Wie Bücher uns gedankliche Autonomie, Kultur und Freiheit geben können.
Elizabeth Hardwick: „Das größte Geschenk ist eine Leidenschaft fürs Lesen.“
W. Somerset Maugham: „Sich die Gewohnheit des Lesens anzulegen, ist, sich einen Zufluchtsort vor nahezu allem Elend der Welt zu schaffen.“
Gustave Flaubert: „Lies, um zu leben.“
Bell Hooks: „Das Leben verändernde Ideen kamen stets über Bücher zu mir.“
Was diese Zitate zu vermitteln versuchen, ist, welche Einsichten und Weisheiten, aber auch welche philosophischen Stützen für das eigene Leben sich zwischen zwei Buchdeckeln verstecken können. Letzteres unterstreicht der Dramatiker W. Somerset Maugham, wenn er die Welt der Literatur als „Zufluchtsort“ vor äußeren Verwerfungen identifiziert. Die Literaturkritikerin Elizabeth Hardwick bezeichnet eine Leidenschaft fürs Lesen als „das größte Geschenk“, und Gustave Flaubert wagt gar, es als Voraussetzung für das Leben an sich zu bezeichnen. Die Literaturwissenschaftlerin Bell Hooks tritt diesbezüglich etwas kürzer: Sie schreibt dem geschriebenen Wort die Fähigkeit zu, dem Leben neue Impulse und eine neue Richtung zu geben.
Jemand, der lieber zu einem guten Hollywood-Streifen greift oder durch die Serien bei Netflix scrollt, als ein verstaubtes Buch in die Hand zu nehmen, zieht vermutlich bereits hier seine Stirn in Falten. Er mag sich fragen, ob das nicht etwas übertrieben ist. Was genau geschieht denn beim Lesen, das solche Behauptungen rechtfertigen würde?
Eine Antwort auf diese Frage mag uns der amerikanische Lehrer, Autor und Aktivist John Taylor Gatto geben, der in seinem Magnum Opus „The Underground History of American Education“ („Die Untergrund-Geschichte des amerikanischen Bildungssystems“) zu folgendem Schluss gelangt: „Das aufmerksame Lesen anspruchsvoller Literatur ist nach wie vor die beste, günstigste und schnellste Methode, um das eigenständige Denken zu erlernen.“ Laut ihm geht es gar nicht in erster Linie um das Aufnehmen von Informationen, sondern um den Erwerb der Fähigkeit, neue Informationen selbständig und rational verarbeiten zu können. Er führt diesen Gedankengang aus, wenn er schreibt: „Das Lesen, sowie die Diskussion über das Gelesene, im Zuge derer man gezwungen wird, einen Standpunkt zu formulieren und diesen gegenüber Einwänden zu verteidigen, ist eine Definition der Bildung in ihrer zivilisiertesten Form.“ Eine sehr ähnliche Sicht auf das Lesen lässt der britische Dichter Walter Savage Landor erkennen, wenn er fragt: „Was ist Lesen, wenn nicht eine stumme Unterhaltung?“
Im Idealfall entwickelt man durch das Lesen also die Fähigkeit, Informationen aufnehmen zu können, sie rational zu analysieren, von ihren eventuellen Widersprüchen zu befreien und sich eine echte eigenständige Meinung bezüglich eines bestimmten Themas zu bilden. Man betrachtet Probleme generell mit einer anderen Tiefe, da man an durchdachte Ausführungen gewohnt ist und nicht an die Oberflächlichkeit und Effekthascherei aus dem Fernsehen. Man erreicht einen Punkt, an dem die Fremdbestimmung in den eigenen Gedanken abwesend ist, und kann sich gegen mentale Manipulation verteidigen.
Interessanterweise erinnert vor allem der letzte Aspekt sehr stark an das oft von Linksanarchisten hochgehaltene Ideal der Autonomie. Diese ist auf Wikipedia definiert als ein „Zustand der Selbstbestimmung, Unabhängigkeit (Souveränität), Selbstverwaltung oder Entscheidungsfreiheit“. Freilich ist mit rationalem Denken noch keine ökonomische Selbstverwaltung erreicht, aber die anderen drei Begriffe könnte man durchaus als erfüllt ansehen.
Zu den Denkern, die die Verbindung zwischen der inneren und der äußeren, politischen Freiheit hervorhoben, gehört beispielsweise Mahatma Gandhi. Dessen philosophische Antwort auf die britische Besetzung seiner Heimat war ein Konzept namens „Swaraj“, das nicht nur die Herren auf dem Thron hinterfragte, sondern die gesamten mit dem Imperialismus nach Indien gekommenen Herrschaftsstrukturen. Gandhi brachte es auf den Punkt, als er sagte: „Es ist Swaraj, wenn wir lernen, uns selbst zu regieren.“
Der indische Dichter Makarand Paranjape führt dies in größerem Detail aus, wenn er schreibt, dass die Dekolonialisierung „mehr auf dem Selbst als auf dem Äußeren“ basieren müsse. Er fährt fort: „Mit der Dekolonialisierung des Selbst meine ich die Entwicklung von mir und meiner Gesellschaft, das Erreichen meines Potentials, die Erweiterung meiner Fähigkeiten – nicht die Entfernung, den Sturz oder die Bezwingung des Äußeren.“ Swaraj ist also gleichzusetzen mit dem Streben nach Selbstverständnis und Selbstreflexion, womit wir wieder bei den Vorteilen, beziehungsweise den „positiven Langzeitfolgen“, des Lesens wären.
Was kann die Lektüre von Büchern für den Leser noch bereithalten? Ein offensichtlicher Punkt ist sicher die Tradition. In Büchern finden sich die Geschichten der Vorfahren, Märchen und Fabeln, Volkslieder und Lyrik. Wer kann schon aus dem Stand „Rotkäppchen“ von den Gebrüdern Grimm oder Goethes „Erlkönig“ aufsagen? Um derartige Traditionen zu schaffen und zu wahren, braucht es das gedruckte Wort – und Menschen, die es lesen.
Bedauerlicherweise leben wir in Zeiten, in denen letzteres immer weniger geschieht. Die Entwicklungen in der Unterhaltungsindustrie haben dazu geführt, dass viele sich lieber berieseln lassen, als sich geistig und körperlich zu betätigen. Mit bemerkenswerter Klarheit wurden diese Entwicklungen in Neil Postmans Klassiker „Amusing Ourselves to Death“ („Wir amüsieren uns zu Tode“) vorausgesehen, der 1985 veröffentlicht wurde und ähnlich wie Aldous Huxley eine Zukunft prognostizierte, in der die Menschen sich durch ihre Triebe versklaven lassen. Postman formulierte eine fundamentale Kritik an dem Medium Fernsehen, argumentierte, dass es rein strukturell nicht in der Lage sei, eine Plattform für rationale Diskussionen zu liefern, und verglich es in dieser Hinsicht sogar mit der Droge Soma aus „Schöne neue Welt“.
Der „Fahrenheit 451“-Autor Ray Bradbury sagte einmal: „Sie müssen Bücher nicht verbrennen, um eine Kultur zu zerstören. Bringen Sie die Menschen nur dazu, sie nicht mehr zu lesen.“ Genau diese Funktion scheint heute die Unterhaltungsindustrie zu erfüllen, weshalb man sich bei der Suche nach Auswegen durchaus an Groucho Marx wenden darf, der einmal nicht ganz ohne Ironie eingestand: „Ich empfinde das Fernsehen als sehr unterhaltend. Jedesmal, wenn jemand den Fernseher anschaltet, gehe ich in einen anderen Raum und lese ein Buch.“
Lesen – das ist eine Flucht aus der oberflächlichen Konsumkultur und zugleich Nahrung für die Seele. Es lehrt uns das selbständige Denken und schützt uns so vor den Rattenfängern des Geistes, die uns entweder politische Fremdbestimmung aufschwatzen wollen oder Produkte, die wir nicht brauchen. Es gibt uns die Möglichkeit, unsere Kultur neu zu entdecken und uns in die Gegenwart echter literarischer Schönheit zu begeben.
Das alles kann ich Ihnen sagen. Was ich Ihnen hingegen nicht sagen kann, ist, welches Buch Sie als nächstes lesen werden. Da können wir von Glück sprechen, dass wir diesbezüglich bereits gelernt haben, dass es vollkommen libertär und „Swaraj“ ist, wenn Sie dies selbst entscheiden.