ERWACHEN

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Erwachen

Von @f3nix

Das Hoverbike lag verlassen auf der Seite, der Motor noch warm.

Der feine schwarze Staub, den der unaufhörliche Wind mit sich führte, war eine Schlange, die in jede kleine Nische kroch.

Von der Spitze der Düne aus konnte man den Tesseract 19 mit bloßem Auge erkennen.

Die Säule durchbrach das schwarze Meer aus Graphit und forderte den dunkelkarminroten Himmel heraus. Das Wissen um seine Entfernung ließ ihn zusammenzucken. Dieses Bauwerk war gewaltig. Dieses undurchdringliche Artefakt, Molochs schärfster Zahn.

Der warme Wind, der sich mit Staub vermischte, brachte ein unmerkliches Heulen hervor: das Bellen des Monolithen, ein Omen des Todes.

Der Mann wartete, ein steifes Exoskelett,

das sich über den schwarzen Sand beugte. Der Helm lag verlassen neben ihm. Bald würde das Team angekommen sein.

"Bald wirst auch du ankommen und alles wird vollendet sein, so oder so."

Er dachte an ihr Lächeln, ihren Mut, ihre Stärke. "Mein Leben, wie konnte ich nur so leichtsinnig sein, dich in all das zu verwickeln?" Die Tränen kullerten schon schwarz, als die Erinnerungen an ihre glückliche Normalität ihn überkamen.

"Ich kann nicht zulassen, dass sie mich so finden." Er starrte sich von außen an: ein weiterer Turm auf einer Düne, viel unsicherer als der, der seinen wilden Wunsch heulte.

Diese und andere Dämonen hallten in den Kammern seiner Seele wider, als seine Augen auf einen grünen Spross trafen. Der Mann starrte dieses kleine Wunder an, das gegen alle Widerstände um seine Existenz kämpfte. Mitten in diesem Meer aus bodenloser Verzweiflung.

Die Träne fand schließlich ihren Weg und badete in einem Blatt.

Der Mann schaffte es, sich zusammenzureißen, und setzte lächelnd seinen Helm auf.

"Dieser Moloch wird erbeben, die Zeit des Erwachens ist gekommen."


An dieser Stelle nahm ich den Faden des Autoren auf und vollendete die Geschichte innerhalb der damals sehr beliebten "Finish the story"-Wettbewerbe. Und so geht es weiter:


Schon hörte er ein sich näherndes Geräusch, das helle Brummen anderer Sandräder ließ seinen aufkeimenden traurigen Mut weiter ansteigen.

Er schwang sich auf sein eigenes Gefährt und entfernte sich von dem zarten Pflänzchen, das ihm wie ein Schimmer von Gutgläubigkeit erschien, als das Team sich ihm anschloss.

Sieben dunkle Schatten rasten auf den Tesserakt zu,

winzig und machtlos im Vergleich zu der Monstrosität, die im weiten Umkreis alles Leben ausgelöscht hatte und teilweise zu schwarzem Sand und Glas verschmolzen war.
Darunter auch sie, obwohl er wider besseres Wissen gehofft hatte, dass sie nicht dort war. Bald waren sie verschwunden und steuerten auf ihre tückische Aufgabe über die Dünen zu.

düne_sepia.jpg

In der nun eintretenden Stille näherte sich eine weitere nächtliche Gestalt.

Unklar, woher. Ihr Weg führte sie direkt zum Spross. Dort angekommen, beugte sich der Wanderer hinunter und betrachtete das kaum feuchte Blatt, das von der Träne getroffen worden war. Aus einer Umhängetasche nahm er ein ledernes Gefäß und schüttete sanft, ganz sanft, Wasser aus. Langsam begann der Junge, sich hin und her zu wiegen.

Dann stimmte er mit leiser - fast flüsternder Stimme - einen Gesang an.

Ma ma ma ma ma Materie, wa wa wa wa wachse schneller.
wachse groß, wachse fein.

Kind liebt dich.
Moloch nicht.
Leben zählt.

Tick tack, tickeditick.
Leben zählt.
Zunge spricht.
Leben gipfelt.
Zweige wachsen.
Blätter leuchten.

Tick tack tickeditick.
Leben zählt.
Zunge spricht.
Leben gipfelt.
Zweige wachsen.
Blätter leuchten.
Geist sickert.

Tick tack tickeditick.
Leben zählt.
Zunge spricht.
Leben gipfelt.
Zweige wachsen.
Blätter leuchten.
Geist sickert.
Stamm knarzt.

...

Allmählich begann die Pflanze zu zittern und schien sich ein wenig zu strecken. Der Junge, der mit seinem langsamen Gesang begonnen hatte, um die Pflanze herumzugehen, fügte nun einen neuen Rhythmus in seine Bewegung ein. Er ging zwei Schritte, blieb mit gespreizten Beinen stehen, zog ein Bein scharrend gegen das andere, und so bewegte er sich weiter, umgeben von Staub.

Wenn ihn jemand aus der Ferne beobachtet hätte,

wären ein paar Wortfetzen zu ihm herüber geweht. Er hätte einen schlanken Jungen gesehen, der sich immer weiter zu einem Tanz erhob, während sich auf wundersame Weise eine kleinere Gestalt neben ihm bewegte, ja sogar wuchs, als würden sich dürre Arme in die Höhe strecken und verwurzelte Nachkommen hervorbringen. Bald würde sie den Jungen überragen, und der Junge würde immer noch singen und tanzen. Mit einer Stimme, ein wenig heiser und doch klar in der Absicht.

Tanzen musste er. Und singen.

Die Sieben waren schon vor einiger Zeit am Fuße des Monolithen angekommen.

Dunkel, von stummer Arroganz erfüllt, hatte er sich ihnen präsentiert. Schweißgebadet standen sechs Männer und eine Frau da und versuchten, wieder zu Atem zu kommen und die beißenden Kopfschmerzen zu ignorieren.

Doch nichts.

Nur ein paar heiße Kratzer, die sie der massiven Pforte hatten zufügen können. Sie hatten mit allem geschossen, was ihre Waffen zu bieten hatten. Aber nein. Dem Mann war kurz schwindlig geworden. Der feine Staub, den sie einatmen mussten, verursachte ihm eine hämmernde Migräne. Er blickte nach oben, sehr weit nach oben, wo ein einzelnes Fenster zu sehen war, ein fernes schwarzes Auge.

Einer der Männer hatte sich in größerer Entfernung positioniert, während die anderen nun zur Seite traten und zusahen, wie er eine Art Raketenständer aufbaute.

Der Mann stellte sich neben die Frau, und einen Moment lang sahen sie sich an, streiften sich ihre Hände. Dann der Ruf: "Jetzt noch weiter weg! Gleich wird es wieder laut!" Eigentlich glaubte keiner von ihnen, dass ein stärkeres Geschoss etwas Neues bewirken würde. Was aber tun?

Bevor jedoch der Plan zur Ausführung kam, begann die Erde zu beben.

Der Mann und die Frau wurden umgeworfen und direkt am Fuße des Tesserakts brach die dunkle Erde auseinander und ein mächtiger Strang wuchs daraus hervor.

Der Mann war der erste, der reagierte. "Auf!", rief er den anderen zu, die dem Aufblitzen der Erinnerung eines grünen Keimlings folgten, "Schnell, schnell, macht, dass ihr aufspringt!"

Und ohne nachzudenken, sprangen sie auf das nun dicker gewordene grüne Geäst, dem weitere Arme wuchsen, und ließen sich höher tragen, wo das Fenster nicht mehr dunkel lachte.

Tesserakt Nr. 19 war nur noch eine Nummer.

Draußen, wo es begonnen hatte, war wieder Stille über die Nacht gekommen.

Ein Junge hatte einen Tanz beendet. Seine Stimme war versiegt, genau wie der Schlauch mit dem Wasser. Er lag regungslos da und wäre leicht anzuschauen gewesen, so hätte man seine glänzenden Augen in den Himmel starren und ein Lächeln um seinen jungen Mund spielen sehen können.

"Jeder Moloch hat einen Besieger ... ", waren seine letzten Gedanken.

ENDE.


Mein Blog ist mittlerweile vier Jahre alt. Es gibt so vieles im Archiv, dass ich es für an der Zeit halte, einiges aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen. Drei Jahre ist es her, dass ich an den Wettbewerben für "finish the story" mitgemacht habe und einige dieser Geschichten werde ich jetzt hier der Deutsch-Community zum Lesen anbieten.

Schade, dass die Organisatoren des Wettbewerbs nicht mehr dabei sind, genau wie viele der Teilnehmer verwaiste Blogs hinterlassen haben. Ich erinnere mich gern an diese Zeit und will sie dadurch wieder aufleben lassen, dass ich mich an die Übersetzungen mache. Ich hoffe, Ihr habt Spaß am Lesen, mindestens genauso interessant sind die Kommentare unter den Postings. Hier könnt ihr zum Original wechseln.


My blog is now four years old. There is so much in the archive that I enjoy reading that I think it's time to translate some of it from English into German. It's been three years since I entered the "finish the story" contests, and I'm now going to offer some of those stories here for the German community to read.

It's a pity that the organizers of the contest are no longer with us, just as many of the participants have left orphaned blogs. I have fond memories of that time and want to revive them by getting to work on the translations. I hope you enjoy reading, at least as interesting are the comments under the postings. You can go to the original here. Please let me know, how you liked the story in the comment section of this posting, I still enjoy your feedback.

In the near future I will translate what I find my best finished stories. For the English speaking folk: you have the advantage to also see the comments under the stories and how we authors gave each other feedback.


Picture sources:

(I altered them color-wise):

Photo by Gaurav Sehara on Unsplash

Photo by Matt Artz on Unsplash

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