Das spannende Leben der Ameisen - Teil 2

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Die Gründung

Wenn eine junge Königin ihre ersten Arbeiterinnen aufzieht, wird das Gründung genannt. Das kann auf sehr unterschiedliche Arten vonstattengehen. Ich persönlich halte eine grobe Einteilung in drei Kategorien sinnvoll:

Claustrale Gründung

Sehr viele Ameisenarten gründen claustral. Das bedeutet, dass die Königin sich in ihrer Gründungskammer einschließt, und mit der Eiablage beginnt. Sobald die Larven geschlüpft sind, werden sie von der Königin gefüttert. Sie sucht allerdings keine Nahrung und braucht auch keine, bis die ersten Arbeiterinnen diese Aufgabe übernehmen können. Denn die Jungkönigin hat genug Reserven in ihrem eigenen Körper: In diesem Artikel habe ich Dir ja schon von der Paarung bei Ameisen berichtet. Es gibt für claustral gründende Arten eine geniale Lösung, wie die Jungkönigin sich während der Gründung nicht unnötig Gefahren aussetzen muss, um Nahrung zu beschaffen: Die nicht mehr benötigte Flugmuskulatur wird einfach abgebaut und in Nahrung für die Larven umgewandelt!

Wenn dann die ersten paar Arbeiterinnen "betriebsbereit" sind, öffnen sie die Gründungskammer, und machen sich vorsichtig auf die Suche nach Nahrung, um das Koloniewachstum am Laufen zu halten. Diese ersten Arbeiterinnen sind ein bisschen kleiner, damit die Reserven der Königin für eine größere Anzahl an Arbeiterinnen reichen. Der Verlust einer Arbeiterin in der Gründungsphase ist auf diese Art nicht ganz so gravierend. Aufgrund ihrer geringen Größe werden diese ersten Arbeiterinnen "Pygmäen" genannt.

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Zwei Lasius niger Pygmäen trinken Honig in einem Kronkorken

Zu den einheimischen claustral gründenden Arten gehören beispielsweise Arten der Gruppen Lasius (L. sensu stricto) ssp., Formica (Serviformica) ssp., einige Temnothorax ssp. usw...


Semiclaustrale Gründung

Wie der Name schon sagt, unterscheidet sich die semiclaustrale Gründung nur wenig von der claustralen. Auch hier sucht sich die Gyne einen geeigneten Neststandort. Allerdings schließt sie sich nicht in ihrer Gründungskammer ein, sondern behält einen Eingang. Denn Königinnen, die semiclaustral gründen, benötigen währenddessen Nahrung, und verlassen gelegentlich ihre Gründungskammer und die Brut.

Die wohl typischste einheimische Art, die semiclaustral gründet, ist Myrmica rubra, die "Rote Gartenameise", seit sie in die USA verschleppt wurde auch "Europäische Feuerameise" genannt. Ihr Stich verursacht leichte, brennende Schmerzen, ist jedoch ungefährlich (außer bei Allergierisko). Bei dieser Art ist Polygynie recht häufig (mehrere Königinnen in einer Kolonie), und oft beteiligen sich diese sogar am Tagesgeschäft.

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Myrmica rubra gründet semiclaustral. Die beiden Königinnen haben also während der Gründung außerhalb des Nests nach Nahrung gesucht.


Sozialparasitäre Gründung

Manche Arten machen das aber ganz anders. Es gibt viele verschiedene Wege, wie sozialparasitäre Arten gründen. Was bei allen gleich ist: Sie benötigen dafür die Kolonie einer anderen Art. Parasitär bedeutet, dass die Wirtskolonie keine Vorteile davon hat. Ganz im Gegenteil, in den meisten Fällen ist die Gründung nicht mit dem längerfristigen Weiterleben der Wirtskolonie vereinbar.

Ich möchte dieses Thema anhand zweier Beispiele erklären:

Lasius (Chthonolasius) ssp.

Chthonolasius ssp. stellen innerhalb der Gattung Lasius (Wegameisen) eine Gruppe dar, die ausschließlich sozialparasitär gründet. Der Paarungs- oder auch Hochzeitsflug läuft "gewöhnlich" ab. Nach der Paarung landet die Königin und befreit sich von ihren Flügeln. Anschließend suchen sie jedoch nicht nach einem geschützten Ort, sondern nach dem Nest einer geeigneten Wirtsart (meist Lasius (L. sensu stricto) ssp., eine weitere, claustral gründende Gruppe, zu der auch Lasius niger, die schwarze Wegameise, gehört).

Die Königin sucht sich zunächst eine Arbeiterin, die sie gefahrlos angreifen und töten kann, und zieht sich zurück.
Königinnen von sozialparasitär gründenden Arten haben zu diesem Zweck oft einen breiteren Kopf mit stärkeren Mandibeln ("Kiefer")! Dies dient dazu, den ganz speziellen Nestduft der Wirtskolonie aufzunehmen. Die Königin reibt sich mit den Duftstoffen der toten Arbeiterin ein, und oft trägt sie sie auch von nun an einfach zwischen den Mandibeln. Langsam nähert sie sich anschließend der Kolonie, und versucht, unbemerkt in das Nest zu gelangen (besser: dort toleriert zu werden). Das muss sehr schnell gehen, denn die Königin ist bei ihrer Versorgung komplett auf Arbeiterinnen angewiesen.

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Eine Lasius niger Königin (oben) und eine Lasius cf. umbratus Königin (unten). Kurze Zeit ging es gut so, aber eines Morgens lag die Lasius cf. umbratus Königin in mehreren Einzelteilen im Nest.

Der nächste Schritt ist das Töten der Wirtskönigin. Anschließend kümmern sich die Arbeiterinnen um die neue Königin, und diese beginnt mit der Eiablage. Sobald die Wirtsameisen in der Unterzahl sind, werden sie getötet, sodass nun die gsamte Kolonie wieder nur einer Art angehört.

Manchmal wird die Wirtskönigin nicht getötet. Dann leben die beiden Königinnen eine Weile getrennt in derselben Kolonie. Irgendwann führt das aber trotzdem zu Aggressionen, und eine der Königinnen stirbt.

Die meisten solcher Gründungsversuche gehen schief. Oft scheitert es schon beim Infiltrieren, sodass die fremde Königin schon am Eingang als solche erkannt und getötet wird. Auch in der Haltung gestaltet sich eine Gründung schwierig, und verläuft in den seltensten Fällen erfolgreich.

Formica (Raptiformica) sanguinea

Da ich selbst eine kleine Kolonie besitze und die Gründung miterleben durfte, möchte ich auch über diese Art noch kurz schreiben. Formica sanguinea (Blutrote Raubameise) stellt mit Polyergus rufescens (Amazonenameise) die zwei einheimischen "Sklavenhalter" dar. Das bedeutet, dass sie in regelmäßigen Abständen Nester von Formica (Serviformica) ssp. (von lat. servus=Sklave) überfallen. Die adulten Tiere werden getötet. Mit der Brut wird jedoch anders verfahren: Eier und Larven dienen meist sofort als Nahrung, während die Puppen mit ins eigene Nest genommen werden. Wenn sie schlüpfen, werden sie einfach in die Kolonie integriert, führen aber meist Aufgaben innerhalb des Nests durch.
Die Gründung kann bei dieser Art sehr unterschiedlich verlaufen. Ich werde aber nur darauf eingehen wie es bei mir vonstatten ging.

Es begann mit dem Fund einer rotschwarzen Königin in einem Wald. Sie hatte noch ihre Flügel, ich konnte also leider nicht sicher gehen, dass sie bereits begattet war. Ziemlich schnell wurde sie für mich im Ameisenforum bestimmt, und ich war überglücklich, dass es sich nicht um eine geschützte Art handelte. Ein User bot mir an, mir Puppen seiner Formica (Serviformica) fusca Kolonie per Post zu schicken.

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Beim Fang hatte die Formica sanguinea Königin noch ihre Flügel. Ich konnte also nicht sicher sein, dass sie schon begattet war...

Quer durch Deutschland waren sie sehr lange unterwegs, in der Zwischenzeit hatte die Königin ihre Flügel abgeworfen. Ich richtete eine kleine Arena ein, und verband sie mit dem Reagenzglasnest. Als die Puppen da waren, verteilte ich sie in der Arena, wie mir geraten worden war.

Nichts passierte, die Königin interessierte sich kein bisschen dafür und lief ziellos in der Arena umher. Schließlich war zu viel Zeit vergangen, als dass die Puppen noch leben könnten. Schade, dachte ich mir. Ich hielt sie aber weiterhin in der Arena, als würde sie nicht zu den staatenbildenden Insekten gehören.

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Formica sanguinea Königin ohne Flügel

Etwa einen Monat nach dem Fund hatten meine beiden Formica fusca Königin ihre ersten Puppen, aber eine verstarb aus unerklärlichen Gründen. Ich gab ihre Puppen also zu der Formica sanguinea Königin. Wenige Minuten später hatte sie sie auch schon eingesammelt und in das Reagenzglas gebracht. Die Arbeiterinnen "schlüpften", kümmerten sich um die Königin, und schließlich begann diese mit der Eiablage. Erst eineinhalb Monate später standen dann die ersten zweifarbigen Arbeiterinnen auf der Matte, und die Gründung war geglückt!

So, jetzt mach ich aber lieber mal nen Punkt. Ich hoffe das alles halbwegs lesbar ist, ist schon recht spät...


Hier geht's zurück zu Teil 1 dieser Serie, in dem du mehr über das Paarungsverhalten der Ameisen erfährst.

Hier geht's momentan ebenfalls zu Teil 1, aber sobald der nächste Artikel online ist führt der Link zu Teil 3.


Wenn dir der Artikel gefallen hat, würde ich mich sehr über dein Feedback freuen.

Liebe Grüße

Das spannende Leben der Ameisen - Teil 2 | Ecency