ERSTKONTAKT ... eine wahre Geschichte.

muelli(74)
Published in
#deutsch
Words
737
Reading
4 min
7y
Listen to this post
~5 min

Da mache ich mit, war mein erster Gedanke als ich den Beitrag https://steemit.com/deutsch/@seo-boss/wahre-geschichten-die-das-leben-schrieb-contest vom seo-boss@seo-boss entdeckte, in dem er uns in seinem Contest auffordert, eine wahre Geschichte zu schreiben die uns in irgendeiner Form berührt hat.
Zumindest bei mir gibt es da einige und es war nicht ganz einfach DIE Geschichte auszugraben.
Entschlossen habe ich mich ungewohnterweise für eine sehr traurige, die mich auch heute noch beschäftigt und immer öfter einholt.

Ich gab ihr den Titel :
ERSTKONTAKT

Jens, 17 Jahre alt und ich mit meinen 18 Lenzen schon offiziell Erwachsen, waren ein unzertrennliches Paar.
Nicht im Sinne Homosexueller Neigungen, sondern einfach beste Freunde, die gemeinsam ihr Leben als kleine Punks in Erfurt meisterten.
Wir wohnten zusammen und verbrachten im Grunde jede freie Minute miteinander, was selbst unseren Freundinnen manchmal übel aufstieß, waren die Momente trauter Zweisamkeit mit ihnen doch eher selten.

Es geschah an einem sonnigen und außergewöhnlich warmen Tag im Februar.
Wir wohnten damals im fünften und letzten Stockwerk eines Mietshauses, welches über einen geräumigen Balkon zur Hofseite verfügte, auf dem wir mit ein paar Gleichgesinnten hockten und alberne Trinkspiele spielten.
Die Stimmung war prächtig, wir wurden immer betrunkener und von Glas zu Glas lichtete sich die Terrasse immer mehr, da nicht jeder der Beteiligten über derart Stehvermögen beim Saufen verfügte wie wir.
Schließlich hockten Jens und ich alleine da, während die anderen drinnen ihren Rausch ausschliefen, tranken munter weiter und spekulierten darüber ob man einen Sturz aus dem fünften Stock überleben würde.
Wilde Mutmaßungen wurden angestellt und schließlich landeten wir thematisch beim Thema Beerdigung.
Jeder tat kund wie er sich die seine vorstelle, sollte es irgendwann mal soweit sein und wir versprachen uns gegenseitig dafür zu sorgen, das der Ablauf im Falle eines Falles exakt so eingehalten wird.
Jens wünschte sich das an seinem Grabe irgendwann, zum Song BGS von der Hamburger Band BUTTOCKS, die Freunde sich versammeln, sich betrinken und immer mal ein Schlückchen übers Grab gießen. Auch wollte er angebrannte Zigaretten in die Erde gesteckt haben, man wisse ja nie für was das gut sei und überhaupt legte er großen Wert auf ausgelassene Stimmung.

Irgendwann strich auch ich die Segel und wankte zu meinem Bett.
Schon nach kurzer Zeit erwachte ich wieder, irgendwie kam ich nicht zur Ruhe und beschloss einfach mit meinem Freund weiter zu trinken, bis die nötige Bettschwere definitiv erreicht ist.
Ich ging an den Kühlschrank um ein Bier zu holen und stellte mit Entsetzen fest das keins mehr da war.
Auch Jens war nicht zu finden und so kombinierte ich, das er Nachschub holen sei.
Als ich jedoch seine Lederjacke über dem Stuhl hängen sah, wunderte ich mich doch ein wenig denn so warm war es draußen nun auch wieder nicht, als das man nur im T Shirt begleitet durch die Gegend ziehen würde, aber nun … besoffen macht man halt manchmal ungewöhnliche Sachen.

Nach etwa einer halben Stunde wurde ich nervös, irgendetwas stimmte nicht und als ich schließlich die Brieftasche meines Freundes in seiner Jacke fand und ich nicht davon ausgehen konnte, das er Bier klauen gegangen ist anstatt zu bezahlen, stellte sich eine böse Vorahnung ein.
Ich ging raus auf den Balkon, schaute nach unten in den Innenhof und begann zu schreien.
Unten lag, mit verdrehten Gliedmaßen mein Freund Jens, tot, wie sich wenige Minuten später herausstellte.
Er ist wohl im Übermut vom Balkon aufs schräge Dach geklettert und kam ins rutschen, wie uns die Polizei später anhand der von den Fingernägeln herbeigeführten Kratzspuren auf den Dachziegeln und der abgerissenen Regenrinne erklärte.

Für mich war dies der erste Kontakt mit dem Tod in meinem Leben und wenige Tage später sorgte ich unter Tränen und zum großen Leidwesen der Familie des Verstorbenen, für einen peinlichst genauen Ablauf der Beerdigung meines Freundes, ganz genau so wie er es sich gewünscht hatte.
" Versprochen ist versprochen! "
Erwa 50 befreundete Punks aus dem ganzen Land angereist ( was seinerzeit in den Augen der Mitbürger, durchaus der Landung eines Haufens Außerirdischer nahe kam ), fluteten den Erfurter Hauptfriedhof mit alkoholischen Getränken, die BUTTOCKS brüllten aus dem Kassettenrekorder ihren Song BGS, unzählige Kippen steckten im frisch umgegrabenen Erdreich und ein in dieser Form noch nie dagewesenes Polizei Aufgebot versuchte uns daran zu hindern, was ihnen nicht gelang.

Das war es von mir, keine schöne Geschichte aber eine wahre, von der ich mir wünschte ich hätte ihr ein Happy End verpassen können, aber das wahre Leben schreibt nun mal nicht nur Komödien. 😎

steemStones2.jpg