english summary: The post contains stats about the insect diversity in Vienna, Austria and features a recent book about 50 special insects of interest, with a few examples
Liebe Leser und Naturfreunde,
in Wien soll es über 20.000 verschiedene Insektenarten geben, so genau weiß es niemand, weil sich die Zahl auch jedes Jahr ändert (durch Aussterben und (z.B. klimabedingte) Einwanderung).
Allein ca. 545 Wildbienenarten wurden in Wien 2022 gezählt (Quelle), eine beachtliche Zahl, gibt es doch in ganz Österreich 700 (in Deutschland 600).
An Libellen soll es in Wien 60 Arten geben, was ca. 78% der österreichischen Fauna ausmacht (Quelle).
In Wien gibt es auch 85 nachgewiesene Heuschreckenarten - 61% der österreichischen Fauna (Quelle).
Begünstigt werden diese großen Zahlen durch Wiens Lage am Übergang vom pannonisch-subkontinentalen Osten zum feuchteren, kühleren Alpenrand, was das Vorhandensein mehrerer ökologischer Nischen auf Wiener Stadtgebiet bewirkt - Wälder im Westen, Auwälder (Lobau) im Südosten, Trockenrasen im Osten, dazu mehrere Flüsse (Donau, Wien, Liesing) und viele Brachflächen. Z.B. wurden im ansonsten dicht bebauten 15. Bezirk auf der Felberstraßen-Böschung am Westbahnhof (ein Streifen von ca. 1km Länge und 17m Breite) 2020-2022 allein 91 Wildbienenarten dokumentiert, darunter einige sehr seltene (Quelle).
Trotz dieser beeindruckenden Biodiversität zeigen die Zahlen aber auch, dass die Artenvielfalt rückläufig ist. Von 137 historisch nachgewiesenen Schmetterlingsarten in Wien (von 215 in ganz Österreich) sind es heute nur noch ca. 105 (Quelle). Auch die Zahl der Heuschreckenarten soll laut Stadt Wien laufend abnehmen, genaue Zahlen fehlen aber leider. Zum Glück stehen 40% der Fläche von Wien unter Schutz!
Eine Steinhummel am Lavendel auf unserer Terrasse.
Quelle
Warum ich all das erwähne? Um Euch das Buch "50 Wiener Insekten" ans Herz zu legen (erschienen 2026 im - passend - Falterverlag). Es pickt von den tausenden möglichen 50 typische oder besondere Insektenarten Wiens aus, die teilweise amüsant, aber immer interessant porträtiert werden. Ergänzt sind viele Portraits mit QR-Codes, die zu kurzen Videos oder vertiefenden Themen führen! Nach der Lektüre dieses Buches wird man die bunte Welt der Insekten mit anderen Augen betrachten und erkennen, was für eine große Rolle diese kleinen Tiere für das Ökosystem spielen!
Beispiele gefällig?
- Der Gemeine Ohrwurm, der zu Unrecht diesen Namen und daher einen schlechten Ruf hat und der stattdessen diesen Namen trägt, weil früher getrocknete und zermahlene Tiere bei Ohrproblemen verwendet wurden
- Der Kaiserliche Kurzflügler, der seine Flügel mit Hilfe seines Hinterleibs einfaltet und geschickt unter seine kurzen Deckflügel verstaut, siehe Video
- Die Bienenwolf-Goldwespe, die wie ein Meisterdieb am Bienenwolf (einer Grabwespe) parasitiert, welcher wiederum an Honigbienen parasitiert Video
- Die Feldgrille, deren Zirpen (eigentlich der Balzgesang der Männchen) so typisch für Sommerabende ist, aber die man so gut wie nie zu Gesicht bekommt, weil sie sich meist in selbstgegrabenen Höhlen verstecken Video
- Das bekannte (aber harmlose) Silberfischchen mit seinem intensiven Liebesspiel
- Die unverkennbare Steinhummel (siehe Foto oben), die als Kulturfolgerin und Generalistin sogar in Wiens Innenstadt zu finden ist.
- Der selten gewordene und streng geschützte Osterluzeifalter, für dessen Erhaltung im Rahmen von gezielten Artenschutzmaßnahmen seine Nahrungspflanze, die Osterluzei angepflanzt wurde - mit Erfolg
- Die Geflecktflügelige Ameisenjungfer, die nachtaktiv und daher kaum zu sehen ist, aber deren Larve der Ameisenlöwe ist, der Trichter in den Sand gräbt und ahnungslose Insekten auf diese Weise fängt Video
- Die sehr gesellige Feuerwanze, die große Ausdauer im Liebesakt hat (im Schnitt 7 Stunden 😮) und deren knallrote Färbung Angreifer abschrecken soll
- Der Wasserskorpion, der gar nicht zu den Skorpionen gehört, sondern zu den Wanzen und der eine der wenigen Insekten ist, die nicht nur als Larve im Wasser lebt Video
- Der Totenkopfschwärmer, der sich von Honig und Nektar direkt in Honigbienenstöcken bedient, indem er ihren Geruch imitiert, sodass er von den Bienen nicht als Eindringling erkannt wird
- Die Europäische Hornisse, die eigentlich erstaunlich friedfertig ist und deren Kolonie pro Tag bis zu 1/2 Kilo Insekten (Gelsen, Fliegen, Wespen) frisst
Der leider selten gewordene Kleine Leuchtkäfer (vulgo Glühwürmchen), der artenreiche Gegenden braucht ohne Lichtverschmutzung und dessen Larve auch leuchten kann und sich von jungen Schnecken ernährt Video
Die Europäische Gottesanbeterin, deren Weibchen in ca. 30% der Fälle die Männchen nach der Kopulation auffressen (sexueller Kannibalismus)
Der Siebenpunkt-Marienkäfer, der (inkl. seiner Larven) gerne Blattläuse frisst und daher bei größeren Blattlausplagen früher oft Maria angebetet wurde, um für Erleichterung zu sorgen, was ihm seinen Namen einbrachte und (mit der Zahl 7) seinen Status als Glücksbringer; im Bild allerdings der nahe verwandte Asiatische Marienkäfer
Das Große Wiener Nachtpfauenauge, das mit 16cm Flügelspannweiter der größte europäische Schmetterling ist und dessen markante Augenflecke Vögel abschrecken sollen
Die Hausgelse (eine von 50 Gelsenarten in Österreich), die zwar lästig ist, aber eine wichtige Futterquelle für Fische (als Larve), Vögel und andere Tiere ist und insofern ökologisch durchaus wichtig
Der Große Frostspanner, den die Käte nicht stört und dessen Männchen wie ein Schmetterling aussieht, aber dessen Weibchen gar keine Flügel hat und deren Raupen (Video) ziemliche Forstschädlinge sind
Der winzige Winterhaft (auch Schneefloh genannt), der ebenfalls die kalte Jahreszeit bevorzugt, zu den Schnabelfliegen gehört und eine der wenigen Tiere ist, bei denen bei der Paarung das Weibchen oben ist
Die in letzter Zeit (durch die Wärme) häufiger vorkommende, harmlose Bernstein-Waldschabe, die keinesfalls mit den viel größeren Küchenschaben in einen Topf geworfen werden sollte
Der Matte Pillenwälzer, ein ökologisch sehr wertvoller Dungkäfer, bei dem Männchen und Weibchen gemeinsam die Dungkugeln rollen und vergraben Video
Die am gelben Doppelband leicht erkennbare Borstige Dolchwespe, die erst seit ein paar Jahren in Wien ist und sich ausschließlich von Rosenkäferlarven ernährt. Hier eine auf unserer Terrasse:
Quelle
Welche besondere Insekten kennt Ihr noch bzw. sind bei Euch zu finden? Kommen wir in den Kommentaren auf 10 zusätzliche (in Mitteleuropa)? Honigbiene, Wespe, Fruchtfliege und Stubenfliege zählen aber nicht. Für Exoten und 1-2 Sätze dazu gibts ein fettes Upvote.
Wie bin ich überhaupt auf das Buch gestoßen? Durch einen Vortrag der Autorin Dominique Zimmermann (die im Naturhistorischen Museum Wien als Expertin für Wildbienen arbeitet) beim KLD (Klub logischer Denker). Kurioses Detail am Rande: Nach dem Vortrag kam einer der Zuhörer auf die Autorin (im Bild von hinten zu sehen) zu und präsentierte ihr stolz sein ungewöhnliches Outfit. Sie war recht beeindruckt und es wurden spontan gleich einige Insekten bestimmt :)
All pics by @stayoutoftherz
Hier nocheinmal die Buchempfehlung:
Quelle
@jaki01, irgendwelche Ergänzungen oder Korrekturen?
I am tagging also @mshbd as you seem to love insects, too!