Warum Libra trotzdem ein Erfolg sein wird

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Liebe Steemianer,
viel ist ja schon über Libra geschrieben worden, da möchte ich auch mal meinen Senf dazu abgeben. Nachdem erst kürzlich das Whitepaper herausgekommen ist, kann man erst jetzt wirklich sagen, worum genau es dabei geht. Libra kommt übrigens vom lat. Wort für Waage (franz. „liberté“) und soll laut fb für „Gerechtigkeit, Freiheit und Geld“ stehen.

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Eine Umfrage Ende 2018 ergab, das Facebook die Firma ist, der mit Abstand die wenigsten Leute trauen, zumindest was die Weitergabe von persönlichen Daten betrifft.
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Quelle, statisticacharts@statisticacharts

Kein Wunder, behauptete Zuckerberg in Senatsanhörungen wiederholt, das fb keine Userdaten verkaufe - ohne dazuzuerwähnen, dass fb die Userdaten gratis herausgibt, gegen entsprechende Gegengeschäfte.
Und jetzt kommt das große "Aber". Aber trotzdem nutzen HUNDERTE MILLIONEN Menschen bedenkenlos fb und teilen so gut wie alles! Die einzige Schlussfolgerung für mich: Den allermeisten Menschen ist es völlig egal, was mit ihren Daten passiert. Das nur mal so vorausgeschickt.

Libras Vision

Laut fb ist Fiatgeld (Dollar, Euro und Co) eine veraltete Form von Geld in Form von Papierscheinen und Metallmünzen, die früher meistens Regierungen ausgegeben haben. Geld soll künftig rein digital sein, in Apps und auf Blockchains, nicht von Staaten ausgegeben, sondern von Unternehmen. Geld verschicken soll so einfach sein wie eine SMS zu senden. Auch soll es gleich die Bank ersetzen (wichtig für die Erschliessung von Wachstumsmärkten). In Summe:

  • Bezahlen und Senden von Geld im Alltag mit Smartphone via Messaging-Apps
  • günstige internationale Überweisungen, etwa für Migranten, die Beträge an ihre Familien in ihrem Herkunftsland senden wollen
  • rund 1,7 Milliarden Menschen, die heute kein Bankkonto haben, Zugang zu einem internationalen Finanzsystem geben
Wie funktioniert Libra?

Gemäß des Whitepapers soll Projekt Libra (man sollte es weder eine Währung, schon gar keine Kryptowährung nennen!) eine Art Stablecoin sein, da es eine Wertsicherung haben soll durch einen Korb von Fiat-Währungen wie Dollar, Euro, Yen, etc. (ähnlich dem Tether). Wobei sich das Whitepaper ziemlich ausschweigt über das Verhältnis der Backup-Währungen.
"Stabil" ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Verlieren die zugrundeliegenden Fiat-Währungen an Kaufkraft, verliert auch Libra diese Kaufkraft (z.B. gegenüber Gold oder Bitcoin). Denn es gibt einen Riesenunterschied zwischen Gold/Bitcoin auf der einen und Fiatwährungen/Libra auf der anderen Seite. Weder Gold noch Bitcoin lassen sich so beliebig inflationieren wie Fiat-Geld. Bei Gold wird ohnehin getrickst, bei Bitcoin geht das gar nicht, aber bei Libra entscheidet allein fb bzw. dessen Libra-Konsortium, wieviele Libra herausgegeben werden. Man ist daher vollkommen einer privaten Unternehmergruppe ausgeliefert.

Wenn man Libra kaufen will, muss man es gegen Fiatgeld eintauschen. Dieses Geld der User wird dann „in risikoarme Vermögenswerte“ (z.B. Zentralbankanleihen) investiert, die entsprechend verzinst werden. Konzeptionell ist der Libra daher eine Art ETF von Niedrigrisiko-Assets. Die Einnahmen aus diesen Zinsen werden, wie schon mehrfach beschrieben, zur Deckung der Betriebskosten des Vereins verwendet und "frühen Anlegern" (als den Node-Betreibern, die pro Node 10Mio $ auf den Tisch legen müssen) als Dividenden ausgezahlt. Also jedenfalls nicht den Usern, die bekommen GAR NICHTS von den sicher beträchtlichen Zinserträgen der Milliarden an eingezahlen Fiatgeldern.

Hier nochmal im Original:

“Users of Libra do not receive a return from the reserve. The reserve will be invested in low-risk assets that will yield interest over time. The revenue from this interest will first go to support the operating expenses of the association — to fund investments in the growth and development of the ecosystem, grants to nonprofit and multilateral organizations, engineering research, etc. Once that is covered, part of the remaining returns will go to pay dividends to early investors in the Libra Investment Token for their initial contributions.”

"investments in the growth and development of the ecosystem", das klingt für mich durchaus bedrohlich, wie ein Monstrum, das je mehr es gefüttert wird, umso größer wird. Was für ein krasser Gegensatz zu Bitcoin, das einfache und transparente Regeln, und eine Deckelung von 21Mio Stück hat!

Die Server, die die Transaktionen berechnen und bestätigen, dürfen - anders als bei Bitcoin - nur von ausgewählten Partnern betrieben werden. Die Liste der Partner ist handverlesen. Libra kann man daher zuhause nicht minen und als Nicht-Node kann man die Transaktionen auch nicht einsehen. Also Dezentralität,Transparenz und Zensur-Resistenz: Dreimal eine glatte 0!
Die Blockchain von Libra soll übrigens rund 1.000 Transaktionen pro Sekunde (tps) schaffen (das schafft die Steem Blockchain auch locker). Zwar deutlich schneller als Bitcoin (ca. 7 tps) oder Ethereum (ca. 15 tps), aber auch deutlich langsamer als das Netzwerk von Visa, das >10000 tps verarbeiten kann. Ob 1000 reichen werden bei derart vielen Nutzern?

Derzeit bestätigte Partner sind unter anderem: Mastercard, PayPal, Visa, eBay, Facebook/Calibra, Farfetch, Lyft, Spotify AB, Uber, Iliad, Vodafone, Anchorage, Bison Trails, Coinbase, Xapo, Andreessen Horowitz, Breakthrough Initiatives, Ribbit Capital, Thrive Capital, Union Square Ventures, Creative Destruction Lab, Kiva, Mercy Corps und Women’s World Banking.
Durchaus schon eine beeindruckende Liste, aber es fehlen auch Tech-Giganten wie Google, Apple, Amazon, Microsoft, Alibaba, Tencent und keine einzige Bank ist dabei! Libra verspricht eine Vervierfachung bis zum Start in ca. einem Jahr von derzeit 25 auf über 100 und auch noch den einen oder anderen bzw. eine oder mehrere Banken an Bord zu holen.
Facebook hat mit seinen Partnern eine Non-Profit-Organisation in der Schweiz eingerichtet, die "Libra Association", die die Libra Reserve verwalten soll. Dieses Konsortium entscheidet nicht nur über die Anlagestrategie, sondern auch darüber, wer Nodes betreiben darf.

Ist Libra anonym?

Nein. Zwar ist die Libra Blockchain insofern "pseudonym", als man einen oder mehrere Accounts mit einem falschen Namen erstellen kann, ähnlich zu Paypal oder fb selbst, aber das war es dann auch schon mit der Anonymität, denn anders als etwa bei Bitcoin oder Ethereum muss man sich zur Nutzung mit einem Scan seines Ausweises anmelden, wenn man Libra in Apps oder auf Krypto-Exchanges wie Coinbase kaufen oder verkaufen will. So will fb sicherstellen, dass Nutzer keine illegalen Dinge mit Libra anstellen. Wie gut oder schlecht die Identifizierung von Nutzern unter Wahrung ihrer Pseudonymität funktionieren wird, bleibt abzuwarten. Es gibt keine Garantie, dass fb sich nicht genau anschaut, wer was mit Libra macht, ein Netzwerk von Zahlungsströmen erstellt, etc. Also genau das gleiche wie mit den anderen fb-Daten macht, nur noch eine Stufe höher.

Libra gibt im Whitepaper an, dass die Libra "Wallets" jeglichen globalen oder lokalen Regularien von Behörden gehorchen werden ("will have to comply with all regulatory and legal requirements in whatever jurisdiction their owners reside in"). Das heisst, Accounts können schon mal von lokalen Behörden eingefroren, gelöscht oder Einlagen konfisziert werden. Ein klares No-Go für jeden, der sich mit Kryptowährungen beschäftigt. Facebook kann entscheiden, Dich nicht als Libra-Kunden zu akzeptieren, weil es Dich nicht mag. Für einen Euroschein dagegen werde ich rasch einen Abnehmer finden (ganz zu schweigen von Gold).
Facebook sagt auch, dass die Finanzdaten von Libra-Nutzern nicht zur Verbesserung des Ad-Targeting in der Facebook-Produktfamilie verwendet werden. Allerdings wird man die Wallet, in der die Libra-Token gespeichert sind, mit den Apps wie WhatsApp verknüpfen müssen, um einfach Token an Freunde zu senden. Jede verknüpfte App wird daher vollen Zugriff auf die Finanzdaten haben.

Fazit

Und damit komme ich zur Auflösung der Titelfrage.
Klar - wenn für jemanden Anonymität, Dezentralität, Zensurfreiheit, das Recht auf die eigenen Daten, der Werterhalt seines Gesparten und die Perversion unseres Geldsystem ein Anliegen bzw. diskussionswürdige Themen sind, der wird die Finger von Libra lassen und dieses System nicht einmal durch den Kauf eines einzigen Libras unterstützen!

Wer aber zu den vermutlich über 95% Anderen gehört, denen diese Themen am Arsch vorbei gehen oder sie intellektuell gar nicht begreifen (oder schulsystem-bedingt nie davon gehört haben), sondern einfach nur schnell eine Rechnung unter Freunden aufteilen möchten, für den wird Libra was Tolles sein, besonders wenn die anderen Freunde es auch schon benutzen. Und auch für die hunderten Millionen Menschen, die nicht Zugang zu einer Bank oder einer (relativ) stabilen Währung haben, vor allem in der dritten Welt, für die könnte Libra einfacher sein als Bitcoin oder Paypal.

Daher glaube ich, dass Libra das Potential hat, einen Großteil der vielbeschworenen Krypto-Massenadoption absahnen zu können. Darin genau besteht auch die Gefahr: dass nicht die echten Kryptowährungen das Rennen bei den meisten Krypto-Neulingen machen, sondern diese Pseudo-Kryptowährung sich als Krypto für die breite Masse ausgibt, sich als solche erfolgreich etabliert und sich viele Leute dann unheimlich schlau vorkommen werden, endlich stolze Besitzer von smarter, moderner High-Tech Währung zu sein. Und nicht begreifen, dass sie stattdessen nur benutzt werden, um noch mehr ausspioniert zu werden und als Fiat-Lieferanten für Ströme fetter Zinszahlungen an die Konsortiumseigner. Also gleich doppelt ausgebeutet.

Aber wer soll es ihnen sagen? Welche Stimme hat unsere kleine Gruppe angesichts der Marktdominanz dieses grössten antisozialen Netzwerkes der Welt?

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Quellen:
Whitepaper
https://www.trendingtopics.at/libra-so-soll-die-kryptowaehrung-von-facebook-funktionieren/
https://thesoundingline.com/the-problems-with-facebooks-libra-cryptocurrency-and-why-they-wont-matter/

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