Als Vincent die Augen öffnete saß er an einem Schreibtisch und das Buch lag vor ihm. Erst dachte er, er müsse eingeschlafen sein doch dann sickerte die Erkenntnis, das er sich nicht mehr in seinem Zimmer befand langsam zu ihm durch.
Die massive Eichenholztisch, an dem er saß, thronte vor einem großen Fenster, von dem aus Vincent in eine verschneite Straße, die, im Licht der untergehenden Sonne, von hohen Bäumen gesäumt wurde und einen schönen Garten mit gepflegten Hecken und Blumenbeeten blicken konnte. Es waren nur noch ein paar Menschen auf der Straße, die alle den Eindruck machten als hätten sie es eilig nach Hause in die schicken alten Häuser mit großen Vorgärten zu kommen.
Der Boden war mit einem edlen Teppich ausgelegt und neben einem großen Bett standen einige Bücherregale an der weiß gestrichenen Wand.
Eine Schreibtischlampe brannte neben dem vor ihm ausgebreitet Buch.
Vincent blickte erneut aus dem Fenster und erschrak als er sein Spiegelbild sah.
Er hatte hellbraune kurze haare blaue Augen und ein kantiges Gesicht mit einer schmalen knochigen Nase. Der junge Mann im Spiegelbild sah älter aus als Vincent. Vielleicht in etwa um die 20. Langsam hob Vincent seine rechte Hand und legte seine Linke auf dem Tisch ab. Die Spiegelung tat es ihm gleich.
"Was zum Teufel ist hier eigentlich los?"
murmelte er ungläubig.
Obwohl alles so real schien hatte Vincent nicht das Gefühl ,dass er Einfluss auf das nehmen konnte was passierte er kam sich mehr vor wie in einem Traum den er durchlebte. Er blickte auf den Tisch hinunter, fuhr vorsichtig mit den Fingern über die aufgeschlagene Seite und begann den Eintrag zu lesen.
Ich glaube, ich haben nun herausgefunden wer er ist und was er tut. Doch wen er es ahnt bin ich möglicherweise selbst schon längst in seinem Visier. Wenn ich nicht falsch liege bedeutet das, dass ich in großer Gefahr bin. Für den Fall das ich nicht mehr lange Zeit habe schreibe ich nun selbst ein paar Sätze in dieses Buch. Ich habe nicht mehr genug Zeit alles zu erklären, denn ich muss hier weg und hoffe das es nicht zu spät ist, dass er noch nicht weiß, wo ich bin. Wenn du das hier liest tust du mir Leid, denn jetzt bist du selbst schon ein Teil dieses grausamen Spiels und musst es beenden.
bevor du seine Aufmerksamkeit auf dich lenkst, bevor er dich findet. Versuche nicht es zu zerstören denn wenn du das hier liest bin ich möglicherweise bald tot und meine Aufzeichnungen sind das einzige was noch zur Gerechtigkeit führen kann, zähle eins und eins zusammen! Beende was vor langer Zeit angefangen wurde......."
Vincent sah eine kleine Schatulle an der Tischkante stehen. Ob sie etwas Wichtiges enthielt, über das der Autor des Tagebuches gesprochen hatte? Er musste sie verstecken vor was auch immer der Autor ihn gewarnt hatte. Panik stieg in ihm auf als er das kleine Kästchen nahm und sich erneut im Raum nach einem geeigneten Versteck umsah.
Zuerst überlegte er die Schatulle im Regal zu verstecken fand allerdings keinen unauffälligen Platz. Dann kam ihm eine Idee. Er hob die Ecke des Teppichs an und tastete den Holzboden nach einem losen Brett ab. Nachdem er fündig geworden war trat er mehrmals heftig auf dessen Kannten und löste es dann vorsichtig von den benachbarten Brettern ab, um diese nicht zu beschädigen. Dann legte er die Schatulle in das Loch und setzte das Holzbrett behutsam wieder ein. Als es heftig an der Tür klopfte zuckte er zusammen.
Schnell breitete er den Teppich wieder über dem Boden aus und lauschte. Das Klopfen war wieder zu hören diesmal noch lauter, noch aggressiver. Vincents Herz raste, als er sich unter den Tisch kauerte, das Licht der Schreibtischlampe löschte und die Augen schloss. Vielleicht hatte wer auch immer dort draußen stand noch nicht bemerkt das im Dachzimmer Licht brannte und ging davon aus er sei nicht zuhause.
"Das ist alles nur ein Traum nicht von dem was hier geschieht, geschieht wirklich. Alles was ich tun muss ist aufwachen."
Ein paar Sekunden absolute Stille. Dann hörte er das Geräusch von berstendem Glas und sah wie die Splitter von dem, was mal das Fenster gewesen war sich im ganzen Raum verteilten.
Als Vincent die Augen wieder öffnete war seine Sicht verschwommen und sein Kopf schmerzte.
"Autsch"
Hörte er sich selbst sagen als er sich aufsetzte und mit großer Erleichterung feststellte, dass er sich wieder in seinem Zimmer befand. Er richtete sich auf und sah zum Balkon hinaus. Die Sonne ging schon fast unter er musste mehrere Stunden bewusstlos gewesen sein und trotzdem fühlte er sich Todmüde. Vincent musste über seinen dummen Traum lachen als er zurück zum Schreibtisch ging um das Buch wegzupacken, doch er erstarrte, als er sah dass es aufgeschlagen war und die Seite mit genau jenem Text beschrieben war, den er im Traum gelesen hatte. Darunter prangten in großen blutroten Buchstaben die Wörter. "NOCH 12 TAGE."