Der Riß im Paradies

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Am Freitag lud mich eine Kurskollegin zu einem Fest in der örtlichen Moschee ein. Diese wird von einem türkischen Kulturverein betrieben und der Flyer, den mir die Kollegin in die Hand drückte, bildete die üblichen türkischen Fastfood-Spezialitäten ab.
Für mich stand also fest, daß ich hingehen würde (ich liebe türkisches Essen nunmal, seit ich in der 10. Klasse ab und zu bei einer türkischen Freundin die Nachmittage verbracht hatte).

Ich bot mich auch noch an, einen Kuchen zu backen. Da ich mich in der Zeit verschätzte und dann auch noch am Rezept herumvariierte, wurden aus dem geplanten Hefekuchen 5 Zöpfe, mit denen ich mich gut eine Stunde nach dem vereinbarten Zeitpunkt auf den Weg machte.

Vor Ort fragte ich nach meiner Kurskollegin und bekam den Weg zum "Fraueneingang" erklärt: einmal ums Gebäude herum und dann von hinten rein. Mit etwas Grips hätte ich das ahnen können: im Islam beten die Frauen immer getrennt von den Männern. Aber so war es erstmal eine Überraschung. Tatsächlich waren hinter dem Haus nochmal separate Biertischgarnituren aufgebaut. Ich war gespannt, wie sich die Trennung auswirken würde. Denn in unserem Bereich gab es auch einen Verkaufsstand, eine Kopie eines Standes, der vor der Moschee aufgebaut war. Ebenfalls vor der Moschee waren aber auch noch andere Stände, sodaß der Großteil der Verkaufsaktivitäten dort stattfand. Nur die Süßigkeiten für die Kinder gab es nur bei uns.

Ich schreibe "uns", weil meine Kollegin mich dann recht schnell für den Verkauf bei den Frauen mit-einteilte. Am frühen Nachmittag war da aber noch nichts zu tun, dafür herrschte in der Küche emsiger Betrieb. Allein der Möglichkeit zum Zuschauen wegen der attraktivere Platz zum Arbeiten. :-) Aber ich habe auch den Verkaufsstand mit vorbereitet, Pappteiller und Plastikbesteck ausgepackt, fertiges Essen hinausgetragen usw.
Zwischendrin bat man mich dann, mich mal hinzusetzen und mit den anderen Frauen kurz etwas zu essen - eine kleine Portion Bulgursalat und Salatblätter. Später bereitete meine Kollegin noch einen türkischen Mokka zu, den wir ebenfalls in der Küche tranken.

Inzwischen waren weitere mitgebrachte Kuchen eingetroffen, sodaß es im Kühlschrank am Stand voll wurde. Die jungen Frauen, die ich unterstützen sollte, hatten zusätzlich noch Teig für Crepes angerührt, die sie später frisch zubereiteten.

Über den Nachmittag und Abend verteilt habe ich immer mal wieder kleine Portionen genascht. Eine richtige Mahlzeit zu mir genommen habe ich nicht, weil ich dafür gar nicht genug Hunger hatte. Das hat nicht nur meine Kollegin, die, als die Dämmerung einsetzte, einen ganzen Steckerlfisch allein verputzte, überrascht, sondern auch andere Frauen haben nachgefragt. Dabei hatte ich zumindest eine ganzen Maiskolben verzehrt.

Am zweiten Tag traf ich etwas später ein - der innere Schweinhund mußte erst überwunden werden, außerdem war es ja heiß. Es war nicht ganz so gemütlich, auch schienen alle besser als ich zu wissen, was sie zu tun hatten. Mit der Sprachbarriere ging es eigentlich - ein bißchen Türkisch verstehe ich ja und kann ich auch sprechen, auch wenn es mir lieb wäre, es noch besser zu beherrschen - noch ein Grund, mich auf solchen Veranstaltungen herumzutreiben.

Ich habe dann versucht, das fehlende Aufgabengebiet durch Engagement zu kompensieren. Auch bei "Männeraufgaben" wie dem Zusammenräumen der Biergarnituren. Das fiel auf. So sehr, daß mich am Abend beim Aufräumen sogar die Männer ansprachen. Ich bekam noch ein Sandwich mit Fleischbällchen, das ich nicht bezahlen mußte. (Einen Döner habe ich aber bezahlt.)
Zeit zum Sitzen gab es trotzdem. Wir aßen zusammen Wassermelone. die nicht verkauft worden war. Eine willkommene Abkühlung.
Da es heißer war als am Samstag, habe ich auch das eine oder andere Mal mir ein Wasser oder eine Dose mit einem fruchtigen Molkedrink, dem man die Molke kaum anmerkte, aus dem stärkeren Kühlschrank in der Küche geholt. Das durfte ich ja ...

Aufgefallen bin ich natürlich auch: durch meine Kleidung. Am frühen Samstagnachmittag ein einfaches Sommerkleidchen, mit dem ich auch hätte in den See hüpfen können zum Abkühlen. Was man als Mitteleuropäerin als praktische Sommerkleidung ansieht. Dann fuhr ich nochmal heim, die Vorstandssitzung am nächsten Morgen vorbereiten und etwas zu entspannen, denn es war noch nicht viel los, aber mit mir standen 3-4 junge Frauen am Verkaufsstand. Den Rest des Tages trug ich Radlerhosen und ein ärmelloses langes Top mit Spitzenansätzen unten und am Dekollete. Praktisch und kleidsam. Eigentlich.
Die jungen Frauen trugen Kopftuch und lange Mäntel. Aus dünnem Stoff, aber die meisten Mäntel waren dunkel. Und noch nie, auch in meiner oben erwähnten Jugend nicht, war ich kleidungsmäßig so isoliert. Ach, eigentlich konnte man überhaupt die anwesenden Frauen, die sich nicht bedeckt hatten, an einer Hand abzählen. Vielleicht waren es am Samstag 7 und am Sonntag etwas mehr als 10.
Der Freundlichkeit untereinander hat das keinen Abbruch getan, vielleicht auch, weil ich es nicht zugelassen habe und die anderen Frauen, die ich von der Arbeit in der Küche kannte, auch nicht. Andererseits habe ich ja nicht alle Gespräche verstanden und nur grob, wann es um mich ging.

Nicht gefallen hat mir eigentlich nur, daß ab und zu die Frage oder Annahme auftauchte, ich könnte auch am muslimischen Glauben interessiert sein. Das bin ich auf eine bestimmte Weise zwar tatsächlich, aber nicht auf der Suche nach einer Religion für mich. Und diesbezüglich kam meine Anwesenheit wohl ein wenig falsch an. Eine Konvertitin, die unseren Stricktreff im Ort leitete, hat mich nach Stunden dann endlich doch noch angesprochen und meinte zum Schluß, das wäre schön, daß ich hier sei. Da hatte ich dann schon wieder das Gefühl, herauszuhören, daß sie auf eine Konversion meinerseits hofft.

Am gestrigen Abend fanden sich dann unter den Backblechen und Schüsseln zwei Bleche, auf denen der Vorname meiner türkischen Nachbarn im Hause stand. Ich bot mich an, sie mitzunehmen. Aber dann war es mit meinem eigenen Blech und dem Essen, das ich auch noch mitnahm, soviel, daß ich es nicht auf dem Fahrrad transportieren konnte. Netterweise fand sich eine Frau bereit, mich mit den Sachen heimzufahren, aber dann noch mal zur Moschee zurückzubringen, damit ich mit dem Fahrrad heimfahren konnte.
Ich stellte also alles in der (ein wenig abgekühlten) Wohnung ab und stieg dann wieder in ihr Auto. Vor Ort in der Moschee war nicht mehr viel zu tun, sodaß ich mich nach einer Weile von meiner Kollegin und den noch anwesenden, aber ebenfalls gerade aufbrechenden Frauen verabschiedete.
Weil ich überzeugt war, die Kollegin heute im Kurs zu sehen, war meine Wortwahl entsprechend "bis morgen!". Woraufhin sie andeutete, evtl. nicht zu kommen. Heute wurde mir dann klar, daß sie wohl schon gestern Abend beschlossen hatte, sich heute freizunehmen. Vielleicht war ja auch noch das eine oder andere als Nachwirkung des Festes zu tun. Jedenfalls war sie heute tatsächlich nicht da, während ich nach ca. 3,5 Stunden Schlaf normal aufstand und zur Maßnahme ging. Mein Verständnis für ihr Fehlen hält sich gerade in Grenzen.

Und ich liege gerade wach, anstatt zu schlafen, bin nicht auf den morgigen Vorstellungstermin vorbereitet (ich muß einige Zeugnisoriginale mitnehmen) und bin überhaupt noch dabei, das ganze Wochenende, das eigentlich anders geplant war, zu verarbeiten.
Warum bin ich damit schon wieder alleine?

In einem Moment am Samstag wunderte sich meine Kollegin, warum nicht mehr Leute aus dem Ort kämen. Am Sonntag habe ich sie dann gefragt, ob sie denn die Presse eingeladen hätten. Nein, hatten sie nicht. Es stand auch keine Ankündigung in der Ortszeitung. Ein Fest, geplant für Eingeweihte oder einfach eine Unaufmerksamkeit seitens meiner Kollegin? Immerhin trifft sie ja nicht die Entscheidung. Ich habe ihr vorgeschlagen, daß sie eine Ankündigung in die Zeitungen setzen sollte, aber das Thema kam später nicht noch mal auf, ich habe sie auch nicht bedrängt. Im Oktober ist wohl noch ein Fest. Fraglich, wie es mit der Presse weitergeht.
Vielleicht ist es das Engagement trotz aller schönen Momente am Wochenende einfach nicht wert. Ich weiß es gerade nicht.

Der Riß im Paradies | Ecency