Heute vor einem Jahr habe ich eine Tasche für ein paar Wochen gepackt und den Rest, der nicht in einen großen Koffer passte, an die Mülltonnen gestellt. Das war ein Schreibtisch , Geschirr, Reiskocher und Wok und mehr so Krempel. Vorher habe ich noch überlegt, ob ich das Angebot meines Vermieters annehmen sollte und das Studio erstmal mietfrei behalten sollte, es wären ja nur ein paar Wochen, bis sich der Stress gelegt hat.
Der Koffer steht immer noch bei einem Freund, der Mietpreis ist von 6500 auf 2000 gefallen und aus den paar Wochen ist ein ganzes Jahr geworden.
Nun gab es Leute, die in der Verbannung den nächsten Krieg geplant haben oder sich über Jahrzehnte darüber beklagt haben.
Bei mir war es anders. Die ersten Wochen war ich irgendwie auf Urlaub, ich hatte ja mein Ticket in den Urlaub im Juli 2020 auf den Philippinen schon in der Tasche. Als dieses verfiel, weil Duterte wirklich keinen reinlassen wollte und will, habe ich mir ein Ticket zurück nach Bangkok gekauft für einen Zeitpunkt, wo nun wirklich alles vorbei sein sollte. Aber auch an diesem 30.August ist kein Flieger nach Bangkok abgehoben. Dann, und das war schon fast verzweifelt, diese Ticket umgebucht auf den 30. September, aber wieder nichts. Seitdem kaufe ich Tickets nur noch lastminute, habe ich mir geschworen.
###Ein Jahr Urlaub ist zu viel
besonders wenn man als 55 Jähriger im Elternhaus mit den Eltern lebt. Die erste Zeit oft und danach immer mal wieder kam es zu Zusammenstößen, weil ich nicht mehr gewohnt war, als "KInd" behandelt zu werden und meine Eltern es nicht realisieren, dass ich bereits in einem Alter sind, in welchem sie selbst an ihre Rente gedacht haben. Aber das war ja abzusehen. Mittlerweile funktioniert das, wahrscheinlich weil ich wieder meine "deutschen" Verhaltensmuster zeige.
Der Sommer war eigentlich eine einzige Enttäuschung. Neben dem Warten auf Öffnung habe ich viel politisches gelesen, etwas , was ich sonst nicht gern mache, weil diese Sprache eigentlich immer etwas kriegerisches und feindseliges hat. Ich musste aufpassen, dass ich nicht selbst so werde wie die Leute auf Twitter oder facebook, die nur Negatives sehen.
Ich habe sogar probiert zu tauchen, aber als ich das erste Mal in dieser kalten Brühe war wusste ich , dass ist nichts mehr für einen alten Mann, der 30 Grad Wassertemperatur als gerade noch angenehm ansieht. Also einmal und nie wieder.
Zumindest hat Arbeit meinen Kopf frei gemacht.
Als ich so langsam nach Wochen realisiert habe, dass diese Verbannung keine Pause in meinem Leben ist, sondern edas Ende meines bisherigen Lebens, habe ich begonnen mir etwas zu tun zu suchen. Idealerweise natürlich etwas, was ich mitnehmen kann. Also Onlinejobs.
Nun kann ich vieles aber Experte bin ich nur in Von-allem-etwas, also fielen die gutbezahlten und Expertenjobs aus, ebenso wie alle, die an Deutschland gebunden sind. Aber so nach und nach ist doch etwas geworden. Ich habe jetzt ein paar Auftraggeber, deren Aufträge machen mich nicht reich oder füllen mich aus, aber ich kann mich zuverlässig über Wasser halten und in der dritten Welt sogar gut davon leben. Es dauerte eine Weile bis ich das realisiert hatte, aber dann habe ich begonnen, meine Verträge so umzubauen, dass ich fast überall in der Welt arbeiten kann, versichert bin und das es legal ist.
Ich weiß noch nicht wo ich landen werde. Aber im Unterschied zu den ersten Monaten will ich nicht mehr nur weg von Deutschland, sondern ich will dahin, wo es mir gefällt. Ich lerne wieder jeden Tag englisch und spanisch, der Weg nach Mittel- und Lateinamerika ist ja offen.
Die Tasche ist schon wieder gepackt, die letzten Bestellungen fürs neue Tauchgerassel sind raus und schon unterwegs, es kann sich nur noch um Wochen handeln. Asien wird es zwar nicht werden, dort bleibt für Langzeitaufenthalte sicher alles geschlossen bis Ende des Jahres.
Mir hat das Jahr sogar gut getan. Ich bin jetzt unabhängiger als vorher und wieder neugierig auf die Welt. Ich habe sogar wieder Lust auf social media, wie man sieht.