Linux-Firewalls Teil 9 – Firewall-Architekturen

Words
927
Reading
5 min
Listen
Play
7y

Bei einer Firewall handelt es sich nicht um eine Software- oder Hardwarekomponente sondern um ein Konzept, wie Hardware und Software zusammenarbeiten um das eigene System zu schützen. Diese Konzepte nennt man Architekturen. Im Lauf der Jahre haben sich verschiedene, auf den Bedarf angepasste, Konzepte durchgesetzt. Jedes dieser Konzepte hat seine Daseinsberechtigung. Man kann bei keinen der Konzepte sagen, dass es immer richtig sein muss, es müssen Kosten und Nutzen abgewogen werden. Ein DAX Konzern oder der BND sind anders zu schützen als Hans Müllers Heimnetzwerk. Dies spiegelt sich vor allem in der verwendeten Hardware wieder, der Aufwand zur Installation und Wartung der Hardware ist der größte Kostenpunkt einer Firewall.

Man muss sich vom Gedanken befreien das etwas zu 100% Sicher ist. Ziel einer Firewall ist es Zeit zu erkaufen um Gegenmaßnahmen einzuleiten. In der Theorie hat man unbegrenzt viel Zeit, da der Angreifer nicht eindringen kann, in der Praxis geschehen jedoch Fehler bei der Implementierung, Wartung oder schon in der Entwicklung und Herstellung. Dies führt zu einer Schwächung der Firewall und zum Ausfall einzelner Komponenten. Im besten Fall sollte kein Single-Point-of-Failure vorhanden sein. Hierbei handelt es sich um eine Komponente der Firewall, deren Ausfall die gesamte Firewall zusammenbrechen lässt. Zu vergleichen ist dies mit dem Abfluss in Helms Klamm in Herr der Ringe. Im Folgenden schauen wir uns einmal die drei gängigsten Formen der Firewall-Architektur an.


Screening-Router


Diese Form der Firewall ist die älteste Form. Es handelt sich um einen einzelnen Screening-Router, über dem die Kommunikation zwischen dem eigenen internen Netz und dem Internet erfolgt. Es handelt sich in der Regel um nicht mehr als einen einfachen Paketfilter, wie er erstmals von Jeffrey Mogul implementiert wurde. Normalerweise ist es nur möglich eine Verbindung von innen nach außen aufzubauen, was den Betrieb von Diensten für externe Nutzer unmöglich macht. Der Nachteil an diesem System ist, dass der Router als Single-Point –of-Failure fungiert, fällt er aus ist das Netz offen. Diese Lösung bietet sich vor allem für Privatnutzer und Unternehmen an, die keine Dienste im Internet anbieten wollen.

 

DMZ


Sobald Dienste für Nutzer außerhalb des internen Netzes angeboten werden sollen, ist es Ratsam eine DMZ(demilitarisierte Zone) einzurichten. Bei der DMZ handelt es sich um ein ausgelagertes Netz mit Systemen auf die ein Zugriff aus dem Internet möglich sein soll. Typische Dienste hierfür sind E-Mailserver oder Webserver. Ein anderer Bestandteil sind Proxies. Zwischen dem internen Netz und der DMZ wird ein Screening-Router platziert, um das interne Netz zu schützen. In der Theorie verbessert alleine das Auslagern der DMZ bereits die Sicherheit des Systems. Will man es weiter schützen, empfiehlt es sich einen Proxy einzurichten. Anfragen aus dem internen Netz werden an den Proxy gerichtet, dieser Leitet sie als Mittelsmann an das Internet weiter und baut somit eine weitere Schutzschicht auf. Selbst wenn ein Angriff auf die DMZ erfolgreich ist, der Screening-Router schützt weiterhin das interne Netz, solange dieser nicht zu viele Anfragen ins interne Netz zulässt. Gefährlich sind in diesem Zusammenhang vor allem Websites die auf die Datenbank zugreifen, also z.b. Loginfenster. Die Website ist in der DMZ, die Datenbank zum Abgleich im internen Netz. Dies kann zum Angriff auf das interne Netz genutzt werden, wenn das Loginfenster nicht abgesichert ist.

Diese Architektur besitzt einen Single-Point-of-Failure, den Screening-Router. Ein Fehler in diesem Element erlaubt einen Angreifer Zugriff auf das interne Netz.

 

Multiple DMZ

Bei der Architektur der multiplen DMZ handelt es sich um eine mehrstufige Firewall, die über mehrere DMZ besteht. Wichtigster Unterschied zu einer DMZ ist der fehlende Single-Point-of-Failure. Nachteil dieses Systems ist der Aufwand für Implementierung, der diese Architektur nur für Netze mit hohem Schutzbedürfnis notwendig und sinnvoll ist.

Im Beispiel haben wir eine multiple DMZ mit zwei Routern und zwei DMZ. Das Beispiel kann beliebig erweitert werden.

 

Es gibt eine Interne und eine Äußere DMZ. Jeder Router besitzt zwei Netzwerkkarten, jede ist mit einer DMZ verbunden. Dienste die für Nutzer aus dem Internet gedacht sind, befinden sich in der äußeren DMZ, Proxies in der internen DMZ.  Es ist auch Möglich Datenbanken in der internen DMZ unterzubringen, wodurch das interne Netz und z.b. die Datenbank für Logins der eigenen Pornoseite getrennt werden. Der Zugriff zwischen den verschiedenen DMZ erfolgt über den Router und einen hierfür vorgesehen Zugang oder das System benötigt eine eigene Netzwerkkarte, die mit der internen DMZ verbunden wird.

 

Diese Form der Firewall-Architektur ist hoch komplex, schwierig zu implementieren und Fehleranfällig. Aus diesem Grund ist die Implementierung teuer und nur für Dax Konzerne, Behörden oder Sicherheitsfanatiker sinnvoll.


Die Wahl der richtigen Architektur

Es muss wiederholt werden, es gibt keine völlig sichere Firewall. Es gibt nur genug Zeit zu reagieren. Vergleichbar sind Firewalls mit mittelalterlichen Städten. Die Städte waren auf sich alleine gestellt in der Verteidigung. Im Fall eines Angriffs mussten sich die Bürger bewaffnen und sammeln, dies kostet Zeit. Um diese Zeit zu erkaufen wurden Mauern, Gräben und Wachposten geschaffen. Ähnlich funktioniert eine Firewall. Sie sollte aus mehreren Schichten und verschiedenen Technologien bestehen, die es dem Verteidiger ermöglichen zu reagieren. Diese Reaktion könnte z.b. das kappen der Verbindung zum Angreifer oder gleich das kappen des eignen Netzes vom Internet sein.


Insgesamt lässt sich sagen das Angreifer bevorzugt leichte Ziele angreifen. Will man einen Angriff vorbeugen, reicht es aus eine bessere Firewall als andere Akteure im Netz zu haben. Diese leichten Ziele fallen eher einen willkürlichen Angriff zum Opfer als gut gesicherte Netze. Gegen einen gezielten Angriff hilft dies jedoch nichts und es bleibt oft nur die temporäre Trennung des eigenen Netzes vom Rest des Internets.


Quelle:


- Ralf Spenneberg – Linux-Firewalls, Sicherheit für Linux-Server und –Netzwerke mit IPv4 und IPv6 2 Auflage


- Bild: satren@satren

Linux-Firewalls Teil 9 – Firewall-Architekturen | Ecency