Nehmen wir einmal an, Menschen wären generell blind. Nehmen wir an diese Blindheit wäre durch das Fehlen eines Nervens verursacht, der das Licht aufnimmt. Kommt in unserer Welt ein Mensch blind zur Welt, stellt er einen Ausreißer dar; ihm wird beigebracht werden, dass er an Blindheit leidet, und es wird versucht werden ihn bestmöglich zu integrieren. Der Blinde unserer Welt weiß, dass er in einer außergewöhnlichen Situation ist und wird versuchen sich bestmöglich an die Welt der Nicht-Blinden anzupassen. In diesem Gedankenexperiment aber, geht es um eine Welt in der jeder Mensch blind ist, und sich somit auch in keiner Gesellschaft erst zurechtzufinden braucht, da die gesamte Gesellschaft blind ist. Blindheit stellt die Norm dar. Diese Blindheit beruht auf einem völligen Fehlen von Lichtempfindung. Kein Mensch kennt Licht und könnte sich auch nicht im Entferntesten vorstellen, dass es etwas wie Licht gibt. Keinen stört es wirklich. Die Menschen reden miteinander, sie können die warme Sonne auf ihrer Haut fühlen, das salzige Meer riechen, können schmecken, können lieben, können hassen; kurz gesagt: sie leben ausgezeichnet. Sie sind auf keinem hohen Entwicklungsstand, aber das wissen sie nicht.
Nun gibt es aber in unserer Realität tatsächlich Tierarten ohne Sehnerv, die niemals Licht empfinden werden können. Dazu zählen zum Beispiel der blinde Grottenkrebs oder der brasilianische kleine Buntbarsch. Sie überleben und leben, fangen regelmäßig ihre Beute, erholen sich hin und wieder, pflanzen sich fort. Diesen Tieren fehlt es an nichts, sie kommunizieren mit ihren Artgenossen, die auch alle blind sind. Sie leben ein völlig normales, ihrer Art gemäßes Leben. Sie werden sich nie etwas wie Licht überhaupt vorstellen können. Sie werden sich nie vorstellen können, dass ein intelligentes Lebewesen wie der Mensch existiert. Sie werden sich nie vorstellen können, dass ein Lebewesen existiert, das Städte baut, Maschinen betreibt und drahtlos kommuniziert. Für einen blinden Grottenkrebs ist es völlig undenkbar, dass ein intelligentes Lebewesen existiert, das Flugzeuge baut um sich damit wie ein Vogel in die Luft zu erheben.
Der Mensch ist vielen Lebewesen auf diesem Planeten überlegen, hat aber auch die Ignoranz entwickelt, es als selbstverständlich anzunehmen, dass es über ihm keine Ebene an intelligenterem Leben mehr gibt. Der ignorante Mensch nimmt an, das überlegenste Lebewesen auf seinem Planeten zu sein, genauso wie der blinde Grottenkrebs. Dieser, wenn er viel denken würde, wäre auch davon überzeugt, das intelligenteste Lebewesen dieses Planeten zu sein. Er kann sich ja nicht vorstellen, dass es den Menschen gibt, der unter der Sonne lebt und Farben und Licht sieht.
Nun komme ich zurück zur Einleitung: Nehmen wir einmal an, alle Menschen sind generell blind, wie der kleine Grottenkrebs. Wir würden glücklich in unserer Grotte leben ohne die wahre Welt zu kennen. Nehmen wir an, wir sind genauso wie der Grottenkrebs blind, nur auf einer anderen Ebene. Natürlich kann der Mensch Licht empfinden und sehen, der Mensch lebt in keiner Grotte, sondern unter den Sonnenstrahlen, zwischen Wäldern, Hochhäusern und Meeren. Was aber, wenn diese warmen Sonnenstrahlen, die duftenden Wälder, die mächtigen Hochhäuser und die salzigen Meere unsere Grotte sind. Was wäre, wenn es etwas gäbe, dass so wundervoll und unvorstellbar für uns Menschen ist, etwas was sich unserer Phantasie völlig entzieht. Etwas, das auf der für den Menschen begreiflichen Ebene nicht vorstellbar ist; wie für den Grottenkrebs aus dem Beispiel das Licht. Warum nehmen wir es als selbstverständlich an, die intelligentesten Wesen auf unserem Planeten oder in unserem Universum zu sein? Warum denken wir, dass wir vollkommen sind? Warum denken wir, dass wir über alle erdenklichen Reizempfindungen verfügen? Warum denkt niemand daran, dass uns wie dem kleinen Grottenkrebs ein Nerv fehlen könnte, der uns unglaubliche, völlig unvorstellbare Sachen begreifen lassen könnte?
Man kann mit keiner Angabe von einer Wahrscheinlichkeit in irgendeiner Form belegen oder widerlegen, dass dem Menschen etwas fehlt, das uns unbekannte Arten schon haben. Das liegt nicht im Bereich des Erforschbaren. Da solch ein Zustand weder belegt noch widerlegt werden kann, kann man daran glauben oder nicht glauben.
Genau das ist für mich das Glauben oder Nichtglauben an Gott, ein für uns Menschen unvorstellbares, mächtiges Wesen. Wenn ich sage, dass ich nicht ausschließen möchte, dass es einen Gott gibt, dann meine ich damit nicht, dass ich an einen alten Mann mit Bart glaube, dessen Anweisungen ich Folge zu leisten habe. Wenn ich sage, dass ich nicht ausschließen möchte, dass es einen Gott gibt, dann meine ich damit, dass es gut möglich ist, dass es Lebensformen gibt, die eine oder mehrere Ebenen über dem Menschen stehen, genauso wie der Mensch über dem blinden Grottenkrebs steht.