Dieser Moment mußte ja kommen: daß mir die mehr oder weniger als Religionspädagogin tätige Bekannte nahelegt, nicht mehr den Weg über den Frauenbereich der Moschee zu nehmen, wenn ich zur großen Küche will, sondern außen herum (um das ehemalige Bauernhaus) zu gehen.
Ich trug an dem Tag eine lange Hose und ein ärmelloses Shirt.
"Wir müssen uns so kleiden, wie Allah es wünscht."
Vermutlich nicht nur zu ihrer Freude hatte ich selbige Bekannte in ihrer Wohnung angetroffen, nachdem ich wie üblich erst zur großen Küche gegangen war, dort die in der Ausbildung befindlichen Mädchen vorfand, nach der Bekannten fragte und erfuhr: ja, die ist daheim.
So ist das bei mir: ich schneie bei Bekannten spontan vorbei und entweder paßt es oder nicht. Da mache ich mir keinen Kopf drum.
Im Fall dieser Bekannten wird es natürlich der letzte spontane Besuch gewesen sein.
Nach einigem Erzählen schickte sie sich an, das Abendessen vorzubereiten und bat mich, etwas aus der Küche zu holen. Ich ging davon aus, daß ich selbstverständlich oben herum gehen würde (es war kürzer. außerdem hatte ich da oben ein wenig Orientierungsprobleme, die ja mit dem Üben besser werden). Daß ich dabei den leeren Frauen-Gebetsraum durchschreiten würde, hat mich jetzt nicht so wirklich betroffen gemacht ... schließlich hatte sich vorher keiner Zeit genommen, mir das zu erklären, wenn ich (in meinen normalen Klamotten) dort herumlief. Die Möglichkeit hätte schon bestanden.
Also ging ich außen herum, wo ich von den handwerkenden Männern gesehen wurde, aber nicht den beiden Mädchen. Wie ich wieder da war, fragt sie nach, ob die Mädels mich gesehen haben. Ich antwortete wahrheitsgemäß mit "Nein", fragte aber nicht, ob das ein Problem gewesen wäre. (Ich nehme stark an, daß das der wahre Grund war.)
Stattdessen fragte ich sie aus, was denn ihrer Meinung nach angemessene Kleidung wäre - bedeckte Arme und Haare, hieß es - und welcher Bereich des Hauses betroffen wäre - der ganze obere Bereich, wo auch die Mädchen hausen. Die Angaben, die ich enthielt, deckten sich jetzt nicht unbedingt mit dem, was ich aufgrund meiner Einschätzung angenommen hätte. Zum Beispiel sei es in der Küche nicht so wichtig, obwohl da direkt nebenan der heilige Bereich der Männer ist. (Den ich auch, mit Ausnahme des tatsächlichen Gebetsraumes, schon in Alltagskleidung betreten hatte.) Alles ein bißchen seltsam. Oder vielleicht wurde einfach die Realität nicht richtig wiedergegeben? Außer mir lief dort, wenn ich da war, keine der Frauen in "unsittlicher" Kleidung herum. Und die jungen Frauen, die zu Theologinnen ausgebildet werden und die ich hier als Mädchen bezeichnet habe, tragen sowieso immer Kopftuch, langärmlige Oberteile, lange Röcke und meistens auch noch einen Mantel.
Noch seltsamer war, daß die Bekannte offenbar keine Probleme damit hatte, vor einem der Männer mit offenen Haaren sichtbar zu sein. Ich wußte zwar, daß sie mit einem der Männer dort eine neue Ehe eingehen will, wenn sie irgendwann vom Mann Vater des jüngeren Kindes geschieden wird, aber da mir keiner der Männer vorgestellt wurde, kann ich nur über ihre Identitäten mutmaßen. Ich bin offenbar nicht wichtig genug, um diese Information zu erhalten, bevor ich sie mir zusammengereimt habe.
Aber aus den Jahren, in denen ich als Schülerin schon mal mit dem Islam in Berührung kam, ist mir doch in Erinnerung geblieben: unbedeckt vor Männern, mit denen man nicht verwandt ist, herumlaufen, geht als Muslima gar nicht ...
Wir sprachen dann noch über die Schule/Maßnahme (oder vielmehr sprach ich von dieser, sie war ja die ganze Woche nicht dagewesen) und anderes mehr, ich half beim Zubereiten einer Joghurtsuppe und durfte diese dann noch probieren.
Ihr Kommentar zu der Maßnahme beschränkte sich auf "Ich glaube nicht, daß das was bringt". Nach zwei Wochen, in denen sie nicht da war und in denen schon ziemlich viel passiert ist.
Eigentlich könnte ich den Kontakt jetzt auch einfach abbrechen.
Schade.