Ein Märchen
Ich mag ja kleine Geschichten, Sinnsprüche, Märchen oder sonstige Wortsammlungen, die zum Denken anregen. Da ist mir heute ein kleines Büchlein in die Hände gefallen, welches lange in den Spalten meiner Bibliothek verschollen war. Just schnappte ich es mir und setze mich in die schöne Frühlingssonne und las es wieder. Noch immer weckt es in mir das gleiche Empfinden und zwingt mein Gehirn aus seinen verkrusteten Gedankenbahnen. Dieses kleine Märchen über den Ursprung des Bösen gefällt mir sehr und ich teile es hier mit euch. Was sagt es euch?
Woher kommt das Böse?
Es lebt’ einmal ein Mann,
der sann viel über Weltendinge nach.
Es quälte sein Gehirn am meisten,
wenn er des Bösen Ursprung kennen wollte.
Da konnte er sich keine Antwort geben.
«Es ist die Welt von Gott», – so sagt er sich,
«und Gott kann nur das Gute in sich haben.
Wie kommen böse Menschen aus dem Guten?»
Und immer wieder sann er vergebens;
die Antwort wollte sich nicht finden lassen.
Da traf es sich einmal, daß jener Grübler
auf seinem Wege einen Baum erblickte,
der im Gespräche war mit einer Axt.
Es sagte zu dem Baume jene Axt:
«Was dir zu tun nicht möglich ist, ich kann es tun,
ich kann dich fällen; du mich aber nicht.»
Da sagte zu der eitlen Axt der Baum:
«Vor einem Jahr nahm ein Mann das Holz,
woraus er deinen Stil verfertigt hat,
durch eine andere Axt aus meinem Leib.»
Und als der Mann die Rede hatt’ gehört,
erstand in seiner Seele ein Gedanke,
den er nicht klar in Worte bringen konnte,
der aber volle Antwort gab der Frage:
Wie Böses aus dem Guten stammen kann.
Rudolf Steiner
Könnt ihr es in Worte bringen?