RE: RE: Interview mit dem "world's most googled man," Andrew Tate
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RE: Interview mit dem "world's most googled man," Andrew Tate

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Ich denke, Tate bietet ein Image an, nach der "der Stärkere gewinnt" und diese Theorie mittlerweile in Ungnade gefallen ist. In gewisser Weise hält auch er an seinem Weltbild fest, dem man widersprechen will, weil wir nicht als Jäger und Sammler leben, sondern "zivilisiert" wurden. Die Zivilisation lehnt - allerdings nur oberflächlich gesehen - den Starken ab, weil der Einzelne sich nicht die Hände schmutzig zu machen braucht, wenn es um den Erhalt seines Komforts geht.

Aber Tate sagt auch in diesem Interview sinngemäß (zumindest nach meiner Interpretation), dass wenn bei dem Krieg in der Ukraine es wenigstens darum ginge, dass nicht einige wenige davon profitierten, sondern das amerikanische Volk selbst, es ihm durchaus zupass käme. Er hätte ruhig noch direkter sein können und sagen: So lange meine Nation und die Menschen, die diese Nation bilden, einen Vorteil von der Kriegsführung haben, bin ich dafür, dass der Stärkere gewinnt. Es ist aber so gut wie unmöglich, sich selbst nicht auch zu widersprechen.

Zu sagen, dass Depression "eine getroffene Wahl ist", wie Tate es im Verlauf des Interviews ausdrückt, ist natürlich sehr provokativ. Tatsächlich würde ich persönlich sagen, dass einer Depression ein authentisches Gefühl vorausgeht, nach der der Depressive wie jemand ist, der plötzlich einen Schleier vor dem Gesicht weggezogen bekommt und die Welt sieht, wie sie auch ist, nicht, wie er sie sich wünscht oder sie "sein soll". Das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse ist eine gute Analogie dazu, finde ich.

Der Schock über die eigene (bisherige) Illusion von Leben kann derartig drastisch sein, dass man in ein tieftrauriges Fahrwasser fällt, aus dem man nur schwer herausfindet, wenn man zu sehr darin bestätigt wird, dass es ein "überaus ernst zu nehmender Dauerzustand" ist. Ich bin sicher, dass wenn man diesen Schock des plötzlichen Erwachens als "da ist jemand, der mir einen Spiegel vorhält darüber, dass ich bestimmten Illusionen nachhänge" übel nimmt, man sehr schnell dem anderen eine Diagnose (als chronisch vorhanden) geben will. Weil man selbst entweder noch keinen solchen Schock erlebt hat oder ihn leugnet.

Tiefe Trauer ist eine Tatsache, die jeder Mensch erlebt. Wenn diese tiefe Trauer als Folge der Desillusionierung einsetzt, ist das Ehrliche, was man sagen kann: "Es ist wahr. Ich sehe, dass es dich bis auf die Grundfesten deines Daseins bestürzt hat, dass die Welt anders ist, als du sie dir gemalt hast und dass du nun auf dem Boden der Tatsache angekommen bist. Ich gratuliere dir zu dieser Erkenntnis. Du wirst fortan entscheiden müssen, ob du die Diagnose akzeptierst, weil es dir dadurch gesellschaftlich leichter gemacht wird, deine schockierende Erkenntnis - umgemünzt in eine Schwäche attestiert zu bekommen. Und diese Schwäche zu chronifizieren und wie einen Pass hochzuhalten, der dir gewisse Türen öffnet." Es ist überaus verführerisch, das Opfer zu bleiben.

Die Versicherungen wissen es natürlich besser. Insoweit du eine Krankenakte von dir hast, die immer dann, wenn es schwierig im Leben wird, deine "Depression erneut aktivieren könnte", wirst du von den Versicherern gar nicht erst in einen Vertrag aufgenommen. Die versichern niemanden, der als chronisch krank gelten könnte.

Depression ist für mich keine Krankheit. Man urteilt deswegen darüber als "krank", weil es schwer ist zu verstehen, dass man einem Menschen, der bisher dachte, dass ihm nie etwas Erschütterndes geschehen könnte, dass er eine Art Ermächtigung hat, ein unerschütterliches Leben zu führen, die unbequeme Wahrheit offenbart, die er gerade hat: Dass die Realität um ein Vielfaches erschreckender sein kann, als er es je vermutet haben würde.

Man kann sich nur selbst davon "lösen", indem man akzeptiert, dass es kein "Recht" auf Unversehrtheit gibt, wohl gibt es aber Momente, in denen man sich beispielsweise verteidigen (kämpfen) oder entkommen (fliehen) will. Deprimiert wird man, wenn man glaubt, das keines von beiden möglich ist, also erstarrt man und unterdrückt die eigenen Gefühle als "ungerechtfertigt" und hofft auf die Erlaubnis, sich tot oder als unfähig (hin)stellen zu dürfen. Darüber ist es leicht, seine Würde zu verlieren.

Während man für kämpfen, fliehen, eine Pause machen eben keine Erlaubnis braucht, weil man es ohne diese Erlaubnis tun kann - dafür zahlt man aber auch einen Preis, behält darüber aber vermutlich die eigene Würde. Drastisch ausgedrückt, kann man eine Depression, von der man sich nicht lösen will, als "sich tot stellen" bezeichnen, ein unerträglicher Zustand, weil man ja nicht wirklich tot ist. Wer sich selbst helfen will, findet Wege, sich davon zu befreien, wer das nicht will, findet Gründe, es nicht zu tun.
So gesehen, wäre es dann doch eine Krankheit unter der Prämisse, das die Mitwelt einen darin mehr bestätigt als es in Frage stellt (ohne den Hohn oder die Arroganz).

Die meisten Themen haben so viele Widersprüche, dass man vielleicht besser über Widersprüche reden sollte, als über fixierte Positionen.

Daher habe ich keine fixierte Position zu diesem Interview und finde es sowohl unterhaltsam als auch diesen langen Kommentar wert.