Liebe Leser,
ähnlich wie die kürzlich beschriebenen Schleimpilze sind Flechten eher unscheinbar, aber nicht weniger interessant. Es sind symbiotische Lebensgemeinschaften zwischen zwei (oder mehr) unterschiedlichen Organismen, wobei mindestens einer ein Pilz ist (fast immer ein Schlauchpilz), auch Mykobiont genannt, und der andere Partner, der Photobiont, die Fähigkeit zu Photosynthese mitbringt (was Pilze ja nicht können), meist Grünalgen oder Cyanobakterien. Flechten unterscheiden sich dabei sehr von den Organismen, aus denen sie sich zusammensetzen. Erst in der Symbiose bilden sich die typischen Flechtenformen heraus. Sie besitzen z.B. keine typischen Wurzeln (eher Haftorgane) und beziehen ihre Nährstoffe ausschließlich aus der Luft, aus Staub/Ärosolen und in Wasser gelösten Teilchen, die sie mit ihrer ganzen Oberfläche aufnehmen. Man schätzt, dass es 20.000 Arten weltweit gibt, ca. 13500 wurden bis jetzt beschrieben.
Systematisch werden sie zu den Pilzen gezählt, doch bis in die 1860er glaubte man, Flechten seien Pflanzen, bevor der Schweizer Botaniker Simon Schwendener (1829-1910) ihr Geheimnis als Doppelorganismus Pilz+Alge lüftete. Anfangs erntete er Spott für seine Entdeckung, aber durch andere Forscher und modernere Mikroskope wurde sie bestätigt. Zunächst dachte er noch, der Pilzpartner hätte die Alge "versklavt", bevor man herausfand, dass beide Partner profitieren, ein damals noch unbekanntes Prinzip. Der Pilz wird vom Photobionten mit Nährstoffen versorgt, welche die Alge durch Photosynthese bildet. Der Pilz wiederum schützt den Partner vor Austrocknung (da im Hyphengeflecht die Feuchtigkeit weniger stark schwankt) und schirmt ihn vor UV-Strahlung ab. Durch die gemeinsame Vermehrungsstrategie von Pilz und Alge (bei der Vieles noch ungeklärt ist!) ergibt sich für beide Symbionten ein Vorteil.
Der Begriff "Symbiose" wurde von den deutschen Botanikern Bernhard Frank und Anton de Bary 1877/1878 geprägt als „das Zusammenleben ungleichnamiger Organismen“ und seither wurden viele Beispiele dafür gefunden inklusive der Bakterien in unserem Darm und der Mitochondrien in unseren Zellen.
Manchmal kommen Grünalgen und Cyanobakterien auch zusammen in einer Flechte vor und umgekehrt gibt es auch viele Flechten mit mehr als einem Pilz, tatsächlich ist das sogar weit verbreiteter als früher angenommen (mehr darüber hier). Die klassische 1 Pilz und 1 Alge-Vorstellung ist damit eigentlich obsolet. Die Photobionten können auch alleine existieren, aber die Pilzpartner brauchen die photosyntheseproduzierenden Mikro-Algen zum Leben (nur in Kultur kann man sie isoliert halten). Ein Hinweis darauf, dass die Pilzpartner eher von dieser Symbiose profitieren als umgekehrt. Man spricht heute von einem "kontrollierten Parasitismus", auch weil der Pilz das Wachstum und die Zellteilungsrate der Alge kontrolliert. Schwendener hatte also doch nicht ganz unrecht mit "Versklavung".
Nach der Form werden die Flechten in 4 Gruppen eingeteilt:
Die "Schuppenflechte" (Psoriasis) ist natürlich keine Flechte, sondern diese nicht-ansteckende entzündliche Hauterkrankung heißt nur so aufgrund der morphologischen Ähnlichkeit.
Eine typische Krustenflechte ist die Weiße Blatternflechte (Phlyctis argena), hier an der Rinde einer Buche.
Extrakte dieser sehr häufigen Flechte haben antimikrobielle, entzündungshemmende und antioxidativen Eigenschaften, vor allem wegen der Norstictinsäure. So wie bei den Vitalpilzen sind Vitalflechten ein vielversprechendes Forschungsgebiet der pharmaunabhängigen Medizin.
Der Mauer-Schönfleck (Calogaya saxicola) ist eine weltweit gedeihende Krustenflechte, die gerne auf Gestein wächst (was schon der Name andeutet), hier an einer Hausmauer.
Die Gewöhnliche Gelbflechte ist eine typische Blattflechte. Während andere Flechten Anzeiger für saubere Luft sind, ist es bei dieser eher das Gegenteil der Fall, sie kommt an stark gedüngten Orten vor.
Die Furchen-Schüsselflechte, auch Sulcatflechte genannt, ist auch eine Blattflechte und kommt häufig auf Laubbäumen vor, wie hier an der Rinde eines Kirschbaums. Sie ist relativ unempfindlich gegen Schadstoffe in der Luft und kommt daher auch in Städten vor.
Die Eichenmoosflechte, oder einfach Eichenmoos genannt (Evernia prunastri) ist trotz des Namens kein Moos, sondern eine Strauchflechte mit bis zu 10cm langen Thalli. Hier wächst sie auf Zirbenzweigen, sie kommt aber auch gerne auf Eichen vor. Sie ist zwar eine der häufigsten Strauchflechten, aber mag keine schadstoffbelasteten und trockenen Standorte. In Deutschland gilt sie als gefährdet.
Eichenmoos ist auch ein Basis-Duftstoff der Parfümindustrie und verleiht erdige, feucht-waldige Töne in Chypre-Parfums. Es ist z.B. in Chanel No. 19 oder Ralph Lauren Polo. Parfums hergestellt vor 2010 enthalten oft noch mehr Eichenmoos, danach hat die EU den Einsatz stark eingeschränkt, weil es in seltenen Fällen allergen sein soll.
Die Trompetenflechte oder Pokal-Becherflechte (Cladonia fimbriata) gehört auch zu den Strauchflechten und hat nur winzige, schuppenförmige Primärthalli, aber dafür dominieren die bis zu 2cm langen Stämmchen (Podetien), die hohl sind und becherartig auslaufen. Sie ist häufig und an hellen Standorten anzutreffen.
Hier ein anderes Exemplar.
Die Echte Rentierflechte (Cladonia rangiferina), eine typische Strauchflechte, hat ihren Namen daher, weil sie im Winter bevorzugte Nahrung von Rentieren ist. Sie kommt aber auch in heimischen Wäldern vor.
Die Wolfsflechte (Letharia vulpina), hier an der Rinde einer Zirbe, ist für fleischfressende Säugetiere (aber nicht z.B. Kaninchen) stark giftig wegen der Vulpinsäure. Früher wurden damit Köder für Wolf und Fuchs behandelt, um die Tiere zu vergiften, daher auch der Name (vulpes bezeichnet die Echten Füchse). Neuere Forschung hat gezeigt, dass die Vulpinsäure von einem zweiten Pilz, einem einzelligen Ständerpilz produziert wird.
Einige nordamerikanische Indianerstämme hatten diese Strauchflechte als gelben Farbstoff benutzt, da sie auch ein natürliches Pestizid für Wollkleidung ist. Sie wurde offenbar auch unter den verschiedenen Stämmen getauscht, da sie nicht überall vorkommt. Sie ist sehr kältetolerant und wächst auf der Nordhalbkugel an der Baumgrenze, meist an Nadelbäumen.
Die genügsamen Flechten sind im Prinzip überall, man muss nur genau hinschauen. Ich wette, die nächste ist nur ein paar Meter von Euch entfernt, an einer Hausmauer 😃.
All pics by @stayoutoftherz
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