So meinte ich das aber nicht. Wenn du nur zur Kenntnis nimmst was du selbst siehst und erlebst, dann ist deine Welt wirklich klein - weil man dann kaum etwas von der Welt mitbekommt. Wie jemand, der auf einer kleinen Insel wohnt und denkt, das wäre die gesamte Welt - weil er vom Rest der Welt nichts weis.
Ich verstehe. Danke für die Erklärung. Ich sehe das prinzipiell wie du.
Allerdings will ich schelmisch einwerfen, dass genau solches geschieht: ich zur Kenntnis nehme, was ich persönlich sehe und erlebe und auf dieser Basis ein Konzept von Leben oder von Weltanschauung habe. Ich quasi zu einer Existenz als subjektiver Empfänger von Wirklichkeit verdammt bin. Wie sehr diese dadurch beeinflusst oder sogar dominiert wird, was von außerhalb dieser Sphäre kommt, ist schwer zu sagen. Ich vermute allerdings, dass der Einfluss enorm ist. Insoweit es sich um konstruktive, friedliche Einflüsse handelt, begrüße ich sie sehr.
Ich benutze gerne extreme Szenarien, um etwas für mich zu verdeutlichen.
Machen wir ein kleines Experiment und sagen, dass ich vollkommen beraubt wäre von jeglicher sensorischer, olfaktorischer, akustischer und taktiler Wahrnehmung, so würde ich vermutlich sehr krank werden oder sterben. Ich könnte vielleicht eine Zeitlang in der erinnerten Wirklichkeit überdauern, aber auf längere Sicht wäre es vermutlich mein Tod oder meine Geisteskrankheit.
Umgekehrt: Kann ich leben, wenn ich einen unbegrenzten Raum für mich zu entdecken in den Stand gesetzt bin, der allein virtuell stattfindet? Beispielsweise durch überwiegenden Gebrauch von Filmen, Büchern und so weiter? Ich kann (wenn ich fremdernährt werde). Allerdings fehlt mir dann der Abgleich mit der Wirklichkeit, also die sensorischen Eindrücke, die ich mit den mental erlebten ins Verhältnis und in Beziehung setze. Auch in diesem Szenario deutet es auf eine eher leidvolle Existenz hin.
Eigentlich vermischen sich diese beiden polaren Betrachtungen zu einem eher ähnlichen Ergebnis, wie mir gerade auffällt...
Über dein Insel-Beispiel habe ich nachgedacht:
Jemand, der auf einer kleinen Insel lebt und denkt, das wäre die gesamte Welt, kann dort nicht allein sein Leben lang leben, er ist auf die soziale Gemeinschaft angewiesen, die seine Wirklichkeit bestätigt und andersherum.
Zunächst mal ist daran nichts auszusetzen, dass diese Welt eine kleine ist. Diese Menschen müssen nicht zwangsläufig Nachrichten aus der Welt erhalten, die sie über die Umstände von woanders aufklären. Wohl aber ist es von Vorteil, Besuch aus der Welt zu erhalten und die mitgebrachten Geschichten und auch Waren. Diese können in den Kontext der Insel-Wirklichkeit stark, schwach oder zunächst gar nicht integriert werden, sie haben aber sicher einen Einfluss.
Da es im sozialen Raum des Menschen so etwas wie komplett geschlossene Systeme nicht geben kann, ist die Idee von der rigorosen Abgeschlossenheit oder von so genannten Hinterwäldlern etwas unrealistisch und etwas unfair, weil die Hinterwäldler sich ziemlich gut in dieser hinter dem Wald befindlichen Wirklichkeit zurecht finden und eben bis zu den Grenzen ihrer Erfahrung und Räume leben (an den Grenzen ist immer der Kontakt da). Außer, man zwingt sie zu einer Weltanschauung, die sie theoretisch anhören können, praktisch aber nicht nachvollziehen. Daher vielleicht auch das etwas überspitzte Bild vom störrischen Dörfler, der sich von einem Fremden kein U vor das A vormachen lassen will.
Wer eine eher isolierte Gemeinschaft zu ihrem Glück zwingen will, anstatt sich mit ihr anzufreunden und das Glück gemeinsam zu entdecken, vergewaltigt die Kultur und die gewachsenen Überzeugungen. So "falsch" sie sich einem als dem fremden Wanderer auch darstellen mögen. Wer Freunde will, muss freundlich sein :)
Macht Spaß, diese Unterhaltung :)
RE: Das Dilemma heutiger Wissenschaft