Und immer wieder diese ZEUGNISSE... 😫

Words
636
Reading
3 min
9y
Listen to this post
~4 min

Moin, Moin!

Nun ist sie um, die schöne unterrichtsfreie Zeit, seit zwei Tagen ist der ganz normale tägliche Wahnsinn wieder in Gange.

Wie einige von euch möglicherweise schon mitgekriegt haben, bin ich als Sonderschullehrerin an einem Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung (dt.: Schule für Geistigbehinderte) tätig. Mit diesem Beruf hat man dann auch mal Ferien, Entschuldigung, unterrichtsfreie Arbeitszeit. Dummerweise ist letztere Bezeichnung ausgerechnet für die Weihnachtsferien angemessen, da in dieser Zeit der Ruhe und Muße etwas sehr Bewegendes anliegt: Das Schreiben der Halbjahreszeugnisse.

Nun bin ich nicht nur Sonderschullehrerin sondern auch eine wahre Meisterin: Ich habe den 2. Dan im Bereich "Verdrängung", kann diverse Pokale unter der Kategorie "Aufschieben" verzeichnen und werde bei der Weltmeisterschaft in der Schwergewichtsklasse "Ablenkung" teilnehmen.
Ich werde mich nun nicht darüber auslassen, wie viel Zeit und Energie ich die letzten Wochen in diese Plattform gesteckt habe, wie sauber mein Haus ist oder wie viel zusätzlichen Auslauf meine Hunde hatten, ich möchte nur versuchen zu erklären, weshalb ich zur Zeugniszeit in meinen Meisterdisziplinen zu Hochformen auflaufe.

Ich hasse Zeugnisse

Ja, liebe Schüler und Schülerinnen, ihr seid da nicht die einzigen...
Es ist nicht die Schreibarbeit, die mich vom Erstellen der Berichtszeugnisse abhält. Schreiben und formulieren stört mich nicht so sehr, dies ist der Beweis. Da wir die behandelten Unterrichtsinhalte schon lange nur noch in Stichworten darstellen und es am FözGE auch keine Noten mangels Vergleichsgruppe gibt, funktioniert bei einigen Dokumenten sogar "Copy & Paste". Selbstverständlich nutze ich diese Methode nicht bei der individuellen Darstellung des "Lern- und Sozialverhaltens", im allgemeinen "Wie-macht-er-sich-denn-so?"-Teil. Und genau der macht mich fertig!

z-schilder.JPG

Schönfärberei mit und ohne System

Das System möchte, dass die Zeugnisse unserer Schüler sprachlich rein positiv formuliert sind, was bei Jugendlichen mit einer Vielzahl gesellschaftlich nicht wirklich anerkannter Beeinträchtigungen oft in wahre Wortakrobatik mündet. Positive Verstärkung festigt!
Ich bin lange genug im Beruf, um mir erlauben zu können, das Spielchen nicht mehr ganz mitzumachen. "Verhaltensoriginelle Unterrichtsimpulse" gibt es in meinen Zeugnissen nicht. "Sch. sollte sich besser an die vereinbarten Gesprächsregeln halten" ist doch viel verständlicher und auch authentisch.

Hier fehlt jetzt das System. Es bleibt im Zeugnis kein Raum, systemisch zu erklären, wann und warum der junge Mensch "dazwischen quatscht", wieso er nach Aufmerksamkeit ruft, warum auch er mal zu Wort kommen möchte, auch wenn er in den Augen der Gesellschaft nichts zu sagen hat. Ich darf nicht hinzufügen, dass die ein oder andere Verhaltensweise zwar (andere) nervt, aber gleichzeitig auch aufzeigt, wie facettenreich jede Persönlichkeit eben ist, wie sie geprägt wurde. Systemisches Denken, ob vielleicht der Schonraum Klassengemeinschaft die einzige Möglichkeit für den jungen Menschen ist, sich in einer nichtbehinderten Welt Gehör zu verschaffen, ist nicht erlaubt. Das darf ich netterweise bei der Förderung berücksichtigen, aber fürs Zeugnis muss es ein Ist-Stand sein, furchtbare

20 Zeilen "Du bist!"

Ich muss in 20 kurzen Zeilen einen Heranwachsenden beurteilen. Das ist so unnatürlich.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich mag diese Beurteilungen auch nicht, wenn ich den freundlichsten, höflichsten, fleißigsten - angepasstesten? - meiner Schüler beurteilen soll. Die Beurteilung eines Menschen an sich sollte sich niemand herausnehmen, allenfalls eine Beschreibung. Und auch das empfinde ich so oft als anmaßende Aufgabe meines Berufsstands, können wir doch niemals von einer vollständig objektiven Herangehensweise ausgehen. Jeder Satz, den ich sorgfältig formuliere, kann zum Glaubenssatz des Individuums werden. Auch wenn es sich um vermeintlich positive Merkmale handelt: Darf ich dazu beitragen? Ich erhalte hier Macht über die Formung einer Persönlichkeit, die mir nicht zusteht, die niemandem zusteht, außer der sich frei entfaltenden Persönlichkeit selbst. Aber das ist das System. Glaubt mir, ich formuliere sehr sorgfältig.

Heute habe ich zwei Zeugnisse geschrieben. Und diesen Text. Hätte in der Zeit bestimmt noch zwei Zeugnisse geschafft, aber ich lebte meine Meisterdisziplinen in den Wirren meiner eigenen Gedanken aus und bin mit mir zufrieden...
z-welldone.JPG
Bilder: johnhain und geralt auf Pixabay

Und immer wieder diese ZEUGNISSE... 😫 | Ecency