Man kann Freiheit nicht genug betonen, einfordern und verteidigen, bis hin zur Forderung nach kompromissloser Anarchie. Dass es Freiheit letztlich gar nicht gibt, ist dazu kein Widerspruch, im Gegenteil. Denn Freiheit ist nicht gleich Freiheit.
Ein guter Freund von mir sieht das ganze so:
Die Freiheit des praktischen politischen Diskurses
Die Freiheit, die es zu betonen, einzufordern und zu verteidigen gilt, ist die im gängigen politischen Diskurs immer wieder auftauchende, die von freiheitsliebenden Kapitalisten, Liberalen, Libertären, Anarchisten beschworene und von linken wie rechten Kollektivisten beargwöhnt wird. Sie ist auch die Freiheit, die Emanuel Kant in seinen praktischen Konklusionen fordert, nämlich sich nichts befehlen zu lassen, was man nicht will. Letztlich also die Freiheit von Fremdbestimmung durch staatliche oder kirchliche Obrigkeit oder durch sonstige, nicht freiwillig gewählte Machthaber.
Diese sozusagen klassisch liberale Freiheit ist eng mit der Freiheit des Willens konnotiert. Denn Frei- heit von Frembestimmung heisst, nichts tun oder unterlassen zu müssen, was man nicht tun oder un- terlassen will. Diese Freiheit ist Frei-Willigkeit. Und eben sie – nochmals – kann nicht genug betont, gefordert und verteidigt werden.
Die klassisch liberale Freiheit ist übrigens ausschliesslich negativ. Freiheit kann denknotwendig gar nicht anders als negativ sein; sogenannt positive Freiheiten werden bisweilen zwar ebenfalls artiku- liert, doch sind sie eher so etwas wie begriffliche Monster sozialstaatlichen Wunschdenkens, etwa wenn aus «Bildungsfreiheit» ein Anspruch auf einen Studienplatz, den andere zahlen, abgeleitet wird. Das hat mit Freiheit natürlich nichts zu tun, schon rein begrifflich nicht.
Die Freiheit überhaupt
Was ist nun aber jene andere Freiheit, die es gar nicht gibt?
Das ist nicht die erwähnte klassisch liberale, sondern eine grundsätzlicher ansetzende Freiheit. Das ist die Freiheit, mit der sich etwa philosophische oder eher noch anthropologische Erkenntnistheorie, Neurologie, Soziobiologie bis hin zu fundamentalen Interessensgebieten der Physik befassen. Hier stellt sich die Frage nach Freiwilligkeit und Frembestimmung ganz anders. Hier fragt man nicht, ob jemand so entscheiden darf, wie er will, sondern ob es überhaupt so etwas wie eine freie Entscheidung gibt, die den Lauf der Welt beeinflussen kann; oder ob die Welt nicht vielmehr genau so abläuft, wie sie gar nicht anders ablaufen kann.
Auf dieser grundsätzlichen Ebene lassen sich verschiedene Ansätze vorstellen, so etwa, dass die Welt nach der Willkür eines göttlichen Schöpfers oder irgendwie sonst gemäss «intelligent design» gelenkt wird; oder aber dass sie im Gegenteil einfach dem Zufall folgt. Es lässt sich aber auch die Theorie vertreten, dass weder Willkür noch Zufall, sondern etwas anderes zum Tragen kommt, so beispielsweise ein Regelhaftigkeitsprinzip. Etwa bei Grundfragen der Astro- oder Quantenphysik spricht man von der «Rule of Law», die heute im wissenschaftlichen Grundlagendiskurs recht breit, wenn auch nicht ausnahmslos anerkannt ist. Auch ist sie – ohne dies hier zu vertiefen – absolut plausibel.
Und noch etwas zu dieser Grundsatzebene des Verstehens der Welt: Panta rhei, alles fliesst, die Welt ist nicht, die Welt geschieht, möglicherweise in der Art einer mit dem Urknall beginnenden Kombination von Zeit, Raum, Energie etc., die sich laufend verändert und vielleicht auch wieder in einem Endknall verschwindet. Die Astrophysiker beschreiben den Urknall als Singularität, das heisst als Phänomen, das sich nicht kausal aus etwas anderem ableiten lässt. Was nach dem Urknall folgt beziehungsweise wie sich die Welt verändert, ist dann nicht mehr singulär, sondern kausal verursacht und weiteres kausal verursachend. Also wiederum das Grundprinzip der Regelhaftigkeit, wonach nur abläuft, wofür es die Ursache gibt, dass es so und nicht anders abläuft.
Der Mensch ein Naturphänomen
Und nun zurück zur Freiheit des Menschen beziehungsweise zunächst zum Menschen als Spezies, als Naturphänomen, wie es auch die Spezies von Schimpansen und Ameisen, oder wie es Korallen oder sonstige Lebewesen gibt. Entstanden sind sie alle im Zug des geschilderten, nach der Rule of Law verlaufenden Weltprinzips und nach diesem werden sie auch wieder verschwinden. Sie wurden nicht am ersten, zweiten, dritten Tag von der Willkür Gottes für die Ewigkeit geschaffen, sie entstanden aber auch nicht zufällig einfach so, sondern sie entwickelten sich nach Gesetzmässigkeiten, unter anderem solchen, wie sie Darwin beschrieben hat.
Diese Gesetzmässigkeiten liessen nicht nur Pflanzen und Korallen entstehen, sondern auch Lebewesen, die sich in separat lebensfähige und eigenständig sich bewegende Einzelindividuen aufgliedern, etwa Ameisen oder Primaten, unter letzteren etwa auch solche mit wenig Haaren und aufrechtem Gang, was wiederum deren Gehirn vergrösserte und leistungsfähiger machte, nicht zuletzt für Funktionen, die sich im Verhältnis zu anderen Individuen auswirken.
So liessen diese evolutiven Gesetzmässigkeiten auch höchst differenzierte Verhaltensweisen des gesellschaftlichen Gefüges entstehen, die etwa dazu führen, dass die Individuen in bestimmten Konfliktsituationen so und so reagieren, entscheiden, sich organisieren, sich mit anderen verbünden oder Verträge abschliessen.
Diese gesetzmässig verlaufenden Vorgänge sind äusserts komplex, sie enthalten längst nicht nur physisch materialisierte Hardware-Komponenten, sondern vor allem auch Software-Funktionen, deren Algorithmen weit jenseits der Erfassungskapazitäten dieser Spezies liegen. Salopp gesagt,
"die Menschen sind zu dumm für ihre Intelligenz".
Und zur Dummheit kommt – wie so oft – die Einbildung. Hier nämlich die Einbildung, dass man seine Entscheidungen frei gewählt habe, dass es ein Ich gebe, welches auch anders hätte entscheiden können, nun aber aus freiem Willen so entschieden habe. Diese Einbildung ist dem homo sapiens natürlich nicht vorzuwerfen, aber gleichwohl Tatsache, die ihrerseits von der erwähnten Software gesteuert wird. Und dies mit gutem Grund, denn andernfalls würde die Aufgliederung in separate Individuen kaum funktionieren.
Interaktionen mit einer sich ständig verändernden Umwelt sind ohne Subjektivität samt einem gewissen Ich-Gefühl kaum möglich. Sie bilden sozusagen den Brückenkopf auf Seite des Individuums für Bezüge und Transaktionen zu anderen Individuen und zur sonstigen Umwelt.
Das ist der Stoff, aus dem die Verhaltensweisen des Menschen und deren Gesetzmässigkeiten gewoben ist. Subjektivität einschliesslich Ich-Gefühl und Wille spielt dabei eine Schlüsselrolle, doch nicht als autonome Instanz, die das Weltgeschehen von aussen beeinflusst, sondern als Teil einer sich selbst steuernden Welt. Wenn Ich und Wille also Illusionen sind, so heisst das nicht, dass es sie nicht gibt, sondern bloss dass sie eher so etwas wie Software, nicht aber Hardware sind.
Freiheit und Anarchie
Nicht zufällig wird der Begriff «Rule of Law» auch und noch viel prominenter von ganz anderen Disziplinen als der Astro- und Quantenphysik verwendet, nämlich von der Politik, dem Staatsrecht oder der Verfassungsgeschichte. Diese Rule of Law beziehungsweise auf Deutsch meist als «Rechtsstaatlichkeit» bezeichnet drückt etwas ähnliches aus wie jene andere, fundamentalwissenschaftliche Rule of Law, nämlich dass staatliches Handeln nicht nach Willkür, aber auch nicht nach Zufall, sondern nach Recht beziehungsweise Regelhaftigkeit ablaufen soll.
Das Problem dabei ist nur, dass diese Regeln von den staatlichen Machthabern selbst definiert werden. Das ist nicht nur grotesk und zynisch, indem die Machthaber, die durch diese Regeln kontrolliert werden sollen, selbst diese Regeln aufstellen (und auch gleich die Richter stellen, um allfällige Regelverletzungen zu beurteilen). Das birgt im hier interessierenden Zusammenhang vor allem auch eine sehr grundsätzliche, zweifache Problematik:
• Zum einen braucht es überhaupt keine Obrigkeit, welche Regeln in diese Welt hineinbringen müsste, Gesetze müssen nicht von irgendeinem «Gesetz-Geber» gegeben werden, Gesetze gibt es, ja die Welt besteht sozusagen flächendeckend aus Gesetzmässigkeit, wie jene funda- mentale «Rule of Law» zeigt.
• Zum anderen sind die staatlichen «Gesetz-Geber» hoffnungslos überfordert. Wenn schon der einzelne Mensch, wie wir gesehen haben, zu dumm für seine eigene Intelligenz ist, das heisst nicht verstehen kann, wie er selbst funktioniert; wieviel grösser erst ist diese Diskrepanz, wenn er sich anmasst, das gesamtgesellschaftliche Funktionieren zu verstehen und in «richtige» Bahnen zu lenken.
Das sind zwei gute, um nicht zu sagen zwingende Argumente für Anarchie, will sagen eine Gesellschaftsordnung ohne Arche, ohne Vorherrschaft, ohne Leute, die sich zur Subjektivität der ganzen Gesellschaft aufspielen wollen.