Bahnhöfe bedeuten oft
Betriebsamkeit,
Kurzlebigkeit,
Effizienz,
just in time,
Abschied,
Hektik, . . .
Leute laufen hinter ihren Zügen hinterher.
Gepäckstücke rollen mit ihren Besitzern über
die Bahnsteige.
Hunde ziehen ihre Tierfreunde durch die Gänge.
Smartphones tragen ihre schlafwandelnden Benutzer
durch den Pendlerstrom.
In einem Bahnhof jedoch, herrscht die Idylle.
Ein Haltepunkt im Schienennetz bildet eine Ausnahme.
Liebliche Klänge hallen durch das Bahnhofsgebäude.
Klein, aber fein, steht ein Klavier am Ende einer
Überführung.
Zwischen
den Geschäften,
dem Aufzug,
den Sitzbänken,
dem Treppenaufgang,
dem Zuginformationsschalter,
der Bäckerei, …
steht ein echtes Kuriosum, welches nicht so recht
in die Umgebung passt.
Die Leute, welche von den Bahnsteigen hervorströmen,
kommen an diesem Piano vorbei.
Ein aufgestelltes Schild lädt Zugreisende,
die noch ein paar Minuten erübrigen können,
zum Spiel ein.
Setzt ein enthusiastischer Pendler,
der kurz vor einer anstrengenden Besprechung ist,
zur Sonate Nummer 18 in D-Dur von
Wolfgang Amadeus Mozart an,
stehen alle Pendler plötzlich verzückt vor dem
Klavier.
Für einen kurzen Moment herrscht
Aufmerksamkeit,
Andacht,
Nachdenklichkeit,
Stille,
Achtsamkeit,
Staunen,
Erhabenheit, …
Die Züge bleiben stehen,
die Rolltreppe stellt ihren Betrieb ein,
die Bäckereiverkäuferin hält in ihrem Verpacken inne,
die Straßenbahnen bleiben vor dem Bahnhof stehen,
alle Smartphones gehen aus,
der Autoverkehr steht für einen Augenblick, …
und lauschen der Darbietung.
Das heißt, fast . . .
Man darf ja mal träumen.
Aber trotzdem,
es lauschen viele Leute den Vorstellungen.
Wer sich schon immer einmal gewünscht hat,
ein Solokonzert geben zu dürfen,
ist hier richtig.
Hier können Träume aus Kindertagen von
großen Auftritten in imposanten Konzertsälen
ausgelebt werden.
Der Auftritt an diesem Piano stellt alle Darbietungen in
der Carnegie Hall in New York,
der Suntory Hall in Tokio,
dem großen Goldenen Musikvereinssaal in Wien,
der Boston Symphony Hall,
der St. Petersburger Philharmonie,
dem Teatro Colón in Buenos Aires,
das Teatro alla Scala in Mailand,
in den Schatten.
Dieses kleine Klavier,
am Rande eines Bahnhofsganges,
umgeben von Hektik,
bildet einen Ruhepunkt.
Wie gehen wir mit Hektik und Betriebsamkeit um?
Können wir für einen kurzen Moment innehalten, um wieder
aufzutanken?
Haben wir auch im Alltag die Möglichkeit, Ruhe zu finden?
Diese kleinen Ruheinseln sind wichtig für uns.
Eine Oase inmitten der Unruhe ist für unser Wohlbefinden
entscheidend.
Kurze Auszeiten können wir unterschiedlich gestalten:
eine kleine Pausen in einer Parkanlage,
eine schöne Tasse Kaffee mit netten Leuten trinken,
den Duft eines Rosenstrauchs bewusst wahrnehmen,
ein Fußballspiel besuchen,
ein besonderes Buch lesen,
eine Skulptur aus Ton herstellen,
einem Straßenmusikanten zuhören,
die Weltformel austüfteln,
ein Museum erforschen, . . .
Findet heraus, was euch gut tut und
nehmt euch diese kurzen Auszeiten
bewusst.
Dieser alte irische Spruch ist eine gute Ermutigung:
„Ich wünsche dir
die Fröhlichkeit eines Vogels im Ebereschenbaum am Morgen,
die Lebensfreude eines Fohlens auf der Koppel am Mittag,
die Gelassenheit eines Schafes auf der Weide am Abend.“
Für alle, die bis jetzt voller Spannung vor der Tastatur
saßen und wissen wollen, welcher Bahnhof die
pure Idylle ausdrückt, kommt jetzt die Lösung.
Es ist der Hauptbahnhof Mainz.
Beim Umsteigen ist mir das originelle Klavier aufgefallen.
Ein paar Bilder habe ich in dem Artikel eingebaut.
Wenn es euch jetzt in den Fingern juckt,
könnt ihr nach Mainz fahren und die
Toccata in d-Moll von Johan Sebastian Bach
anstimmten.
Viele Grüße.