Ich würde die provokative Frage stellen: Was kümmert einen das Einkommen einer Visagistin, wenn es einem selbst an wenig mangelt? Damit meine ich diejenigen, die selbst über ein recht angenehmes Leben verfügen, also ihr Einkommen ihren Lebensunterhalt sichert, sie sich ein Auto leisten können oder ein Haus, eine Wohnung, in den Urlaub fahren, Fußbodenheizung und so weiter.
Ich bin kein Kind reicher Menschen und auch nicht in einer Elite-Gesellschaft aufgewachsen. Doch würde ich sagen, haben wir Kinder den Wohlstand unserer Eltern bei weitem überflügelt und sind in materiellem Wohlstand aufgewachsen. Freunde und Bekannte und Verwandte haben Arbeit und die, die Familien gegründet haben und heute schon zum Teil Großeltern sind, wissen nicht mehr, was sie ihren Enkeln schenken sollen, die Leute sind gestopft mit Spielzeug und Kleidung für die Kleinen, niemand will auch nur geschenkt etwas von dem vielen haben, was man noch selbst irgendwo aufgehoben hatte, um es denen zu geben, die nach einem kommen.
Das ist den Leuten durchaus bewusst und sie ärgern sich darüber, dass die Kinder und Kindeskinder so wenig brauchen, weil sie bereits alles haben. Gleichzeitig, in demselben Kaffe-Nachmittags-Gespräch zerreißt man sich den Mund über Sozialhilfe-Empfänger, die nicht arbeiten gehen und Verwandte, die "ewig studiert haben" und die "faul wie Sau sind". Genau wie über die "Ausländer", die alles in den "Arsch geschoben kriegen".
Das lässt den Schluss zu, dass es gar nicht um Geld gehen kann, nicht darum, wie viel oder wenig einer verdient, sondern vermutlich eher darum, dass man situativ jenen etwas neidet, die sich als weniger fleißig und solide im Leben verhalten. Den "Nichtstuern". Ich würde sagen, jeder, der das Nichtstun kritisiert, sollte es einmal selbst ausprobieren und schauen, ob nicht doch ein Preis dafür zu entrichten ist, dass man sich ein paar Freiheiten gönnt.
Würde die Frage eine höhere Berechtigung erhalten, wenn man sie so stellte:
Was kümmert einen das Einkommen einer Visagistin, wenn es einem selbst an Einkommen mangelt?
Dann würde es dennoch keine Rolle spielen aus meiner Sicht, da der Mangel an Einkommen eines Einzelnen nichts mit dem einer Visagistin zu tun hat.
Verschwendung muss man sich leisten können. So lange sich ein Volk Verschwendung leisten kann, wird es das vermutlich tun. Es ist ja nicht so, dass der eigene Haushalt etwa ein Hort des vernünftigen Handelns mit seinen Ressourcen wäre.
Wenn der Einzelne seine Haushalts-Ausgaben selbst mal überprüft und einer Statistik unterzöge, was käme dabei heraus? Vermutlich auch, dass wir alle furchtbar gute Konsumenten sind.
Daher scheint mir, ist das Mangel-Empfinden eher eine mentale Angelegenheit, denn eine materielle.
Natürlich, und diese Angst ist verständlich, ist, dass man den gewohnten Wohlstand verlieren wird. Für Menschen jenseits der fünfzig ist das eine besonders schwierige Zukunftsversion, WEIL man sich so daran gewöhnt hat, fremdversorgt zu sein. Sie ist aber gleichzeitig auch ein Grund dafür, dass man das Leben im Hier und Jetzt nicht zu genießen imstande ist, weil man im morgen und übermorgen sich und andere leiden sieht.
RE: Betrachtung der Diskussionskultur im Netz am Beispiel der Debatte bezüglich der Ausgaben für Baerbocks Visagistin.