Ein neues Jahr hat sich über Nacht in mein Leben geschlichen, und es erweckt in mir den Eindruck, als habe es dieses aus Monaten und Tagen geschnürte Bündel gar nicht so eilig, meine Gastfreundschaft nur für kurze Zeit, d. h. für ein paar Tage, zu genießen. Vielmehr sieht es so aus, als ob sich das hier zu einem Miteinander auf längere Zeit hinentwickeln könnte. Dagegen aufzubegehren, das ist meines Erachtens ein von Grund auf abzulehnender Gedanke, denn in diesem Unternehmen steckt alles, was man als Hast und Eile bezeichnen kann. Deshalb lege ich, dem „Neuen Jahr“ freundschaftlich den Arm um die Schulter und schlage vor, dass wir uns gemeinsam an einen ruhigen Ort begeben, um ein paar Gedanken zu aktivieren, die sich vielleicht als gute Wegweiser auf unserem Weg in die Zukunft erweisen könnten.
Einen ganz bestimmten Kandidaten aus der Rubrik »Quertreiber« habe ich schon seit längerer Zeit im Visier. Eine Komponente, die ich aber nicht unbedingt ins „neue Jahr“ mitnehmen muss. Denn mit einem „Sturkopf auf Abruf“ in die Zusammenarbeit zu gehen, hinterlässt wohl nicht den besten Eindruck. Am besten fahre ich wohl, wenn ich jenen ins Visier genommenen „Prokrastinationsgedanke“ einem Kameraden zur Seite stelle, den mein neu gewonnener Weggefährte (denn nichts anderes ist das, was man vereinfacht als „Jahr“ bezeichnet) in den großen Teich der Gedankenwelt zu entlassen gedenkt. Bevor nun alle Welt beginnt, in der Fachliteratur über das menschliche Oberstübchen zu blättern, will ich das Geheimnis der Prokrastination noch schnell lüften.
Der ungetrübte Blick durch den Dschungel der Fremdwörter bis weit in die grünen Täler Südtirols hinein wird durch einen Griff in die Schublade des germanistischen Fundus ermöglicht. Von „Aufschub, Aufschiebe oder Vertagungsgedanken“ könnte man alternativ zu dem eher spärlich verwendeten Fremdwort sprechen. Aber Aufschub und Vertagung versetzen mich unweigerlich in die politische Rhetorik. Der Verdacht der Planlosigkeit kann nicht unterdrückt werden, sodass ich mich bei der Namensgebung für die Prokrastination entschieden habe. Weiterhin könnte ich es nur schwer ertragen, begleitet von heftigen Magenschmerzen, wenn meinen mit dem Virus der Unentschlossenheit infizierten Gedanken eine familiäre Verbindung zum politischen »Trübfischen« nachgewiesen (unterstellt) würde.
Das neue Jahr an meiner Seite lauscht sichtlich entspannt dem, was ich als Marschroute für das Experiment vorbereitet habe. Dann zieht er den ersten Feiertag des Jahres wie ein Taschentuch aus der Tasche. Er gibt ihm noch einen Klaps auf den Hintern und lässt ihn ungehindert in die Vergänglichkeit laufen. Erst dann macht er mir den folgenden Vorschlag: „Spontan neige ich dazu, einen Gedanken zu dem Versuch beizutragen, der voll von Unschuld und frei von hinterlistiger Verderbtheit zu sein scheint. Ein Gedanke von der Art, der noch den zündenden Funken in sich trägt und der das Dasein darüber hinaus als ein Spiel begreift. Wie lange es dauert, bis dieses Hymen der gedanklichen Unschuld wie eine Seifenblase zerplatzt, würde mich bei der Beobachtung interessieren.“
Alles deutet darauf hin, dass ich mit diesem Lebensgefährten einen wirklich guten Fang gemacht habe. Noch optimistischer klingt die Formulierung dieser Vorahnung in der Umgangssprache. Sie hört sich dann so an: Hier gibt es reichlich Material, das ausgebaut werden kann. Ein Zweifel, den ich hege, soll bei allem sich ausbreitenden Optimismus nicht verschwiegen werden. Wenn sich der vom „neuen Jahr“ auserkorene Gedanke als ein Springfeld entpuppt, das keineswegs darauf aus ist, seine Unschuld zu verlieren, sondern stattdessen lieber auf den Synapsen hin und her rutscht und dabei recht waghalsige Stunts einübt, und zudem keine Absicht entwickelt, den ihm zur Seite stehenden Prokrastinationsgedanke aus seiner Lethargie zu locken, dann liegt augenblicklich der Geruch eines kapitalen Scheiterns in der Luft.
Meine Naivität ist nicht so weit fortgeschritten, dass ich mir nicht darüber im Klaren wäre, dass ich weder vor dem Eingang des Kopfkinos stehe und mir aussuchen kann, welche Vorstellung ich besuchen möchte, noch Kandidat einer jener Unterhaltungsshows bin, die mit der Verlockung werben, bei richtiger Beantwortung der Frage nach den ersten drei Buchstaben des Alphabets eine Erlebnisreise ins Sauerland auf unbestimmte Zeit in Aussicht zu stellen. Mir wird immer klarer, wie viele Irrungen und Wirrungen in diesem Vorhaben stecken, denn es scheint alles zu fehlen, was mit einem Selbstläufer assoziiert wird.
Ist es wirklich so, dass ein ganzes Heer von Gedanken benötigt wird, um einen chronisch lethargischen und einen noch unschuldigen Geist in eine positive Richtung zu lenken? Mit meiner Begabung, mit straffem Zügel zu führen, ist in der Tat kein Blumentopf zu gewinnen, und das scheint der Sache auch nicht unbedingt dienlich zu sein. Man stelle sich vor, der taufrische Gedanke, ohne auch nur die geringste Ahnung von all den Stolperfallen in und zwischen den Gängen des Gehirns zu haben, nimmt die erstbeste Abzweigung und landet im Labyrinth des Oberstübchens, dort, wo man nie so genau weiß, in welcher Abteilung man als Nächstes landet. Ist es die Kammer, in der die Sorgen aufbewahrt werden, oder ist es die Abstellkammer mit den Gedanken, an denen man sich schon ein paar Mal versucht hat, aber immer nur mit dem Ergebnis: Zahnverlust.
Plötzlich ergäbe sich ein Szenario, das wie geschaffen zu sein scheint für den älteren Kollegen, der in der Lage ist, den jungen Spring-ins-Feld wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Die Realität ist jedoch eine ganz andere. Einem eifrigen Verfechter der Prokrastination in ihrer Vollendung sind Dinge wie der Gedankenblitz oder der spontane Gedankensprung grundsätzlich zuwider. Was bei analytischem Denken schon zu Beginn des Experiments hätte klar sein müssen, braut sich unter der Schädeldecke zusammen – das Paar geht getrennte Wege. Die Fahne des Scheiterns kommt der Mastspitze immer näher.
Ein Fall für den Gedanken-Klempner? Durchaus vorstellbar, denn der Gedanke, der die Gemütlichkeit verehrt, nimmt die Situation zwar kognitiv wahr, richtet aber seine affektive Reaktion ganz auf seine eigenen Interessen aus. Er steht also noch bis zu den Knien im Strom der Gedanken und hat nicht das Bedürfnis, die Spontaneität in seine Gedankenwelt einfließen zu lassen. Während der joviale Gedankenakrobat in der Abteilung gelandet ist, in der die vergessenen Gedanken aufbewahrt werden. Dort wird ihm (zu allem Überfluss) vom Wächter der verstaubten Einsichten auch noch empfohlen, sich doch besser ein gemütliches Plätzchen zu suchen, bis Vater und Mutter aller Gedanken den verloren gegangenen Nachwuchs wieder ausfindig gemacht haben.
Nachdem er die Identifikationsnummer 1739 erhalten hat, macht er sich auf, einen Ort zu suchen, wo er sich ausruhen kann, um sich von seinen anstrengenden Gedanken zu erholen. Doch kaum hat er seinen Rundumblick aktiviert, stolpert er über etwas, das er vorher noch gar nicht bemerkt hat. Mit den Worten „Es tut mir leid, aber ich habe Sie nicht bemerkt“ entschuldigt er sich für sein ungeschicktes Verhalten. Daraufhin antwortet der ältere Mann, der mit den Gedanken spielt, etwas gelangweilt: „Das macht nichts. Das bin ich schon gewohnt. Ich bin es nämlich jener Kollege, der vorgibt, den klaren Gedanken nicht unberücksichtigt zu lassen. An mir geht man in der Regel immer vorbei. Außerdem scheint mich niemand mehr zu suchen.“
Der Franzose Blaise Pascal, der nicht nur als Mathematiker und Physiker Anerkennung genoss, philosophierte während seines irdischen Daseins von 1623 bis 1662 über die unüberwindbaren Hürden zwischen zwei wichtigen menschlichen Organen: »Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.«