Kambô. [Deutsche Version]

Was wissen wir über die heilende und reinigende Wirkung des magischen Froschs aus dem Amazonasbecken?


Das ist eine Adaption dieses kürzlich auf Englisch verfassten Artikels ins Deutsche. Sorry für die Verspätung, ging nicht früher.


Intro

Eigentlich schulde ich euch ja weitere Posts zum Thema Xenoöstrogene. Die werden auch sicher noch kommen. Aber irgendwie wollte ich auch wieder mal was anderes schreiben, und da hab ich mich daran erinnert, dass ich der lieben @mammasitta vor ewigen Zeiten mal versprochen hatte, einer Frage nachzugehen… Und zwar zu diesem hübschen Frosch hier:

Phyllomedusa_bicolor01a.jpg
Phyllomedusa bicolor. Quelle: Wiki, by Jean-Marc Hero, CC BY-SA 2.5

Einige nennen ihn den „magischen Frosch“, und er kommt aus dem Amazonas-Regenwald.

Und nein, ich bin nicht zum Zoologen mutiert, keine Angst.

Der Grund, warum dieser Frosch toxikologische Fragen aufwirft, ist, dass seine Haut ein Sekret absondert, dass in der indianischen Kultur einiger Amzonasstämme als Heil- und Dopingmittel verwendet wird: das „Kambô“.
Da aber Schamanismus weltweit im Vormarsch ist (v.a. aufgrund des steigenden Misstrauens in die westliche Medizin und Pharmazie), kennt man Kambô inzwischen auch in westlichen Ländern. Die Anwendung des Sekrets findet in eigenen Ritualen statt, bei denen Kambô über kleine Brandstellen in der Haut administriert wird. @mammasitta hat vor inzwischen über einem Jahr ihre Teilnahme an so einem Ritual in einem Post beschrieben, und wollte von mir wissen, was eigentlich die Wissenschaft zu dem Thema zu sagen hat...

Nun gut, dachte ich mir… Kambô wirkt nicht östrogen, also coole Abwechslung. Und ich sah mir mal an, was die Behandlung eigentlich bringen soll.

Behauptungen

Hält man sich an die Schamanen, die damit arbeiten, ist Kambô ein wahres Wundermittel:

Kambô-Behandlungen haben kurzzeitige und langfristige Effekte. Kurzzeitig bewirken sie eine Erhöhung der Aufmerksamkeit, gute Laune, erhöhte Widerstandskraft gegen Müdigkeit, Hunger und Durst, die Fähigkeit sich leicht konzentrieren und fokussieren zu können, und eine innere Ruhe, die mehrere Tage oder Wochen anhalten kann. Langfristig stärkt Kambô das Immunsystem, überwindet Erschöpfung, und verbessert die allgemeine Gesundheit.Quelle: „Heart oft he Initiate“, eine schamanische Interessensgruppe in den USA

Andere beschreiben Kambô als:

Kraftvolle Behandlung für chronische Schmerzen und Drogenabhängigkeit.Quelle

Und natürlich, weil das heutzutage niemals fehlen darf:

Es detoxifiziert Geist, Körper und Seele.Quelle

Wissenschaft

Wenn eine wissenschaftlich (aus)gebildete Person so abenteuerliche Behauptungen liest, stellt es ihr unweigerlich die Haare auf und sie verspürt den Impuls, das Ganze einfach als Märchen zu betrachten und zu vergessen. Vor allem wenn sie eine ausgeprägte Allergie gegen das „Detox“-Konzept hat.

Und ja, ich spreche da von mir. Beim Wort „Detox“ bekomme ich Brechreiz als wär ich auf Kambô. Sorry, offtopic, zurück zum Thema.

Aber die oben genannten Quellen bezogen sich zum Teil auf Wissenschaft, und zwar auf Publikationen in echt guten Zeitschriften, wie z.B. PNAS, also schluckte ich den Impuls runter und poogelte das Thema (poogeln = eine Suchabfrage in PubMed, einer gesundheitswissenschaftlichen Literatur-Datenbank). Zu meiner Überraschung gab es wesentlich mehr Literatur, als man bei einem reinen Märchen erwarten würde.

Das wissenschaftliche Interesse an Phyllomedusa bicolor begann offensichtlich in den 1980ern, als Forscher das Sekret des Frosches untersuchten und anfingen, die Funktionen der einzelnen Komponenten dieses komplexen chemischen Cocktails zu beschreiben.
Für einige dieser Substanzen fand man eine sehr starke toxische Wirkung gegen Mikroorganismen. Anders ausgedrückt: Der magische Frosch produziert einige sehr wirkungsvolle Antibiotika. Hierbei handelt es sich um die sogenannten Dermaseptine, die chemisch gesehen eine Gruppe von kurzkettigen Peptiden darstellen, die in der Lage sind, Löcher in die mikrobielle Zellmembran zu bohren und diese so zu töten.Quelle
Die Wissenschaft ist immer an neuen Antibiotika interessiert, und die Forschung an Dermaseptinen ist immer noch voll im Gang. Momentan wird z.B. versucht, sie mit anderen Antibiotika zu kombinieren, da diese leichter in die Mikroben gelangen könnten, wenn Dermaseptine zuvor die Membranen gelöchert haben, und so eine synergistische Wirkung entfalten und auch dem allgemein bekannten Problem der Antibiotikaresistenz entgegenwirken könnten.Quelle

Aber das war‘s noch lange nicht mit den Wirkungen des magischen Frosches. Kambô enhält auch Deltorphine und Dermorphin, die ebenfalls zur Substanzklasse der Peptide gehören, und im Körper an Opioid-Rezeptoren binden können. Auf die Art wirken sie 30-40 mal besser schmerzlindernd als Morphin, bei geringeren Nebenwirkungen und einem geringeren Suchtpotential.Quelle
Auch an diesen Substanzen wird nach wie vor intensiv geforscht, wobei die Verwendung als Schmerzmittel oder als Antidepressiva angedacht ist. Poogelt man „Dermorphin“, erhält man mehr als 500 Ergebnisse, viele davon Studien aus den letzten Jahren.
Fun fact: Auch wenn Dermorphin für Menschen noch nicht am Markt ist, wird es bereits bei Rennpferden verwendet, wenn auch illegaler Weise… als Dopingmittel. Anscheinend laufen Pferde schneller, wenn sie keinen Schmerz mehr spüren.Quelle 1, Quelle 2

dermorphin.jpg
Die chemische Struktur Dermorphins. Pic von wiki, public domain.

Außerdem enthält Kambô Phyllocaerulein, Phyllomedusin and Phyllokinin, die die Blutgefäße erweitern und so den Blutdruck absacken lassen. Diese führen auch zu einer plötzlichen Kontraktion der Magenmuskulatur, was vermutlich der Auslöser des heftigen Brechreizes während den Kambô-Ritualen ist.Quelle

Und dann gibt’s noch eine Vielzahl weiterer bioaktiver Chemikalien im Froschsekret, die großteils nicht besonders gut erforscht sind.

Die biologische Funktion dieses chemischen Cocktails ist relativ schnell erklärt:

  1. Eine antibiotische Barriere gegen infektiöse Keime zu bilden.
  2. Vor Fraßfeinden (größere Tiere) zu schützen, indem sie enormen Brechreiz verspüren, sobald der Frosch ihre Mundschleimhäute berührt und ihn daher wieder ausspucken.
  3. Fraßfeinde zu töten, sollte sie es doch irgendwie schaffen, den magischen Frosch zu verzehren.

Fakt vs. Fiktion

Was heißt das jetzt unterm Strich?

Es ist belegt, dass Kambô eine Vielzahl aktiver Substanzen enthält, von denen einige durchaus für die pharmazeutische/therapeutische Anwendung interessant sind.
Persönlich finde ich es faszinierend, dass indigene Stämme im Amazonasgebiet ihr eigenes Antibiotikum entdeckt haben. Es scheint mir absolut möglich, dass Kambô gegen mikrobielle Krankheitserreger einsetzbar ist.

Auch der Einsatz als leistungssteigerndes Mittel bei diesen Stämmen („Jagdmagie“) macht aufgrund der schmerzunterdrückenden Wirkung absolut Sinn. Funktioniert bei Pferden, warum nicht auch beim Mensch?

Aber:

Die Stämme des Amazonas hatten keinen Zugang zur modernen Medizin. Wieso sollte man einen teilweise giftigen chemischen Cocktail im Kampf gegen Bakterien einem regulären Antibiotikum wie Penicillin (mit wesentlich weniger Nebenwirkungen) vorziehen?
Und Leistungssteigerung schön und gut...aber was man dabei eigentlich tut, ist, die Warnsignale des Körpers (nichts anderes ist Schmerz) zu betäuben, um ihn schmerzfrei überlasten zu können. Gesund ist das auch nicht.

Und dann gibt’s natürlich nicht belegte Behauptungen, und teilweise auch direkt lächerliche. Fangen wir mit meinem Liebling an:

  • Detox: Du wirst Giftstoffe nicht los, in dem du andere Giftstoffe aufnimmst (Ausnahme Antidot). So funktioniert unser Fremdstoffmetabolismus einfach nicht. Kambô oder grüner Smoothie, völlig wurscht. Alles gleich wirkungslos.
  • Drogenabhängigkeit: Es gibt einige (nicht-wissenschaftliche) Erfahrungsberichte, dass Kambô im Kampf gegen Drogen- bzw. Alkoholabhängigkeit wirkt. Das wurde zwar noch nicht wissenschaftlich belegt, scheint aber im Bereich des Möglichen zu sein, v.a. aufgrund der Opioid-artigen Wirkung einiger Bestandteile... eine Art Substitutionstherapie also. Wobei man hier schon sagen muss, dass isoliertes Dermorphin wahrscheinlich eine bessere Wahl als der Kambô-Cocktail wäre. Allerdings ist psychologische Effekt eines Kambô-Rituals sicher auch nicht zu unterschätzen, gerade wenn man bedenkt, dass Abhängigkeit immer auch eine starke psychische Komponente beinhaltet.
  • “natürliche“ Impfung/Immunsystem: Die Behauptung, dass die wiederholte Exposition gegenüber Giftstoffen in irgend einer Art und Weise das Immunsystem stärken würde, entbehrt jeder logischen Grundlage. Es gibt keinen Impfungs-Effekt durch Kambô. Was allerdings im Bereich des Möglichen liegt, ist, dass man nach einem Ritual eine Zeit lang relativ immun gegen Bakterien ist, da kurzkettige Peptide oft extrem stabil sind und lange im Körper verweilen. Also werden die Kambô-Antibiotika evtl. eine Zeit lang wirken. Reine Spekulation meinerseits, übrigens. Allerdings würde dieser Effekt nicht gegen Viren helfen, gegen die im Allgemeinen geimpft wird. Plus ich stelle mal ganz frech in den Raum, ob irgendwer von euch prophylaktisch Antibiotika schluckt. Nein? Dachte ich mir. Gibt eigentlich keinen Grund, das zu tun.

Sicherheitsbedenken

Letzter Punkt, aber ein wichtiger. Wenn du der Meinung bist, Kambô ausprobieren zu wollen, solltest du dir im Klaren darüber sein, dass der magische Frosch hochgiftig ist, und dass Fehler in der Anwendung böse – und endgültige – Konsequenzen nach sich ziehen können.

So wie Kambôs Popularität zunimmt, nehmen auch Berichte über schwere Vergiftungen und sogar Todesfälle nach Ritualen zu.Quelle 1, Quelle 2, Quelle 3 Eine Überdosis kann und wird dich töten.

Also solltest du dem Praktiker/Schamanen absolut vertrauen können.

Außerdem gibt es keinerlei Studien zu langfristigen Effekten der regelmäßigen leichten Vergiftung mit Froschsekreten. Leute kaufen hier ein Kinder-Überraschungsei, was sie bei regulären Medikamenten völlig zu Recht niemals akzeptieren würden.

Schlussfolgerungen und persönliche Anmerkungen

Kambô ist kein wirkungsloser Betrug, so viel ist sicher. Es beinhaltet einige Substanzen mit hohen antibiotischen, schmerzstillenden und sedierenden Wirkungen, die auch für die Wissenschaft und die moderne Medizin hochinteressant sind.
Für die indigenen Völker des Amazonas war Kambô eine bahnbrechende Erfindung, da bin ich mir sicher.

Für einige – aber nicht alle – der Effekte, die Schamanen ihren Kambô-Ritualen zuschreiben, kann es sogar logische Erklärungen geben.

Allerdings sehe ich persönlich in der Anwendung des Giftcocktails keinen Vorteil gegenüber konventionellen Medikamenten.

Während meiner Recherchen hatte ich den starken Eindruck, dass die Kambô-Bewegung von dem leicht romantischen Glauben getragen wird, dass Behandlungen, die aus den Händen von Mutter Natur stammen, immer besser und gesünder seien.
Als professioneller Toxikologe teile ich diese – sorry – Illusion nicht. Mutter Natur kann auch ein giftiger Mörder sein.


P.S.: Note an @afrog, auf ausdrücklichen Wunsch.


Von höchster Wichtigkeit, der disclaimer:
In meinem Blog schreibe ich meine ehrliche Meinung als toxikologischer Forscher, nicht mehr und nicht weniger. Ich bin ein Mensch, manchmal unterlaufen mir Fehler. Diskutiert mit mir, seid anderer Meinung – wenn ihr die besseren Argumente bringt, überleg‘ ich gern ein zweites Mal.

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