"Entweder du bekommst einen Marshmallow jetzt oder zehn in einer Woche"
Der Standford Marshmallow-test ist sicher einer der populärsten psychologischen Versuche zur Entscheidungsfindung und der Korrelation zur späteren Lebensqualität. Das original Followup zeigte: dass Kinder die sich verkneifen konnten den Marshmallow gleich runter zu schlingen, später besseren/höheren sozio-ökonomischen Status und generelle Lebensqualität hatten. (Mischel et al. 1972, Shoda et al. 1990, Casay et al. 2012, Watts et al. 2018 )
Das Experiment wurde etliche male repliziert, zuletzt wurde eine Studie dieses Jahr veröffentlicht, die Korrelationen fielen jedoch weniger stark aus und in manchen Bereichen zeigte sich, dass der sozio-ökonomische Hintergrund und das elterliche Umfeld einen größeren Einfluss auf die späteren Lebensumstände hat als die Fähigkeit Belohnung zu verschieben. Aber dennoch gibt es einen Effekt. (Watts et al. 2018)
Entscheidungen
Das Experiment zeigt jedoch etwas viel wichtigeres: es zeigt was eine Entscheidung ist. Die ökonomische und die mathematische Entscheidungstheorie hat wenig mit der verhaltens-biologischen und neuroökonomischen Entscheidungfindung zu tun. Wir haben also zwei Lager. Die einen interessieren sich weder für die Psychologie noch die neurobiologischen Zusammenhänge und bleiben bei der Mathematischen Entscheidung {A oder B oder ...}, die anderen schauen was in der Psyche vorgeht bzw. was im Gehirn passiert.
Neuro-Wissenschaftler sagen: Entscheidung ist "the capacity to reframe immediacy".
Muss es also jetzt und unmittelbar sein? Das Ziel der mathematischen Entscheidungstheorie ist natürlich einen Entscheidungsfinder zu modellieren, es ignoriert aber wesentliche Komponenten wie die Zeit und die Nicht-Rationalität von Lebewesen.
Rationalität
Rationalität ist ein Ideal welches außerhalb mathematischer Modele nicht existiert. Hierbei geht es um die Nutzenmaximierung eines Entscheidungsträgers bei begrenzten Handlungsalternativen. Er entscheidet zwischen A und B, sich für die Option die einen bestimmten Nutzen maximiert. Man kann sich natürlich rationalerem Verhalten annähern, wird dadurch aber nicht rational.
Sollte Entscheidungstheorie nicht vielleicht doch etwas mehr den Menschen und sein Verhalten modellieren? Interessanterweise konnte Gezeigt werden dass Patienten mit einer Schädigung eines bestimmten Hirnareals (wie bei Demenz) rationaler Entscheiden als Gesunde. Die Mathematik und die Wirtschaftswissenschaft modellieren hier also pathologisches Verhalten welches von einem Gesunden nicht erreicht werden kann. Wir sind aber auch keines Falls das Gegenteil von Rational (irrational).
Wir sind das Model
Die Entscheidungen die wir am Tag so treffen basieren auf unserer Wahrnehmung (dem Perzept). Die Wahrnehmung ist nicht nur subjektiv sonder situationsabhängig und veränderlich. Es gibt ein mentales Model von der Welt, ja wir sind sogar mit unseren Zuständen ein Model von der Welt, auch unser Hirn ist ein Model von der Welt.
Distanz (wenn es sie da draußen gibt) muss neuronal irgendwie repräsentiert sein, z.B. über unterschiedlich lanhge Strecken die man die Signale laufen lässt um somit Distanz abzubilden. Zeit (die es so als solche für den Menschen gibt aber eigentlich nur auf Veränderung basiert) ist schon schwerer darzustellen. Schon mal versucht Zeit auf einem Taschenrechner ohne eingebaute Uhr darzustellen? (wer macht sowas nicht ^^). Es geht nur mit einer For-Schleife deren Durchläufe man zählt und in einem Counter speichert...und genauso läuft es im Hirn dann ab wenn wir keinen Taktgeber haben (z.B. für sehr kleine Zeiträume die man nicht an Hell-Dunkel koppeln kann, wie das Fangen eines Balls) ab.
"As such, frontostriatal circuitry allows the representation of time period that contributes to the process by which the duration of motor acts is coded"
Das innere Model und active Inference oder die Bayesian Brain Hypothesis
Viele Modelle oder Annahmen, die unsere Wahrnehmung bestimmen sind beeinflussbar (prinzipiell ist alles beeinflussbar wenn man die Systemzustände ändern kann). Sie hängen ab von Gelerntem oder mentalen Zeitreisen in die Zukunft wo wir dinge vorwegnehmend befürchten.
[Du kannst entscheiden wie du den Würfel siehst wenn du deine Grundannahme revidierst...dauert bei mir etwas ^^]
Es gibt eine Grundannahme den sogenannten Prior. Solange Beobachtungen nicht zu der Annahme führen, dass der Prior falsch sein könnte, wird dieser nicht verändert. Also genau das was wir in der Wissenschaft machen. Hypothese aufstellen und testen. Merkt man, dass da irgendwas nicht so ganz konsistent ist, dann wir der Prior/die Hypothese durch ein neues Modell den Posterior ersetzt (Baysian Inference). Unser Weltbild welches durch sensorische Wahrnehmung ensteht, ist also chronisch falsch und Gleichzeit gilt es temporär als richtig. Wie auch in der Wissenschaft. Wir versuchen Überraschung/Unordnung aka. Entropie zu minimieren, also Fakten/ Ordnung zu schaffen. So verhalten wir uns zumindest.
[Abb. aus eigener Folie]
Wozu hat man dann eigentlich Augen im Kopf?
Jetzt könntest du einwenden:
"aber wir haben doch Augen, wir sehen doch was ist".
Leider lässt sich das so mit Messungen nicht feststellen. Wir haben einen sensorischen Input ja, aber diesen sampeln wir nur/ wir nehmen Stichproben und vergleichen ob dieser statistisch gesehen mit unserem Modell überein passt. Sensorisch komplett offen zu sein, würde zum Integritätsverlust führen. Will der Farbtropfen (wir) das Wasser (Universum/Realität) wirklich erfahren, dann müsste er sich öffnen, würde er sich öffnen würde er zerstreuen. Will er physische Integrität bewahren und sich zu seinem Zentrum hin organisieren, dann generiert er automatisch eine Grenze nach Außen.
Mathematisch ist dieses Modell wie schon mal erwähnt, mit dem wissenschaftlichen Vorgehen identisch, es ist Bayesian Inference/ Hypothesen-Testen. Logisch dass Wissenschaft, sich in der Struktur unseres Wahrnehmungsapparates wiederfinden muss.
Die Markov-Decke
Der Grund und hier schließt sich der Kreis zur Entropie endgültig ist relativ simpel. Leben bedeutet lokal Entropie/ freie Energie zu vermindern. Der Tropfen im Wasserglas, seine Teilchen zerstreuen. Biotisches Leben wahrt hingegen einen hoch organisierten Zustand. Wenn man nicht will, dass die eigenen Teilchen sich im Universum zerstreuen, dann muss man Entropie minimieren (das bedeutet unter anderem zu leben) und eine Grenze zu generieren die einen selbst von der Umwelt trennt. Du bist all deine Zustände die dich ausmachen (mathematisch als Markov Decke darstellbar)
Jedes System, dass sich durch eine Markov-Decke definiert, das muss sich also zwangsläufig so verhalten als ob es Evidenz für seine eigene Existenz maximiert, denn das definiert am Leben zu sein. All deine Teilchen klettern auf der Wahrscheinlichkeitsverteilung von wo sie eigentlich sein müssten, auf der Kurve nach oben. Das ist die (unsere) Definition von lebendig sein. Man verhält sich also so, als würde man Bayesian-Evidenz maximieren, als hätte man ein Model von der Welt. Wissenschaft/Bayesian Inference ist die Minimierung von Entropie oder Überraschung.
[By Laughsinthestocks - CC0 Wikipedia]
( Friston et al. 2016, Friston et al. 2006 )
und da es tatsächlich so simpel ist die Welt mit dem Denkapparat bzw. mit active Inferenz wahrzunehmen, kann man das Model einer KI geben und sie sieht die Welt wie wir. Sie sieht sogar optische Illusionen. Das ist aber ein anderes Thema.
Quellen
Marshmallow Follow ups: Mischel et al. 1972, Shoda et al. 1990, Casay et al. 2012, Watts et al. 2018 )
Friston et al. 2016, Friston et al. 2006 Bayesian Inference und das Freeenegy Priciple
(Fontes et al. 2016) : Time Perception Mechanisms at Central Nervous System