Über die Einheit von Fahrer und Maschine

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Buchvorstellung: Die obere Hälfte des Motorrads – Über die Einheit von Fahrer und Maschine

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Jetzt stellen sich wohl manche die Frage: warum wird hier ein Motorrad-Buch vorgestellt?
Dieses Buch richtet sich nicht ausschließlich an Motorradfahrer.
Der Verhaltensforscher Bernt Spiegel schreibt über den Werkzeuggebrauch des Menschen, über Programmbildung- und Programmverfeinerung. Neben physikalischen Betrachtungen werden u.a. auch Kopf und Bauchentscheidungen, sowie Lösungsansätzen wie beispielsweise das mentale Training thematisiert.
Ein anspruchsvolles jedoch fesselndes Buch, welches komplexe Themen durch anschauliche Beispiele zugänglich macht.

Der aufmerksame Leser wird sich nun vermutlich denken: warum wird hier so ein altes Buch vorgestellt?
Dieses Buch habe ich mir noch vor meiner Ebook Zeit gekauft. Es handelt sich um die Auflage von 2006. Die Erstauflage erschien sogar bereits 1998.
Ganz klar: seitdem hat sich technisch sehr viel verändert. Auch ich freue mich über Sicherheitssysteme wie Kurven ABS, dass in Ausnahmesituationen nicht mehr das Hinterrad beim Bremsen abhebt, …
Aber trotz der vielen nützlichen Innovationen bleibt eines weitestgehend unverändert: der Mensch. Insbesondere die unterbewussten Routinen.
Von daher lese ich immer mal wieder in diesem Buch und will euch hier einen kleinen Einblick geben.

Blickführung
„Weit vorausblicken – ich kenne keine Empfehlung, die so rasch, fast augenblicklich zu einer spürbaren und sichtbaren Verbesserung des Fahrstils führt. Aber auch keine, die trotzdem immer wieder vergessen wird und lange dauert, bis sie endgültig sitzt“
Neben dem weiten vorausblicken ist es wichtig wo man hinschaut: man fährt dahin, wo man hinschaut. Gerade in überraschenden Situation sollte man nicht auf das Hindernis, sondern auf einen möglichen Fluchtweg schauen.

Paradoxes Lenkverhalten
Das umgekehrte oder auch paradoxe Lenkverhalten bei einspurigen Fahrzeugen bedeutet, dass man einen entgegengesetzten Lenkimpuls benötigt um das Fahrzeug in Schräglage zu bringen und die Kurve einzuleiten.
Dies funktioniert, sobald ein stabiler Bereich erreicht ist (bei einem Motorrad ab ca. 30 km/h, bei einem Fahrrad bereits ab einer niedrigeren Geschwindigkeit).
Ich habe dieses zunächst unlogisch wirkende Phänomen in diesem Buch und bei späteren Fahrsicherheitstrainings kennengelernt und nutze bewusste Lenkimpulse für Kurven. D.h. eine Rechtskurve leite ich ein, indem ich mit der rechten Hand den Lenker leicht nach vorne schiebe.
Man braucht diese Technik nicht um zu fahren, es macht als Zweiradfahrer aber Sinn sich dieses Programm anzueignen.

Handlungsprogramme
Der Mensch kann fast alles: laufen, schwimmen, klettern, boarden, paragliden ...
Aber er muss das meiste, wozu er grundsätzlich fähig ist erst lernen. „Lernen heißt hier nicht … sich etwas einzuprägen, im Bewusstsein und im Gedächtnis zu bewahren, sondern das Schaffen eines neuen persönlichen Handlungsprogramms.“
„Es ist zu unterscheiden zwischen genetisch vermittelten („angeborenen“) und erworbenen (erlernten) Programmen. … Schwimmen beispielsweise steht bei fast allen Säugetieren, auch den nur in Notfällenden schwimmenden, als angeborenes Programm zur Verfügung, während der Mensch es erst erwerben muss.“

Handlungsablauf
Vieles von dem gelernten kann gar nicht im Detail beschrieben werden. Beispielweise wenn man jemanden fragt, wie genau er eine Kurve fährt. Man braucht es auch nicht zu wissen. Man „tut auch gut daran, mindestens während des Handlungsablaufes nicht genau darüber nachzudenken; da sind gänzlich andere und ungleich verlässlichere Instanzen seiner Person am Werk.“
Spiegel nennt als Beispiel für einen als trivial gesehenen Handlungsablauf das morgendliche Kaffeetrinken. Auf die Frage wie das genau funktioniert, kann kaum jemand eine detaillierte Beschreibung geben, zumindest nicht auf die Nachfrage, wie der Kaffee in den Mund kommt.
(Falls es wen interessiert: der Kaffee wird nicht in den Mund geschüttet, oder mit Luft angesaugt, sondern er gelangt durch eine Volumenvergrößerung durch ein leichtes Zurückziehen der Zunge und bei schnellem Trinken durch eine zusätzliche Bewegung des Unterkiefers in den Mund.)

Kopf und Bauch
Was umgangssprachlich als Kopf- oder Bauchgefühl bezeichnet wird, nennt Spiegel die „Ichperson“ und die „Tiefenperson“.
Ichperson : alles was uns bewusst wird. „Das Denken, das Vorstellen, das wissentliche Handeln“
Tiefenperson: Automatismen. „Von den Leistungen der Tiefenperson bemerken wir nichts; oder nur wenig und das Wenige nur unscharf; oder wir bemerken es erst hinterher, indem wir beispielsweise erschließen, dass da in uns eine veranlassende Instanz tätig gewesen sein muss.“

Mentales Training
„Zu den Aufgaben, die die Ichperson zu übernehmen hat, gehört auch das mentale Training…: Einfluss nehmen auf eine spezielle zukünftige Handlung, oder eine allgemeine Verhaltensweise durch den bewussten Einsatz bestimmter Vorstellungen… .“
Die Ziele des mentalen Trainings „…reichen über den bloßen motorischen Vollzug der verlangten Handlungen oder über das Vertrautmachen mit einer bestimmen Situation hinaus. Es geht noch um weiteres:

  • um die mentale Stabilisierung, damit der Trainierende seinem Einsatz psychisch gewachsen ist (als Sportler beispielsweise dem Wettkampf mit seinen besonderen Belastungen wie Erfolgs- und Leistungsdruck, Lärm, Flutlicht, Fernsehkameras, Publikumseinflüsse, Provokationen durch den Gegner usw.)
  • um die Vermittlung einer hohen Ablaufgewissheit und Konzentrationsgewissheit (um die Vermittlung der Sicherheit nämlich, nicht ablenkbar zu sein, und sich auf die eigene Konzentrationsfähigkeit verlassen zu können)
  • um eine wirksame Selbstverstärkung zum Abbau von Selbstzweifeln und dem Aufbau des Selbstvertrauens (um eine positive und auch standhafte Selbstbewertung also)
  • um die richtige Motivation und die richtige Einstellung (was durchaus nicht das Gleiche ist)
  • um die Vermittlung der richtigen Entspannungslage (nicht nur für den bevorstehenden Einsatz, sondern will dies ganzen Trainingsformen nur dann Erfolg bringen, wenn sich der Trainierende in einen Zustand gelassener Entspanntheit befindet).“

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit
und ein schönes Wochenende

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