RE: RE: Meine Gedanken zu künstlicher Intelligenz
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RE: Meine Gedanken zu künstlicher Intelligenz

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Ein Knackpunkt bestünde selbstredend in der Schwierigkeit, jedem Wähler einen gerechten, zur jeweiligen Abstimmung passenden 'Expertise-Wert' zuzuordnen. Darüber, wie die Fähigkeiten jedes Individuums sinnvoll und fair bewertet werden könnten, müsste gründlich nachgedacht werden.

Es ist unmöglich, über die Fähigkeiten eines Einzelnen gründlich nachzudenken bzw. ein verlässliches Bewertungs-Schema zu ersinnen. Das ist nicht nur ein Knackpunkt in meinen Augen, sondern es ist vollkommen unmöglich, ein "Individuum fair und sinnvoll zu bewerten". Was fair und sinnvoll für den einen ist, ist es nicht für den anderen.

Möchtest du, dass man über dich "gründlich nachdenkt"? Was soll dabei herauskommen?
Fortan soll dich, was immer du als Beruf auszuüben gedenkst, worin auch immer du dich einzugliedern wünscht, eine Muster-Erkennungsmaschine beurteilen? Welche Daten soll die Maschine von dir haben? Wie oft du krank warst, wie lange und wie viele Jahre du irgendwo gearbeitet hast? Wo du ein Ehrenamt oder ein Hobby betrieben hast? Wie viele Kinder du hast? Ob du verheiratet bist oder nicht? Wie willst du das, was du im Laufe deines Lebens gelernt hast, in Worte, Kategorien, Attribute fassen?

Soll da stehen, dass Jaki drei Ausbildungen absolviert hat und darum ein Experte in diesem oder jenem Beruf ist? Oder soll dein IQ mittels Test ermittelt werden? Und wenn das nicht reicht, müsste dann deine Expertise nicht stetig getestet werden? Man müsste dir eine Problemstellung geben, die du dann zu lösen hättest, um als state of the art Experte zu gelten, oder nicht? Was aber ist "state of the art"?

Und, wenn du ein bestimmtes Problem erfolgreich gelöst haben würdest, würde das dich befähigen, auch andere Probleme zu lösen? Was, wenn du dazu nicht in der Lage wärst? Gibt es dann Punkt-Abzug und du sinkst in der Bewertungs-Skala? Wer soll eigentlich deine Bewertungsergebnisse erhalten? Deine Mitmenschen, sobald du am öffentlichen Leben teilnimmst? Dein Auftrag- oder Arbeitgeber, deine Kollegen? Deine Einwohnermelde-Behörde?

Wie willst du Erfolg oder Misserfolg messen? Du kannst ja immer nur ein Teil-Problem als Aufgabe erhalten, nicht wahr? Aber wenn du ein Teil-Problem gelöst hast, sagt das etwa irgend etwas anderes über dich aus, als dass du dieses Teil Problem gelöst hast?

Die Idee, dass eine Maschine den Wert eines Menschen ausspuckt und voila (!), da haben wir eine kompetente Persönlichkeit, reduziert ihn auf messbare Daten, sie kann aber die nicht messbaren Daten nicht integrieren. Alles, was nicht gesagt, nicht erfasst, nicht bestimmt, gewogen, gemessen werden kann, bleibt als unbekannte Konstante dennoch bestehen.

Es ist eine interessante Idee, dass wir künftig herumlaufen und unser Mobiltelefon uns jeweils über jeden Menschen, dem wir begegnen, umfassend informiert, nicht? Wie schön, sich endlich selbst kein Bild mehr machen zu müssen, sondern sich voll und ganz auf die Klugheit einer KI verlassen zu können.

Dem würde sich die Frage anschließen, dass - nehmen wir an, solches gäbe es bereits - wir dann mit unseren Mitmenschen besser, leichter auskämen? Wären dann Konfliktpotenziale kleiner?

Was ich bis hierher sage, widerspricht nicht dem, dass Menschen messen, wiegen, zählen, auswerten und mit Daten umgehen. Nur sollten sie sich darüber gewahr sein, dass dieses eine Reduktion von Komplexität ist und jedes Wissen, egal wie detailgetreu und umfänglich es vorhanden ist, dennoch die Aufgabe nicht von einem nimmt, an der zwischenmenschliche (Arbeits-, Liebes-) Beziehung zu arbeiten. Da wir nun mal als Menschen miteinander im Kontakt sein wollen und es tatsächlich auch nötig haben :)

Wie klug oder dumm dir jemand vorkommt, das erfährst du immer nur im lebendigen Beisein von anderen. Nicht dadurch, was du über sie weißt oder sie über dich, sondern dadurch, dass du dich situativ auf sie einlässt, oder nicht? Das beinhaltet auch Fehler und Irrtümer.
Wie stehst du zu der Erfahrung, dass erst ein Irrtum oder Fehler es ist, beispielsweise im Beruf oder bei der Gründung einer Firma, beim Leiten eines Teams, also der Misserfolg einer Angelegenheit, dich das meiste lehrt?

Die Leute, die gegenwärtig beim Amt für Wasserschutz oder mit dem Nehmen von Bodenproben befasst sind, als Anwalt oder Architekt oder Krankenschwester arbeiten, haben bereits Expertise in dem, was sie tun. Ob sie fähig wären, als lokale Politiker auf der Basis ihrer Berufserfahrung gerechte/gute Entscheidungen zu treffen, ist nur im Kontext und Zusammenspiel derer zu erfahren, die lokal aufeinander treffen.

Um es überspitzt zu sagen: Jeder wäre fähig, sich zeitweise als lokaler Politiker einzubringen und im Grunde halte ich das Zufallsprinzip für interessanter und weniger aggressiv als ein ausgeklügeltes Bewertungssystem. Per Zufall ausgewählt zu werden und eine Zeitlang in einem politischen Amt zu arbeiten, wäre das was für dich? Man wächst bekanntlich an seinen Aufgaben. Solch ein Zufalls-Prinzip sähe ich auf freiwilliger Basis als diskussionswürdig an (wenngleich ich das nicht als einen meiner Interessens-Schwerpunkte erachte).

Wie wäre es, wenn du einen Brief erhieltest, indem steht: "Sie sind zufällig ausgewählt worden, in ihrem Wohnort für xy Wochen an der lokalen Politik mitzuwirken."

Es wäre ein kürzerer und vor allem ein dezentraler Weg. Weder dein Geschlecht, noch deine Rasse, noch deine Intelligenz, noch deine Gesinnung, noch deine Vita würden bestimmen, ob du "ausgewählt" würdest. Sondern lediglich dein Name und deine Adresse, unter der du zu finden wärest.

Was du vorschlägst, scheint mir daher eher eine zentrale Idee zu sein, die die Kategorien, nach der Menschen sich zu bestimmen trachten, eher noch erweitert. Ich zweifele jedoch daran, dass es mehr Verlässlichkeit anböte.

@erh.germany: Ein Knackpunkt | Ecency