Als Vincent aus dem Zug ausstieg wusste er sofort, dass er mit seiner Vermutung richtig gelegen hatte. Er erkannt die alten Villen gleichenden Häusern mit prunkvollen Gärten, die breiten gepflasterten Gehwege und die hohen Bäume, welche die Straße zu beiden Seiten säumten sofort wieder, wusste das er recht behalten hatte. Nicht weit von hier lag der kleine Park mit dem See auf dem er und Mina immer Schlittschuh gelaufen waren, damals als die Welt noch in Ordnung, seine Eltern noch lebendig gewesen waren.
Wenn er nun durch die Vorgärten der Häuser sah konnte er manchmal einen Blick in den Park und an das schilfbewachsende, sandige Ufer des Sees erhaschen. Mit seiner Schwester hatte er dort Stunden verbracht jeden Winter Kurven gedreht auf dem Spiegelglatten Eis während es unaufhörlich schneite.
Die Erinnerung daran wie Mina, die damals kaum 4 Jahre alt war alle paar Meter hinfiel und sich ärgerte, sich dann aber wackelig wieder aufrichtete und es erneut versuchen, nur um sofort wieder umzukippen. Und wie sein Vater ihn auf die Schultern genommen hatte und sie zu zweit blitzschnell über das Eis flogen. Wie die Schneeflocken ihm Mütze Jacke und Hose komplett durchnässt hatten und seine Mutter besorgt den Kopf geschüttelt hatte wenn er triefnass und zitternd vor Kälte aber über beide Ohren grinsend nach hause kam waren nur einige der schönen Erinnerungen die Vincent unter allen umständen behalten wollte, die aber nun nach fast zehn Jahren mehr und mehr zu verschwimmen begannen.
Er hatte gelebt wie in einem Traum mit seinen Eltern und seiner Schwester in dem kleinen gemütlichen Haus hier in der Vorstadt im tiefsten Winter. Sein Vater kam abends immer erst sehr spät von der Arbeit zurück aber Vincent hatte darauf bestanden jeden Abend auf ihn zu warten. Und manchmal las ihm sein Vater dann noch eine Gutenachtgeschichte vor, während er durch das Fenster neben seinem Bett hinaus in die Dunkelheit und das Schneegestöber schaute und langsam spürte wie seine Augenlieder schwerer wurden.
Erst wenn er darüber nachdachte, spürte Vincent ,wie er nach all dieser Zeit immer noch seine Eltern vermisste, wenn er nur an all die schönen Dinge dachte, die sie gemeinsam erlebt hatten. Die Erinnerung war schmerzhaft klar.
An seinen Onkel der eines Tages vor dem Haus gestanden hatte als er fröhlich von der Grundschule nach hause geschlendert kam. Von dessen Anzug und Krawatte die er trug obwohl er nicht im Dienst zu sein schien und der Sonnenbrille, die seine Augen bedeckte obwohl es später Herbst war. Von dem Satz :
„Vincent. Es ist etwas sehr Schlimmes passiert.“
und von der einen Träne die langsam unter den dunkeln Gläsern der Sonnenbrille die Wange runterlief und schließlich einen fleck auf der Krawatte hinterließ.
„Deine Eltern sind tot.“
In dem Moment in dem er diesen Satz hörte realisiert Vincent noch nicht die schrecklich und lebensverändernde Bedeutung dieser vier Worte. „
"Meine Eltern sind was?“ hatte er nur ungläubig gefragt.
Erst als er den tag auf der Polizeiwache verbracht, wohin Linus ihn gebracht hatte, nachdem er Mina aus dem Kindergarten geholt hatte und es Abend wurde begann er langsam zu begreifen: seine Eltern würden ihn heute nicht mehr abholen kommen. Er würde sie niemals wieder sehen egal was er tat sie würden niemals zurückkommen egal wie sehr er es sich wünschte.
In dieser Nacht, die er auf einer Matratze neben seiner Schwester in Linus Haus verbrachte kam und kam der Schlaf nicht. Mina schnarchte auf ihrer Matratze wie immer. Man hatte ihr erzählt ihre Eltern wären für einige tage weggefahren doch Vincent lag wach, während eine träne nach der anderen seine Wange herunterrollte und ihn nichts umgab außer die Dunkelheit. Ob sich so seine Eltern nun fühlten? Umgeben von nichts als schwärzte von nun an bis ans Ende aller Tage.
Als langsam seine Gedanken unklarer wurden und er stück für stück wegdämmerte galten seine letzten Gedanken seiner Mutter. Wie sieh besorgt den Kopf schüttelte wenn er klatschnass nach hause kam und sagte:
„Komm schnell ins Warme! Du holst dir noch einen Lungenentzündung.“
Ihre stimme war so klar und deutlich, dass es schien als würde sie direkt neben Vincents Bett stehen. In dieser Nacht hatte Vincent zum ersten Mal den Traum gehabt der ihn von dort an bis heute fast jede Nacht heimgesucht hatte.
„Sind wir bald da? Ich habe das Gefühl wir laufen hier im Kreis“
Silas Stimme holte den in seinen düsteren Erinnerungen schwelgenden Vincent in die Realität zurück 10 Jahre nach all jenen nun schon so weit entfernten Ereignissen.
„Äh..Ja. muss hier irgendwo sein“ antwortete er knapp und blickte sich in der Straße um. Ganz hier in der nähe hatte er damals gewohnt. „Hier sieht ein Haus aus, wie das andere. Hast du eine Adresse oder so etwas?"
„Nein Linus hat mir das haus beschrieben“ Während er weiterhin die Häuser nach irgendetwas absuchte was ihm einen Hinweis darauf geben könnte, dass sein merkwürdiger Tagtraum sich dort abgespielt hatte hoffte Vincent inständig, dass er sich überzeugender anhörte, als er sich fühlte.
„Das Haus beschrieben...Na super dann ist es ja nur eine Frage von Jahren.“
spöttelte Silas, als er sich selbst umblickte. Er hatte nicht ganz unrecht viele der Häuser hatten große Ähnlichkeit miteinander und abgesehen von einer Mutter die, ihr Telefon zwischen Ohr und schultern geklemmt einen Kinderwaagen mit zwei schreienden Babys über den Bürgersteig fuhr und einem Rentnerehepaar,dass in Liegesesseln den ruhigen Spätsommervormittag mit beinahe wolkenlosem Himmel in ihrem Vorgarten genoss war weit und breit niemand in den Straßen,der den beiden Jungen hätte Auskunft geben können.
"Wie wäre es,wenn wir hier einfach abhauen den Mittag mit eiskalten Getränken im park verbringen würden"
Silas blieb stehen und blickt Vincent an.
"Und was erzähl ich meinem Onkel?" warf dieser ein.
"Erzähl deinem Onkel sein freund sei nicht da gewesen oder verzogen oder von mir aus tot ist doch egal!"
Vincent musste lachen.Sein freund hatte recht das hier war Sinnlos er wusste nicht einmal genau,was er eigentlich suchte und war sich mittlerweile fast sicher,dass alles was er am Vortag gesehen hatte Einbildung war.
"Okay" gab er nach "dass hier ist sowieso Schwachsinn"
"na bitte" freute sich Silas "gehen wir!"
Als Vincent sich umdrehte um zurück Richtung Park zu gehen und beiläufig in eine letzte kleine Nebenstrasse blickt lief ihm ein kalter schauer den Rücken herunter.Am Ende der Straße stand inmitten der Villenartigen Häuser ein Altes heruntergekommenes Häusschen. Efeu wuchs wild die Mauer empor,die alten Fenster waren zum größten teil rissig oder komplett zerbrochen.Und der hohe massive Stahlzaun mit dem verrosteten Gatter,das einen Garten einschloss um den sich seit Jahren keiner mehr zu kümmern schien machte alles andere als einen einladenden Eindruck.