Land der großen, weißen Wolke – VII

afrog(69)
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XXX-Terrasse-Uebersicht.JPG

Auf der Terrasse über der Gracht standen drei rote Garnituren, runde Tische mit den üblichen Holzsitzen im gescherten Eisengestell. Zur Gracht hin war das Geländer an einer Stelle geöffnet, so dass man mit einem Boot dort festmachen und aussteigen konnte. Sehr zufrieden nahmen wir Platz und Pieter besorgte Amstel mit zwei Gläsern, während ich uns zwei schöne Zigaretten drehte. So saßen wir inmitten des größten Touristentrubels zufrieden in der Nachmittagssonne, um den Tag gemütlich und in aller Ruhe in einen gepflegten Abend übergehen zu lassen. Der nächste Termin war Sushi mit Onkel, Kusine und der Kinderbande, wobei der Beginn um zwanzig Uhr kaum Anlass zu Eile gab. Was auch weder Pieters noch meinem Naturell entsprach und so blieb Zeit genug, weiterhin gemütlich die Seele baumeln zu lassen. Die Umgebung dieser Terrasse empfand ich als geradezu sensationell. Es war ein unglaublich intimer Platz in der City von Amsterdam. Man muss so einen Ort bewusst suchen um ihn überhaupt zu erkennen. Reiner Zufall bringt niemanden an solch ganz besondere Stellen.

Auf Augenhöhe

Dort saßen wir höchstens einen Meter über dem Wasser. Der Bootsverkehr der Schleuse war unterhaltsam und vom Cafébetrieb über uns drangen die Laute fröhlicher Menschen herab. Gegenüber blickten wir in eine lange Gracht hinein, die in einer Häuserlücke abzweigte und von hohen Backsteinspeichern mit den unterschiedlichsten Fronten gesäumt war. Direkt links von uns gab es eine sehr schmale Durchfahrt, vor der die Boote auf den Gegenverkehr warten mussten. Wechselweise fuhren die Boote heraus und hinein. Da wir praktisch auf Augenhöhe der Insassen waren, gab es viele Blicke, Lächeln, Zuwinken und gar freundliche Worte, die wir natürlich nicht verstanden. Es war ein Samstag Nachmittag und an Wochenenden mit gutem Wetter, herrscht auf den Grachten immer reger Betrieb. Ganz besonders im Zentrum geht es dabei um Sehen und Gesehen werden. Kapitänsmützen, weiße Hemden, der dunkle Club–Blazer mit goldenen Knöpfen gehören dabei ebenso zum Standard–Outfit der Bootsführer, wie die Schaumweinflasche im silbernen Kühler, die selbstverständlich an einem prominenten Ort auf den Booten zur Schau steht, während viele möglichst so taten, als sei man beinahe schon tot vor Langeweile.

Bild der Olav–Statur in der Niesche einer Backsteinmauer. Olav hat den Mund geöffnet uns schaut sehr grimmig. er hält eine Art Schriftrolle senkrecht vor den Körper.

St. Olav, Amsterdam

Der Dicke

So gab es viel Menschliches zu sehen und vom luxuriösen Mahaghoniboot bis hin zum ordinären Fischerkahn tuckerte so ziemlich jeder Bootstyp den Amsterdam zu bieten hatte, gemächlich an unserem Honigmannplatz vorbei. Über all dem geschäftigen und abwechslungsreichen Treiben auf dem Wasser ragte gegenüber die Seitenwand des Eckhauses hoch auf und dort stand St. Olav in einer Niesche, der grimmig auf uns herab blickte. Zu Lebzeiten wurde er Olav der Dicke genannt, doch sein offizieller Name war Olav der Zweite Haraldsson. Geboren ist er vermutlich um 995 n.Chr. als Wikinger und wurde in seinem geradezu abenteuerlichen Leben König der Norweger, konvertierte zum Christentum und hat der Legende nach den Norden des Kontinents von den Trollen befreit. Er konnte der Sage nach Felsen teilen, um sich im so entstandenen Spalt zu verstecken. In der Schlacht von Stiklestad wurde er am 29. Juli 1030 getötet und auffallend eilig heilig gesprochen. Um seinen Leichnam herum sollen angeblich Wunder geschehen sein. Er regierte von 1015 bis 1028. Seine Heiligsprechung war nach den Erkenntnissen moderner Historiker eher eine kirchenpolitische Notwendigkeit, als Folge tatsächlichen Wundergeschehens. Der Norden Europas stand damals noch in recht enger Beziehung zum heidnischen Brauchtum und so bedurfte es perfider Methoden, das abergläubische Volk vom neuen Geschäftsmodell zu überzeugen.

Charmeure

Ich frage mich noch immer, was dieser heilige Norweger–König in Amsterdam zu suchen hat, aber vielleicht beschützt er ja ein ehemaliges, norwegisches Kontor. Vom historischen Aspekt hatten wir damals natürlich nicht die geringste Ahnung. Wir fühlten uns unter seinem strengen Blick nur ein kleines bisschen, wie beobachtet. Dann traten zwei junge Damen auf unsere Terrasse, etwa zwischen dreißig und vierzig Jahren alt und so fröhlich, wie neugierige Touristen auf Entdeckungstour eben fröhlich sind. Mit ihren großen Sonnenhüten und sehr konservativer, sommerlicher Kleidung wirkten sie etwas altbacken, was uns aber nicht etwa zur Zurückhaltung animierte sondern zum Gegenteil. Es spornte uns an, den ganzen Charme spielen zu lassen. Würde uns der geneigte Leser kennen so wüsste er, Pieter und ich waren Großmeister des gepflegten Charmes und es gab nicht eine Dame, die dem nicht erlegen wäre. Natürlich hat diese Art des Erliegens nicht das Geringste damit zu tun, wovon jeder echte Waidmann träumt. Wir verstanden es einfach nur, hinreißend charmant zu unterhalten und dabei unwiderstehlich zu wirken. Besonders Pieter war darin ein solcher Routinier, dass ich ihn nur schlicht als großartigen Chameur bezeichnen kann.

Satellitenbild der Terrasse  mit der Grachtenanlage und der Brücke, von der aus die Terrasse entdeckt wurde Satellitenbild mit Dank von Google

Zeitlos

Es begann eine fröhliche Plauderei, wobei sich herausstellte, dass die Damen Belgierinnen waren. Wir zeigten ihnen unsere bereits entdeckten Besonderheiten der Terrasse, erklärten die Lage im Bootsverkehr und selbstverständlich auch Olav, der daraufhin reichlich Anlass zu gemeinsamer Heiterkeit gab, in deren Verlauf die Damen simultan einige Postkarten schrieben. So wie wir, schienen auch sie jedes Zeitgefühl verloren zu haben. Mittlerweile hatte auch das Personal entdeckt, dass die Terrasse zum Betrieb gehörte und versorgte unsere fröhliche Gruppe über die Türe des etwas unaufgeräumten Wirtschaftsraumes hinter uns, mit angemessener, diskreter Gastlichkeit. Gerade zu der Zeit, als wir uns langsam hätten mit dem Gedanken beschäftigen müssen, wer mit wem den Termin am Abend schwänzen würde, erschrak eine der Damen ganz fürchterlich. Ein paar heftige französische Worte flogen hin und her, hektisch wurden Uhren kontrolliert, Ziffern verglichen und die Damen verschwanden unter großem Goodbye flugs im Angesicht der Zeit und einer offenbar vergessenen Verabredung. Es wurde wieder eben so ruhig, wie vor diesem fröhlichen Intermezzo. Ich drehte zwei weitere Zigaretten und die wahren Knüller des Nachmittags lagen noch vor uns, was aber noch niemand ahnen konnte und vielleicht kann Olav doch Wunder wirken. Deshalb ist die Geschichte auch noch lange nicht zuende.

In dieser Reihe sind bisher erschienen:
Land der großen, weißen Wolke I, II, III, IV, V und VI.


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Just a Frog in the STEEM of whales.



Steemit bietet einmaligen, werthaltigen Content.
In diesem Posting ist es neben der Geschichte natürlich das Foto der St. Olav-Statur. Es handelt es sich dadurch um Content, der für die Stadt Amsterdam von gewisser Bedeutung ist, weil das Motiv bisher vermutlich noch nie veröffentlicht wurde. Ich habe die Statur jedenfalls vergeblich gesucht.
STEEM ON STEEMIT!!!

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