Vielen Menschen ist die Situation bekannt, in der man einer vernichtenden Ernüchterung ausgesetzt wird, wenn eine Leistungsbewertung schlechter als erwartet ausfällt. Doch ist der Begriff Leistungsbewertung überhaupt angebracht?
Grundsätzlich stehen Lehrende vor dem Problem die Leistungen ihrer Schüler oder Studenten zu bewerten, da ihr Bildungsweg mit Noten dokumentiert werden soll, um sie vergleichbar und bewertbar zu machen. Einigen Dozenten liegt nichts ferner als einem Schützling durch Noten den Lebensweg zu verbauen und es erfüllt sie mit tiefer Trauer, wenn es dennoch dazu kommt.
Anderen bereitet es wiederum eine Freude ihre Machtposition auszuüben und über Schicksale zu entscheiden.
Doch alle Formen unterliegen simplen Problemen. Jede Form von Prüfung sollte anstreben die allgemeine Vollständigkeit und Richtigkeit des Gelernten/Geleisteten zu bewerten. Die Realität sieht aber nur einen punktuellen Blick auf einen zu einem fixen Zeitpunkt und von Umwelteinflüssen bedingten Prüfungstermin vor oder auf eine sehr spezialisierte Arbeit. Diese eingeschränkten Spiegel des Wissens, liegen der Notengebung zu Grunde, wobei die momentane Verfassung oder die Ursachen bei der Bewertung des Ergebnisses keine Rolle spielen.
Nicht selten kommt es zu Missverständnissen beim Erwartungshorizont, der dem Prüfling oft unbekannt ist, oder Gedächtnislücken, die dem Druck der Prüfungssituation geschuldet sind.
Ein weiterer Punkt, der gegen Noten als Maß des Intellekts spricht, ist Konzeption mancher Noten. Gerade in der Schule wird häufig lediglich das Auswendiglernen gefragt, was von immer mehr Psychologen als Bulimielernen bezeichnet wird, da das Erlernte nicht ins Langzeitgedächtnis übergeht, sondern temporär gespeichert und dann ausgespuckt wird.
Folglich findet keine Förderung der fluiden Intelligenz statt und nur geringe Ausprägung von kristalliner Intelligenz, da diese langfristiges Erlernen benötigt.
Die durch den Begriff fluide Intelligenz beschriebene Fähigkeit zu logischem, analytischen und kombinatorischem Denken wird wenn überhaupt nur gering gefördert und ist demnach nicht in Noten repräsentiert.
Gerade für das Arbeitsleben und die persönliche Entwicklung ist diese jedoch relevant, weshalb die Fixierung auf den Notendurchschnitt als Alleinstellungsmerkmal nicht sinnvoll ist.
Ein sehr guter Schüler oder Student verfügt nicht immer über eine ausgeprägte Fähigkeit zu Denken und ein schlechter Schüler kann dennoch sehr viel Entwicklungspotential in sich tragen.
Wenn Menschen an ihren Noten gemessen werden und eine hohe Erwartungshaltung an sie herrscht, hat dies gerade in jungem Alter gravierende Folgen. Die Jugendlichen sind statistisch immer häufiger von Versagensangst und Leistungsdruck geplagt.
Die Folgen können von der Abschottung bis zur Ausflucht in Drogen reichen. Darauf folgt meist ein noch größerer Druck, der nachhaltiges Glücksempfinden und persönliche Erfüllung erschwert und den Menschen zu einem Sklaven der Leistungsgesellschaft macht.
Eine Alternative ist ein ehrliches Interesse der Schulen und Universitäten an Wissens- und Charakterentwicklung durch Bildung. Dabei sollte die Förderung des Denkvermögens im Vordergrund stehen und der Mensch somit zum kritischen und mündigen Bürger erzogen werden. Dazu ist es notwendig, dass der Stellenwert, den Noten als Skalierung der punktuell abgerufenen Leistungen in unserer Gesellschaft hat verringert wird. Ein Weg dahin ist, dass Universitäten und Unternehmen ihre Auswahlverfahren durch Tests erweitern und durch diese die reale Denkfähigkeit überprüfen.