Liebe Hive-Gemeinde,
Liebe Freiheitsfreunde,
Liebe Freiheitsfeinde,
Liebe Trader,
fast wären wir diese Woche Zeuge geworden, wie es der Pöbel den Milliardären (von der Wallstreet) einmal so richtig besorgt.
Dies wäre wohl das erste Mal seit der Französischen Revolution der Fall gewesen, wenn es funktioniert hätte.
Junge Leute sitzen seit fast einem Jahr zu Hause und dürfen keinen Spaß haben.
In den USA hat man den Leuten die Zeit mit zwei Stimulus-Schecks versüßt. Insgesamt $3,200.
Was macht also der junge Mensch, wenn er nicht raus darf, dafür aber ein paar Dollars hat, die er nicht braucht?
Er treibt milliardenschwere Hedgefonds in die Pleite.
Die Hedgefonds der Wallstreet suchen sich gerne Unternehmen aus, die fast pleite sind, leihen sich Aktien dieser Unternehmen und verkaufen diese Aktien (leer).
Nachdem man das getan hat, informiert man seine Freunde, Kollegen und spezielle Freunde aus der Politik. Die springen dann natürlich auf den Zug auf.
Dann geht man zu den Fernsehsendern der Finanzmedien und berichtet darüber und stellt gleichzeitig die katastrophale Lage des Unternehmens, welches man geshortet hat, dar.
Dies führt in der Regel dazu, dass der Kurs des Unternehmens ins bodenlose fällt.
Mission erfüllt.
Man kauft die Aktien, die man vorher leer verkauft hat, billigst zurück, liefert sie bei dem Broker ab, wo man sie sich vorher ausgeliehen hat, streicht einen fetten Gewinn ein und verbringt das Wochenende mit Schampus und Koks auf seiner Yacht.
Die Kleinanleger, die die Aktien in ihren Portfolios haben, weil sie ihnen vorher in der Regel von den selben Finanzmedien empfohlen wurden, verlieren dabei meist 90% ihres Geldes.
Dies gehört zum Kapitalismus (nicht zur freien Marktwirtschaft).
Schließlich ist es die Pflicht des Pöbels, das Geld welches einem der Staat nicht abgenommen hat, bei den Milliardären (von Staates Gnaden) abzuliefern.
Dieses Mal hatte sich die Wallstreet u.a. das Unternehmen Gamestop (Ticker: GME) zum Shorten ausgesucht.
Beinahe wäre es dieses Mal schiefgegangen und das Geld der Milliardäre wäre beim Pöbel gelandet.
Die Jungen Leute saßen also aus den bekannten Gründen zu Hause und verabredeten sich auf dem Forum Wallstreetbets von Reddit, um endlich mal den Spieß umzudrehen.
Diesen Leuten auf Reddit war nämlich aufgefallen, dass die Hedgefonds viel mehr Aktien von GME leer verkauft hatten, als überhaupt verfügbar waren.
Dies geht nur deshalb, weil für viele Profis das Verbot von ungedeckten Leerverkäufen nicht gilt, außerdem kann man das Ganze auch mit Optionen bewerkstelligen und Optionen kann man so viele erzeugen wie man will.
So lange man jemand findet, der die andere Seite übernimmt.
Optionen erzeugen kann aber jeder.
Also auch die jungen Leute auf Reddit.
Und das haben sie gemacht.
Sie haben ohne Ende kurzlaufende Call Optionen, mit denen man auf steigende Kurse setzt, gekauft.
Kauft jemand eine Call Option, so steht auf der anderen Seite des Geschäfts immer ein Market Maker. Früher war dies eine Person (auf dem Trading Floor), heute ist dies ein Computeralgorithmus.
Der Käufer der Option ist die Option long und der Market Maker ist die Option short.
Da Market Maker kein Risiko haben wollen, hedgen sie ihre Position sofort.
Hier ein Beispiel:
Hier haben wir eine sogenannte Option Chain.
Die rot eingerahmte Call Option hat ein Delta von 40.
Für den Marketmaker, der diese Option verkauft, wirkt sie als wäre er 40 Stück der GME Aktie short.
Um nun seine Position zu hedgen, kauft er 40 Aktien.
Wenn nun sehr viele Call Optionen gekauft werden, muss der Market Maker immer mehr Aktien kaufen und treibt damit den Kurs hoch.
Je mehr sich der Aktienpreis dem Ausübungspreis der Option (hier 570) nähert, desto mehr wächst das Delta der Optionen, die er schon short ist.
Das heißt, er muss immer mehr Aktien kaufen, um seine Position zu hedgen und gießt sozusagen immer mehr Öl ins Feuer.
Da die Reddit-Armee bestimmt eine Million “Soldaten” hatte, stieg der Kurs von GME innerhalb kürzester Zeit in ungeahnte Höhen.
Kurzzeitig sogar über $500.
Die Hedgefonds, die die Aktie ungefähr bei einem Kurs von $20 geshortet hatten, bekamen jetzt unglaubliche Probleme und der größte Market Maker Citadell musste mit einigen Milliarden einspringen, um einen Hedgefonds zu retten.
Ich kenne auch einige Trader, die innerhalb kürzester Zeit $100k oder noch mehr mit GME short calls verloren haben.
Der Sieg des Pöbels schien so nah, aber wer zahlt schafft an.
Citadel bezahlt die meisten Broker dafür, dass sie die Orders ihrer Kunden nicht zu den Börsen, sondern zu ihnen schicken.
Nur so können die Broker für ihre Kunden den Aktienhandel mittlerweile kostenlos anbieten.
Als größter Market Maker verdient Citadell an dem bid/ask spread.
Dies sind meist nur ein paar Cent pro Trade.
Sie machen aber mit der Masse an Orders, die sie ausführen, so viel Gewinn, dass sie ihrem CEO Ken Griffin im Jahr 2019 1.5 Milliarden Dollar an Gehalt zahlen konnten.
Normalerweise ist es Citadel egal was die Trader tun.
Dieses Mal hatten sie aber skin in the game.
Schließlich hatten sie kurz vorher einen Hedgefonds gerettet und damit einen Teil seiner GME Short Position übernommen.
Um jetzt zu verhindern, dass der Pöbel immer weiter GME Aktien und Call Optionen kauft, mussten die Broker ran, denen Citadel Milliarden zahlt, damit sie die Orders zu ihnen schicken.
Als erstes eilte Robinhood den Hedgefonds zu Hilfe.
Diese Broker haben dann einfach den Kauf neuer Aktien und Optionen in GME und einigen anderen Aktien verboten.
Man durfte nur noch verkaufen.
Selbstverständlich hatte dieses Verbot nichts mit Citadel und den ganzen Hedgefonds zu tun, die GME short waren, sondern diente nur dem Schutz der Kleinanleger.
Der einzige Broker, der sich dem Ganzen widersetzt hat war tastyworks.
Die mussten aber dann auch die Segel streichen, weil die Clearingstellen den Kauf von Aktien und Optionen in GME u.a. verboten hat.
Angeblich aus regulatorischen Gründen.
Von da an gings für den Kurs von GME nur noch runter.
Es ist auch möglich, dass einige Hedgefunds die Aktie vorher noch massiv geshortet haben.
Zumindest hört man Gerüchte...
Zwei Tage vorher hat man übrigens noch als erste Maßnahme zum altbewährten Mittel der Zensur gegriffen und die entsprechenden Internetforen und Discordserver einfach geschlossen.
Wallstreetbets hat sich dann auf Twitter geflüchtet, wo man sie gewähren lies.
Die meisten kennen AOC nur als besonders linke Demokratin, die in den USA den Sozialismus einführen will.
Ich bin mir da nicht so sicher.
Immerhin hat sie schon mal im Leben richtig gearbeitet (als Kellnerin).
Außerdem ist mir schon oft aufgefallen, dass sie bei Untersuchungsausschüssen genau die richtigen Fragen stellt.
Ich glaube AOC ist nicht so verkehrt (Bernie Sanders auch nicht).
Auf jeden Fall war AOC die erste, die sich auf Twitter über die Maßnahmen der Broker beschwert hat.
Auch andere Promis wie z.B. Dave Portnoy machten ihrem Ärger Luft:
https://twitter.com/stoolpresidente/status/1354848771184750598?s=20
- stoolpresidente
Für die Mächtigen gibt es nichts Schlimmeres als eine Masse von Leuten, die nichts zu verlieren haben.
Die großen Hedgefonds konnten dieses Mal die Katastrophe gerade noch einmal abwenden.
Wer weiß wie oft dies noch gelingt.
Vielleicht sollten sich die vielen Bitcoin-Millionäre mal Gedanken machen, ob sie ihre Geld nicht lieber sinnvoller einsetzen.
Angeblich wollen sie doch das Finanzsystem revolutionieren.
Durch das Halten von Bitcoin erreicht man auf jeden Fall nichts.
Ich war in dem Spiel übrigens nur Zuschauer.
Ich trade keine Einzelaktien und ich muss auch zugeben, dass ich die Macht einer Armee von Reddit Tradern unterschätzt habe.
Mal schauen wie es weitergeht, aber zukünftig werde ich bestimmt auch ein paar hundert Dollar in die Hand nehmen, wenn sich wieder so eine Situation ergibt.
Der Pöbel hat jetzt Blut geleckt und will Rache.
Es kann also durchaus sein, dass wir Ähnliches noch öfter sehen.
Bis bald.
Stephan Haller
P.S. Mittlerweile dürfen die Aktien und Optionen wieder gehandelt werden.
P.P.S Wer verhindern will, dass seine Aktien vom Broker an Short-Seller verliehen werden, braucht dies seinem Broker nur mitzuteilen.