Zur Behauptung, die CIA habe den Begriff "Verschwörungstheorie" erfunden (weil der Begriff in einem Memo von 1967 auftaucht, das sich mit Theorien über den Mord an JFK beschäftigt), hier ein kurzer Auszug aus Karl Poppers "Offene Gesellschaft und ihre Feinde" (Erstpublikation 1945, also 2 Jahre vor der Gründung der CIA):
"Um meine Gedanken zu verdeutlichen, werde ich in kurzen Zügen eine Theorie beschreiben, die weit verbreitet ist, die aber das genaue Gegenteil dessen annimmt, was ich für das richtige Ziel der Sozialwissenschaften halte ; ich nenne sie die Verschwörungstheorie der Gesellschaft. Diese Theorie behauptet, daß die Erklärung eines sozialen Phänomens in dem Aufweis der Menschen und Gruppen besteht, die am Eintreten dieses Phänomens ein Interesse haben (dieses Interesse ist manchmal verborgen und muß erst enthüllt werden) und die zum Zwecke seiner Herbeiführung Pläne gemacht und konspiriert haben. Diese Auffassung von der Aufgabe der Sozialwissenschaften entspringt natürlich der irrtümlichen Theorie, daß alle Vorgänge innerhalb einer Gesellschaft – insbesondere Kriege, Arbeitslosigkeit, Armut, Mangelerscheinungen, also Vorgänge, die die Menschen in der Regel unangenehm finden – das Ergebnis eines direkten Plans von seiten gewisser mächtiger Individuen oder Gruppen sind. Diese Theorie ist weit verbreitet ; sie ist sogar noch älter als der Historizismus (der, wie seine primitive theistische Form zeigt, ein Derivat der Verschwörungstheorie ist). In ihren modernen Formen ist die Theorie – wie auch der moderne Historizismus und eine gewisse moderne Einstellung zu den «natürlichen Gesetzen» – ein typisches Ergebnis der Säkularisierung eines religiösen Aberglaubens. Der Glaube an die homerischen Götter, deren Verschwörungen die Geschichte des Trojanischen Kriegs erklären, ist verschwunden. Die Götter sind abgeschafft. Aber ihre Stelle nehmen nun mächtige Männer oder Gruppen ein – unheilvolle Druckgruppen, deren Bosheit für alle Übel verantwortlich ist, unter denen wir leiden – wie die Weisen von Zion, die Monopolisten, die Kapitalisten oder die Imperialisten.
Ich will damit nicht sagen, daß sich Verschwörungen niemals ereignen. Im Gegenteil: Verschwörungen sind ein typisches soziales Phänomen. Sie werden zum Beispiel immer dann wichtig, wenn Menschen an die Macht kommen, die an die Verschwörungstheorie glauben. Und Menschen, die allen Ernstes zu wissen glauben, wie man den Himmel auf Erden errichtet, werden aller Wahrscheinlichkeit nach die Verschwörungstheorie übernehmen, und sie werden sich in eine Gegenverschwörung gegen nicht existierende Verschwörer verwickeln lassen. Denn die einzige Erklärung für das Fehlschlagen ihres Versuches, den Himmel auf Erden zu errichten, sind die dunklen Pläne des Teufels, der ein erworbenes Interesse an der Hölle besitzt.
Es muß also zugegeben werden, daß Verschwörungen vorkommen. Aber die überraschende Tatsache, die die Verschwörungstheorie trotz der Existenz von Verschwörungen widerlegt ist, daß letzten Endes nur wenige Verschwörungen erfolgreich sind. Verschwörer vollenden ihre Verschwörung nur selten."
Band 2, Seite 181 ff.
Hervorhebung von mir.
Ceterum censeo, Commies/Sozialisten sind "Gegenverschwörer". Falls wir mal eine Weltregierung bekommen, könnte man debattieren, ob Popper damit falsifiziert wurde (falls man das dann noch darf).