute zurück: vom Brutgebiet in der Arktis bis in die Antarktis und zurück - bis zu 90.000 Kilometer pro Jahr. Monarch-Schmetterlinge überbrücken Tausende von Kilometern, obwohl keine Einzelgeneration die gesamte Route kennt.
Wie finden Tiere ihren Weg? Die Antwort ist vielschichtig. Viele Zugvögel orientieren sich am Sternenkompass - sie lernen als Küken die Bewegung des Sternenhimmels und nutzen den Polarstern als Fixpunkt. Tagsüber orientieren sie sich am Stand der Sonne unter Berücksichtigung der Tageszeit.
Besonders faszinierend ist der Magnetsinn vieler Tiere. In bestimmten Zellen finden sich Kristalle aus Magnetit - einem eisenhaltigen Mineral - die auf das Erdmagnetfeld reagieren. Rotkehlchen können das Magnetfeld sogar "sehen": Spezielle Proteine im Auge reagieren auf Magnetfelder durch quantenmechanische Prozesse.
Meeresschildkröten kehren nach Jahrzehnten auf dem offenen Ozean an genau den Strand zurück, an dem sie geschlüpft sind - geleitet durch die einzigartige magnetische Signatur des Strands.
Bei manchen Tierarten ist Wanderroutes-Wissen nicht genetisch festgelegt, sondern wird kulturell weitergegeben. Junge Zugvögel folgen erfahrenen Artgenossen. Wale scheinen Wanderrouten innerhalb sozialer Gruppen zu tradieren.
Viele Wanderungen sind heute durch menschliche Eingriffe gefährdet. Lichtverschmutzung desorientiert Zugvögel. Windräder und Hochhäuser werden zur tödlichen Falle. Klimawandel verschiebt Jahreszeiten und bringt die zeitliche Abstimmung von Nahrungsangebot und Ankunft der Zugvögel durcheinander.
Tierische Wanderungen sind Millionen Jahre alte Choreographien - und ihr Verschwinden würde Ökosysteme auf der ganzen Welt verändern.
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